Heilbronner Nick Bangert mit Alleinfahrt bei Deutschland Tour: "Kriege heute noch Gänsehaut"
Mit einem Parforce-Ritt in Richtung Heilbronn hat der Horkheimer Nick Bangert vor einem Jahr bei der Deutschland Tour für Furore gesorgt. Der größte Tag seiner kurzen Profi-Karriere beinhaltet eine tragische Komponente.

Ja, es kribbelt. Nicht nur in den Beinen. Einfach entspannt zurückgelehnt kann sich Nick Bangert die Deutschland Tour aktuell nicht im Fernsehen anschauen. Viel zu lebendig sind noch die Erinnerungen an das vergangene Jahr. Als der Horkheimer auf der ersten Etappe von Schweinfurt nach Heilbronn als Solist über den Weinsberger Buckel an der Spitze des Profifeldes in seine Heimatstadt raste. „Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich auf einem der Streckenabschnitte unterwegs bin. An der Steigung zum Jägerhaus ist mein Name auf der Straße noch lesbar. Ein Jahr danach – das ist Wahnsinn“, sagt der 20-Jährige.
Heilbronner Bangert bei Deutschland Tour: 90 Kilometer an der Spitze des Feldes
Rückblick: Am 22. Mai 2024 war dem „Heilbronner Jungen“ ein „Husarenritt“ gelungen, wie die Heilbronner Stimme titelte. Rund 90 Kilometer war Bangert an der Spitze gefahren, zunächst in einer Ausreißergruppe, ab dem Anstieg bei Cleversulzbach als Solist. Bis zum Ortsschild blieb er allein vorne, ehe ihn das Hauptfeld in der Karlstraße schluckte.

Den Etappensieg sicherte sich Jonathan Milan, doch der Sieger der Herzen war Nick Bangert. „Im kleineren Rahmen habe ich an dem Tag erlebt, was Florian Lipowitz bei der Tour de France passiert ist“, sagt Bangert. Die Medienvertreter stürzten sich auf den unbekannten Hasardeur, sein Instagram-Account explodierte, hunderte Nachrichten gingen auf seinem Handy ein. Bei seinem kleinen Team Lotto Kern-Haus PSD Bank knallten die Sektkorken angesichts der stundenlangen TV-Präsenz im ZDF.
Heilbronner mit Alleinfahrt bei Deutschland Tour: Anruf vom Bundestrainer als Wermutstropfen des Tages
Einziger Wermutstropfen war ein Anruf von U23-Bundestrainer Ralf Grabsch am späten Abend. Der war wenig angetan von Bangerts Parforce-Ritt, hätte sich mehr Zurückhaltung mit Blick auf sein Nationalteam gewünscht, das auch am Start war und dem Bangert ja grundsätzlich ebenfalls angehörte. „Ich habe ihm dann erklärt, dass meine Priorität bei der Deutschland Tour darin besteht, mein Team und mich selbst nach vorne zu bringen“, erinnert sich Bangert an das Gespräch.
Die Tragik dieses Tages lag darin, dass schon im größten Moment einer noch jungen und womöglich vielversprechenden Radsport-Karriere gleichzeitig der Grundstein für deren rasches Ende gelegt war. Denn trotz seiner weiterhin guten Leistungen erhielt Bangert keine Einsätze im Nationalteam, das aber ein wichtiges Sprungbrett für höhere Aufgaben darstellt.
Um eine Profikarriere mit all ihren Unwägbarkeiten von Stürzen und Verletzungen abzusichern, bewarb sich Bangert für die Sportfördergruppe der Polizei. Dafür brauchte er die Bestätigung ein Kaderathlet zu sein, die ihm der Nationaltrainer Grabsch verweigerte.
Nick Bangert ist vom Radsport zum Triathlon zurückgekehrt
Schweren Herzens und nach vielen Gesprächen mit seinen Eltern und seiner Freundin Ina entschied sich Nick Bangert Ende vergangenen Jahres schließlich dafür, seinen Traum vom Profiradsport aufzugeben. „Nicht, weil ich nicht gut genug war, sondern weil mir die Türen verschlossen wurden“, lautet seine bittere Erkenntnis.
Acht Monate später – kurz vor seinem 21. Geburtstag – ist er mit sich und seiner Entscheidung im Reinen. Er ist zu seinen sportlichen Wurzeln zurückgekehrt, startet für das Tri-Team Heuchelberg als Triathlet. Zuletzt beim City-Triathlon in Frankfurt, bei dem er über die Mitteldistanz in seiner Altersklasse M20 Dritter wurde. „Ich gehe es lockerer an, bin im Kopf viel freier. Es fühlt sich gut an“, sagt Bangert. Am 31. August bestreitet er den 70.3-Triathlon in Zell am See, am 28. September will er in Ulm seine Halbmarathon-Bestzeit auf unter 1:20 Stunden verbessern.
Deutlich geringeres Trainingspensum auf dem Rad
Kaum zu glauben, dass sein Trainingsaufwand dennoch deutlich geringer geworden ist. „Statt 30.000 Rad-Kilometern fahre ich nur noch 10.000. Laufen kann man ja überall. Ich bin flexibler, kann mich auch mal spontan mit Freunden treffen oder mit meiner Freundin Tennis spielen“, sagt Bangert. Dass war als Radprofi schon wegen der Verletzungsgefahr ein Tabu.
Dennoch will er die vielen, vielen Trainingskilometer der vergangen vier Jahre, die Erfahrungen allein im spanischen Winter-Trainingslager nicht missen. „Ich habe in dieser Zeit so viel über mich und meinen Körper gelernt. Das wird mir noch mein ganzes Leben helfen“, ist Bangert überzeugt.

Gerne erinnert er sich daran, wie er sonntags nach seiner langen Ausfahrt in seine spartanische Ferienwohnung kam und nichts zu Essen im Kühlschrank hatte. „Dann gab es eben Haferflocken mit Wasser“, sagt er lachend. Da er keinen Fernseher und kein WLAN hatte, griff er zur Zerstreuung zu dicken Wälzern. „Vorher hatte ich nur verpflichtende Schullektüren gelesen.“
Vom 22. August 2024 will Bangert noch seinen Enkeln erzählen
Zurzeit absolviert Bangert den Trainerschein, hat sich zum Ziel gesetzt, seine Erfahrungen und seine Begeisterung für den Radsport an die nächste Generation weiterzugeben. „Es gibt Kinder, die haben mein unterschriebenes Trikot in ihrem Zimmer hängen. Daraus erwächst auch eine Verpflichtung.“ Im September beginnt er zudem eine Ausbildung beim Finanzamt Heilbronn. „Ich denke, die lässt sich gut mit meinen sportlichen Aktivitäten vereinbaren“, sagt Bangert.
Und was bleibt von jenem 22. August 2024? Viele Fotos, die er demnächst in seiner eigenen Wohnung im Haus der Eltern wieder aufzuhängen gedenkt. Viele Eindrücke, die immer noch sehr präsent sind, wenn er mal wieder auf Etappenabschnitten unterwegs ist. Viele Erinnerungen, die ihn sein Leben lang begleiten werden. „Von diesem Tag werde ich noch meinen Kindern und hoffentlich auch Enkeln erzählen“, sagt Bangert.
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