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Heilbronn klingt gut: Aber wird die Stadt ihrem schönen Namen gerecht?

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Heilbronn ist keine Schönheit, hat Ecken, Kanten, Reibeflächen, Energie. Vielleicht macht gerade dies ihren Reiz aus. Mit Stadtbahn, Bildung und Buga erfindet sich die alte Neckar- und Weinstadt neu.

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Der Neckar war der wirtschaftliche Erfolgsbringer Heilbronns. Seit der Buga 2019 wird er zunehmend als Lebensraum entdeckt.
Foto: privat
Der Neckar war der wirtschaftliche Erfolgsbringer Heilbronns. Seit der Buga 2019 wird er zunehmend als Lebensraum entdeckt. Foto: privat  Foto: Laura Loewel / privat

Heilbronn? Klingt gut. Der wunderbare Name tauchte erstmals 741 auf. Aber: Verspricht er nicht mehr, als diese Stadt halten kann? Ist sie heil, respektive schön - oder doch eher trist und langweilig? Die Meinungen über die Wein-, Käthchen-, Neckar-, Wissens- und inzwischen sogar Universitätsstadt gehen auseinander.

Einen Überblich verschaffen

Nirgendwo lässt sich das genau 100 Quadratkilometer umfassende Stadtgebiet besser überblicken, als vom 306 Meter hohen Wartberg, zumindest räumlich, zwischen Reben und Neckar, zwischen Villen und Hochhäusern, zwischen Parks und Industriegebieten, zwischen Straßenzügen und Bausünden.


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"Alles, was man übersieht, ist fruchtbar," stellte Dichterfürst Goethe hier anno 1797 fest. Die Reichs- und Handelsstadt avancierte im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung zum schwäbischen Liverpool, die Innenstadt zu einem der schönsten Flecken zwischen Paris und Prag.

Phoenix aus der Asche des 4. Dezember

Davon ist seit dem 4. Dezember 1944 nicht mehr viel übrig, vier Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Alt-Heilbronn total zerstört. Wie Phoenix aus der Asche erstand eine neue Stadt, aus der Not heraus, vielleicht etwas zu schnell, zu pragmatisch, mit einer austauschbaren City. Auch wenn man durch Gastarbeiter - die längst zu Bürgern wurden - und durch Eingemeindungen in den 1970ern zur Großstadt avancierte: Alles schien klein und bieder zu bleiben. Doch seit der jüngsten Jahrhundertwende macht Heilbronn Qualitätssprünge, die zuletzt bestenfalls von Corona gebremst wurden. Wie eine Initialzündung wirkte die Stadtbahn, von der der Funke auf ambitionierte Neubauten übergesprungen ist: von der Harmonie über Kaufhäuser, Banken, Bildungscampus, Experimenta, Buga-Stadtteil Neckarbogen, SLK-Klink-Neubau. Der Zuzug von Studenten (bald sind es 10 000), zugkräftige Firmen, ein Wohnbauprogramm und familienfreundliche Angebote mit 97 gebührenfreien Kitas, 66 Schulen, 140 Sportanlagen lassen Heilbronn wachsen, machen es jünger, bunter.

Eine Stadt auf den zweiten Blick

Trotz Um- und Aufbruch ist das moderne Heilbronn keine Schönheit. Für Lokalpatrioten macht gerade dies den Reiz aus: Reibeflächen, Spannung, Energie. Diese Stadt erschließt sich auf den zweiten Blick, mit ihren Festen und Kulturangeboten, diese Stadt der schönen Momente, mit ihren besonderen Ecken und Plätzen, - mit ihren tristen Hinterhöfen und anderen Randerscheinungen, - mit ihrem vielen Grün. Jemand hat 50 000 Stadtbäume gezählt und 375 Hektar öffentliches Grün: vom Trappensee über den Pfühl- zum Neckar- und Wertwiesen- zum Ziegeleipark, zurück zum Botanischen Obstgarten.

Älteste Weinstadt Württembergs

Vom Wartberg aus lässt sich diese Stadt zwischen Reben und Industrie, zwischen alten Villen und Bausünden am besten überblicken.
Foto: Andreas Veigel
Vom Wartberg aus lässt sich diese Stadt zwischen Reben und Industrie, zwischen alten Villen und Bausünden am besten überblicken. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Ein wichtiges Lebenselixier ist der Wein. Weil Rebgärten schon anno 767 erwähnt wurden, gilt Heilbronn als älteste Weinstadt Württembergs. Kein Wunder, dass die Hochschule Heilbronn und die Duale Hochschule Baden-Württemberg Studiengänge wie Internationale Weinbetriebswirtschaft, Wein-Technolgie-Management und Food Management anbieten. Gute Tropfen spielen vor allem in 25 Gütern, 20 Besenwirtschaften, in Württembergs größter WG eine Rolle, aber auch auf unzähligen Heckenfesten der Wengerter sowie der Sport- und Kulturvereine. Wein, Speisen und Wasser fließen in der mediterran anmutenden Neckarmeile zusammen, mit 20 Freiluftlokalen plus Weinpavillon an der Neckarbühne.

Neckar als Erfolgsbringer

Die Stadtbahn hat in den 1990ern auch städtebaulich viel bewegt. Inzwischen zeugt der autonome Bus-Shuttle von der Mobilitätswende.
Foto: Ralf Seidel
Die Stadtbahn hat in den 1990ern auch städtebaulich viel bewegt. Inzwischen zeugt der autonome Bus-Shuttle von der Mobilitätswende. Foto: Ralf Seidel  Foto: Seidel

Heute wird der Neckar als Lebensraum neu entdeckt. Früher war er der wirtschaftliche Erfolgsbringer: dies schon seit 1333, als Kaiser Ludwig den Bürgern erlaubte, den "Necker (zu) wenden und keren wahin si duncket" und Zölle Geld in die Kassen spülten. Die historische Wilhelmsschleuse zeugt davon, ein Wasserkraftwerk, aber auch die Schlote des EnBW-Kraftwerks. Früher dominierten Mühlen. Aus ihnen erwuchs die Papier- und Druckindustrie, aus der Nähe zur Landwirtschaft Lebensmittelproduzenten. Stark prägen Maschinen- und Werkzeugbau, Elektro- und Automobilindustrie das Oberzentrum der Region. 75 Prozent der 97 000 Arbeitsplätze bieten inzwischen aber Händler und Dienstleister.

Aufbruch zu neuen Ufern

Alles ist im Fluss. Im Hafengebiet ist der Wandel offensichtlich. Er gehörte einst zu den größten Binnenhäfen Deutschlands, rutschte aber trotz Containerterminal ab. Im Norden steht der WTZ-Turm im Zukunftspark Wohlgelegen für die Konversion. Hier hilft die starke Wirtschaftsregion Start-up-Firmen aus dem High-Tech-Bereich auf die Sprünge. Südlich davon wächst seit der Buga 2019 der Stadtteil Neckarbogen, mit nachhaltig konzipierten Häusern, Grün, Promenaden, Wasser, mit viel Potenzial. Hier bricht die Stadt am Fluss, vom Wein beschwingt, zu neuen Ufern auf, während sich neue Horizonte öffnen, etwa neben dem Gewerbegebiet Böllinger Höfe mit dem KI-Park für Künstliche Intelligenz.

 

Dieser Artikel wird in unserem Nachrichten-Podcast MorgenSTIMME erwähnt - für weitere Nachrichten aus der Region, Deutschland und der Welt, können Sie hier den ganzen Podcast anhören.

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