Stimme+
Handball
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Wenn die Euphorie durch die Adern schießt: SGSB sendet Lebenszeichen vom Tabellenende

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

Mit seiner besten Saisonleistung düpiert Zweitligist SG Schozach-Bottwartal den TSV Nord Harrislee. Beim 33:30 macht die Unterländer Mannschaft des Jahres ein nahezu perfektes Spiel. Ein Trainerfuchs und eine Teenagerin ebnen den Weg zum Erfolg.

Sie bekamen das Strahlen kaum noch aus ihren Gesichtern: Natascha Weber, Elena Fabritz und Torhüterin Jana Brausch (von rechts) feierten mit den Fans.
Sie bekamen das Strahlen kaum noch aus ihren Gesichtern: Natascha Weber, Elena Fabritz und Torhüterin Jana Brausch (von rechts) feierten mit den Fans.  Foto: Veigel, Andreas

Sie haben da dieses Ritual im Bottwartal. Falls am Ende einer Bundesliga-Partie die Punkte in Beilstein bleiben, dann dauert es meist nicht allzu lange, bis Helene Fischer über die Lautsprecheranlage der Langhanshalle durchstartet, "um hier und jetzt Geschichte zu schreiben". Dann geht es ganz schnell von "Null auf 100". Es wird getanzt, gejubelt und gefeiert. Fast zwei Monate mussten sie darauf warten, bevor es Fischer am Samstagabend wieder in die Langhanshalle schaffte.

"In nur einem Moment kann sich alles drehen; wir haben uns schon so lang nach diesem Tag gesehnt", stellte die Schlagersängerin dabei fest. Der Moment der SG Schozach-Bottwartal dauerte am Samstagabend ganze 60 Minuten, die Sehnsucht sogar fast zwei Monate. Fünf punktlose Spiele waren seit dem 30:26 gegen Bremen ins Land gezogen, bevor nun ein 33:30 (19:15) gegen den Tabellensechsten TSV Nord Harrislee folgte. Und es war von Anfang bis Ende ein spielerisches Feuerwerk.

Aus Krauses Skepsis wird Freude

SGSB-Trainer Jürgen Krause wirkte nach der Schlusssirene und den ersten Glückwünschen fast etwas ungläubig. Viele Worte fand er auf jeden Fall nicht. Nicht, dass der Sieg ihm unangenehm gewesen wäre, aber vielleicht war dem 66-Jährigen vielmehr ein wenig unheimlich, was seine Spielerinnen da kurz zuvor auf die Platte gebracht hatten.

Zur Pause war er trotz einer Vier-Tore-Führung nur verhalten optimistisch gewesen. "Ja, es sah von Anfang an richtig gut aus. Aber wer denkt denn, dass Harrislee weiterhin so schlecht spielen, beziehungsweise gegen die taktische Maßnahme kein Mittel finden würde? Und dann müssen die hinteren Sechs ja auch noch funktionieren", sagte der erfahrene Trainer und umriss damit zugleich seinen Matchplan.


Mehr zum Thema

Rund 350 geladene Gäste verfolgten das Fest des Sports am Donnerstagabend im altbekanntem Format unter der Pyramide der Kreissparkasse.
Fotos: Andreas Veigel
Stimme+
Fest des Sports
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Wie in alten Zeiten: Unterländer Sport-Familie feiert das Fest des Sports


Lara Däuble überragt alle

Krause hatte selbst gehörigen Anteil am vierten Beilsteiner Saisonsieg. Denn er hatte die 16-jährige Lara Däuble in einer 5:1-Deckung als Sonderbewacherin für Harrislees Spielmacherin Madita Jeß abgestellt. Däuble blieb also im Rückzugsverhalten rund einen Meter hinter dem Anwurfkreis stehen, und wartete darauf, dass sie Jeß auf- und anschließend aus dem Spiel nehmen konnte. Es sollte der spielentscheidende Schachzug werden, mit dem Krause seinen Gegenüber Malte Bohrnsen überlistete.

Krauses Plan und Däubles Beitrag: Trainer Jürgen Krause hatte einen Matchplan ausgearbeitet, den Lara Däuble nahe an der Perfektion umsetzte.
Krauses Plan und Däubles Beitrag: Trainer Jürgen Krause hatte einen Matchplan ausgearbeitet, den Lara Däuble nahe an der Perfektion umsetzte.  Foto: Veigel, Andreas

Dass es nicht nur bei Krauses Plan blieb, sondern auch dessen Umsetzung perfekt funktionierte, lag freilich an Lara Däuble. Was die U-Nationalspielerin am Abend spielte, war von Anfang bis Ende und von vorne bis hinten ganz großer Handball. Däuble hielt Madita Jeß - immerhin zweitbeste Torschützin der zweiten Liga - bei einem (!) Feldtor, fing dazu mehrere Pässe im Spielaufbau der Gäste ab, erzielte insgesamt zwölf der 33 Beilsteiner Tore und verwandelte alle ihre sieben Siebenmeter unbeeindruckt im ersten Wurf. "Sie hat ein riesen Spiel gemacht", lobte Jürgen Krause, der im Vorfeld überhaupt kein Problem darin gesehen hatte, seiner jüngsten Spielerin im Kader die wichtigste Aufgabe des Tages anzutragen. "Sie ist schon so weit, ihr fehlt eigentlich nur das Alter. Im Kopf ist sie schon wesentlich weiter. Ich habe noch keine 16-Jährige gesehen, die so ein Potenzial hat und das auch in der zweiten Liga umsetzt - wir spielen hier ja nicht in der Bezirksliga. Es war einfach richtig gut."

Spielfreudiger Rückraum macht den Unterschied

Doch der Abend wurde nicht allein zur Däuble-Show, sondern zu einer des gesamten Teams. Spielführerin Elena Fabritz, Regisseurin Natascha Weber, die umtriebige Lisa Loehnig und Rückkehrerin Lotta Gerstweiler, die mehr spielte, als Krause ihr eigentlich zugestehen wollte, machten aus dem Rückraum heraus mächtig Tempo - und holten sich im Nachgang allesamt ein Sonderlob von ihrem Trainer ab. Der Ball wechselte schnell seine Besitzerin, die Abschlüsse waren meist überlegt und die mitunter großen Lücken in der TSV-Deckung häufig zielstrebig gefunden.

Die SG Schozach-Bottwartal machte am Samstagabend richtig Spaß und unterstrich, dass sie in dieser Verfassung nichts am Tabellenende der Liga zu suchen hat. Dass das Torhüterinnen-Duo Jana Brausch und Rena Keller zusammen bei lediglich acht Paraden blieb, war zudem weniger ein Anzeichen für eine schwache Leistung, sondern vielmehr ein Indikator dafür, dass ihre sechs Vorderleute einen guten Job gemacht und verhältnismäßig wenig Würfe des TSV Nord Harrislee zugelassen hatten.


Mehr zum Thema

Lara Däuble (links) war bei einer guten Mannschaftsleistung mit neun Toren beste Werferin der SG Schozach-Bottwartal in Berlin.
Stimme+
Handball
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

SG Schozach-Bottwartal und der Sieg-Coup dank des X-Faktors


Beeindruckender Start-Ziel-Sieg

"Heute haben wir uns wirklich belohnt", sagte Krause. Sein stetes Mantra, die Top-Teams der Liga so lange wie möglich ärgern zu wollen, musste er gar nicht erst bemühen. Denn die SG Schozach-Bottwartal hatte niemanden geärgert, sondern ihre Gäste nahezu über die kompletten 60 Minuten aus dem Spiel genommen. Zu keiner Zeit lag die SG in Rückstand, nach elf Minuten hatte es bereits 9:3 gestanden, bevor die Beilsteinerinnen nach der Pause durch vier Tore in Folge von 22:19 auf 26:19 davonzogen und zehn Minuten vor Schluss noch immer mit sechs Toren in Führung lagen.

Längst lag da der Sieg in der Luft. "Und ich weiß, dass du das Gleiche fühlst wie ich - wenn die Euphorie durch deine Adern schießt - weil der Augenblick jetzt alles für uns ist" - Hätten sie Helene Fischer zu diesem Zeitpunkt bereits eine Chance gegeben, es hätte ebenfalls gepasst. Längst dürfte es auch Jürgen Krause gedämmert haben, dass es klappen könnte mit den Zweitligapunkten neun und zehn. Als Däuble in der 55. Minute dann noch einen eigentlich unmöglichen Ball nach dem letzten erlaubten Pass zum 31:25 in den rechten oberen Winkel des Harrisleer Tors zimmerte, war der SGSB nichts mehr zu nehmen. Nicht der Sieg, nicht die Punkte, nicht Helene Fischer und erst recht nicht die anschließende Party.


SG Schozach-Bottwartal: Brausch (5 Paraden); Keller (3 Paraden) - Hanak (2), Däuble (12/7), Hees (1), Weber (6), Klenk, Bauer (1), Räuchle (1), Fabritz (3), Gerstweiler (1), Loehnig (5), Siebert (1).

Erfolgreichste Werferinnen TSV Nord Harrislee: Madita Jeß (6/5), Johanna Andresen (4), Jane Andresen (4), Ellis Meg Bruhn (4/1).

Schiedsrichter: Laura Bley/Birgit Tarka.

Siebenmeter: SG Schozach-Bottwartal: 7/7; TSV Nord Harrislee: 6/7.

Zeitstrafen: 3/4.

Zuschauer: 390.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben