Stimme+
Heilbronn
Lesezeichen setzen Merken

WG Heilbronn wird 50: 1250 Wengerter lassen Korken knallen

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Vor 50 Jahren wurde die Genossenschaftskellerei Heilbronn aus der Taufe gehoben. Die heute größte Einzel-WG Deutschlands erlebte Höhen und Tiefen. Vom 2. bis 6. Juni wird groß gefeiert.

   | 
Lesezeit  3 Min
Kaum zu glauben: Der Großteil des Betriebsareals an der Binswanger Straße gehört nicht der Genossenschaft, sondern der katholischen Kirche.
Fotos: Holger Guenther/WG Heilbronn
Kaum zu glauben: Der Großteil des Betriebsareals an der Binswanger Straße gehört nicht der Genossenschaft, sondern der katholischen Kirche. Fotos: Holger Guenther/WG Heilbronn  Foto: Holger Guenther

Hier geht der Sekt gewiss nicht aus, trotz Festmarathon: An diesem Donnerstag, 2. Juni, feiert die mit 1480 Hektar größte eigenständige Weingärtnergenossenschaft Deutschlands, die Genossenschaftskellerei Heilbronn - der Zusatz Erlenbach-Weinberg fehlt inzwischen - den 50. Geburtstag. Ein interner "Feierabend" geht am Freitag ins Sommerfest über, in das sich neben 1250 geladenen Mitgliedern plus Familien jedermann einklinken kann - bis zum Ausklang am Montag, 6. Juni.


Mehr zum Thema

Stimme+
Heilbronn
Lesezeichen setzen

Wie wär es denn mit einem Wein aus dem eigenen Geburtsjahrgang?


Betriebsgelände gehört der Kirche

Kuriosum: Das Betriebsgebäude steht nicht auf städtischer Gemarkung, sondern im Landkreis, in Erlenbach, wobei die Telefonvorwahl, die Postleitzahl und die Adresse - Binswanger Straße 150 - zu Heilbronn gehören. Dies führte während des Corona-Lockdowns dazu, dass der WG-eigene "Weingarten" im Gegensatz zu anderen Heilbronner Gaststätten wegen niedriger Inzidenzen im Landkreis öffnen durfte. Es kommt noch besser: Das vier Hektar große Grundstück gehört zum Großteil nicht der WG, sondern der katholischen Kirche, die Genossen sitzen dort nur in Erbpacht, weil es die Diözese Rottenburg-Stuttgart partout nicht verkaufen will. "In 50 Jahren läuft der Vertrag aus", erklärt Vorstandschef Justin Kircher und beweist Humor:. "Ich gehe davon aus, dass unser junger Geschäftsführer Daniel Drautz da noch dabei ist und glaube, dass er das mit dem Bischof regelt."

Ursprünglich Heilbronn-Erlenbach-Weinsberg

Das waren noch Zeiten: 1975 wurde der Wein noch in Holzkisten mit dem VW-Busle ausgeliefert. Heute geht fast alles in Plastikkisten oder Kartons über die Rampe − meist in Lkws.
Das waren noch Zeiten: 1975 wurde der Wein noch in Holzkisten mit dem VW-Busle ausgeliefert. Heute geht fast alles in Plastikkisten oder Kartons über die Rampe − meist in Lkws.  Foto: Holger Guenther

Der Standort war vom Erlenbacher Bürgermeister Alfons Biermann eingefädelt worden, der gute Kontakt zur Kirche pflegte. Der Spatenstich folgte am 3. Juni 1973, also genau ein Jahr nach der Fusion der bis dahin selbstständigen WGs aus Heilbronn (350 ha, Gründungsjahr 1888), Erlenbach (250 ha, 1948) und Weinsberg (110 ha, 1868). Hauptgrund für das Bündnis: Es standen überall große Investitionen an, die Standorte platzten aus allen Nähten. In Heilbronn war es besonders schlimm.

Hermann Schneider, der schon als 27-Jähriger Aufsichtsrat und als Nachfolger von Otto Kast 1988 bis 1998 Vorstandschef war, erinnert sich gut an die Warteschlangen der Traubenanlieferer vor der alten Kelter an der Gymnasiumstraße. Ähnlich sah es in Erlenbach und Weinsberg aus, wo die Nachbarwengerter, die sich früher nicht immer grün waren, über ihren Schatten sprangen. "Weitblick, Verzicht auf liebgewordene Eigenheiten und Opferbereitschaft waren zum Gelingen des großen, gemeinsamen Werks notwendig." So brachte Agrarminister Friedrich Brünner die wegweisende Fusion 1972 auf den Punkt.


Mehr zum Thema

Der Neckar war der wirtschaftliche Erfolgsbringer Heilbronns. Seit der Buga 2019 wird er zunehmend als Lebensraum entdeckt.
Foto: privat
Stimme+
Heilbronn
Lesezeichen setzen

Heilbronn klingt gut: Aber wird die Stadt ihrem schönen Namen gerecht?


Mit Tourismus mehr Wertschöpfung

Justin Kircher, seit 2010 Vorsitzender, ist fasziniert vom Weitblick des damaligen Kellermeisters Herbert Volz, der das von Architekt Ernst Pfeiffer geplante Gebäudeensemble konzipiert und in die Topographie eingebunden hat. "Bis heute greift das natürliche Fallprinzip ohne großes Pumpen: von der Traubenannahme übers Pressen bis in die Tanks." Anbauten hätten sich harmonisch einfügen lassen. Und der einst zeittypische Charakter eines Zweckbaus habe nicht zuletzt durch den 2015 zur Straße hin installierten "Wein-Schatzkeller", also den neuen Verkaufs- und Präsentationsraum, den vorgelagerten Weinpavillon mit Lehrgarten und durch das Freiluft-Lokal Weingarten an Charme gewonnen.

Hinter diesen Investitionen steckt ein vom Land preisgekröntes touristisches Gesamtkonzept. So finden in der WG jährlich rund 300 private und öffentliche Veranstaltungen statt, von Familienfeiern und Firmentreffs bis zum Open-Air- Kino und andere Auftritte in Stadt und Umland: vom Klassiker Heilbronner Weindorf, wo die WG schon unter Geschäftsführer August Muhler die Fäden zusammenhielt, über die Wein-Villa, in der mit Karl Seiter der Schulterschluss von Genossen und Gütern glückte, bis zum Buga-Stand, aus dem der Pavillon am Neckar erwuchs.

Als der Dampfer in Schieflage kam

Freilich war nicht immer alles Gold: Mitte der 1990er scheiterte der - erst 2018 geglückte - Abschied vom Bandwurmnamen an Erlenbacher und Weinsberger Patrioten. In den 1990ern sank das Traubengeld dramatisch. 1997 trennte man sich im Unfrieden von Geschäftsführer August Muhler, Noch so ein Paukenschlag: 2019/20 blieb es für Michael Eißler nur beim Gastspiel. Die jüngere Erfolgsgeschichte ist vor allem mit dem langjährigen Geschäftsführer Karl Seiter verbunden, der den in Schieflage geratenen Dampfer ab 1998 mit den Vorstandschefs Martin Haag und Justin Kircher auf Kurs brachte, das Traubengeld hoch schraubte, die Fläche von 600 auf 1480 Hektar (ha) mehr als verdoppelte: 2007 mit dem Anschluss der auf 35 ha geschrumpften WG Neckarsulm-Gundelsheim, 2011 mit Flein-Talheim (300 ha). Lehrensteinsfeld brachte 2012 130 ha, das Untere Jagsttal rund 12 ha, Unterheinriet 2013 rund 60 ha, Grantschen stieß 2014 mit 148 ha hinzu.

Mit Top-Produkten nicht locker lassen

Neben 1250 Mitgliedern hat die WG 100 festangestellte Mitarbeiter. Zusammen nehmen sie jährlich bis zu 15 Millionen Kilogramm Trauben in die Hand. Insgesamt gewinnt man daraus 300 verschiedene Produkte. Über die "Mehrmarkenphilosophie" blieben die Namen der Teilgemeinden meist erhalten. Spätestens mit dem neuen Bezeichnungsrecht, mit dem 2025 Großlagen wegfallen, will Kircher das Sortiment straffen. Seit dem Amtsantritt 2010 setzt der Feinschmecker mit den Kellermeistern Arne Maier, Dieter Beil, Michael Schwager und Tobias Zeller verstärkt auf "Türöffner", vergisst aber auch den Trollinger nicht. Nächstes Ziel: Dem Deutschen Rotweinpreis von 1986 endlich einen zweiten folgen zu lassen. Mit Top-Produkten wie St. Kilian, St. Veit, Grandor oder Unchained kam man mehrmals zumindest ins Finale.

 
Kommentare öffnen
  Nach oben