Gerd Chrzanowski, Chef der Schwarz-Gruppe: "Ich mache mir Sorgen um den Mittelstand"
Weltmarktführer-Gipfel in Schwäbisch Hall: Gerd Chrzanowski, Chef der Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland, gibt Einblicke zum Thema Cybersicherheit, zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland – und zu den Bauernprotesten.

Drei Tage lang ist in Schwäbisch Hall wieder alles vertreten, was in der mittelständischen Wirtschaft Rang und Namen hat. Zu den Besuchern gehören Weltmarktführer auch aus der Region, allen voran die Familie Würth, an diesem ersten Kongresstag vertreten durch Maria, Christian und Sebastian Würth. Unter den Gästen der Wirtschaftswoche-Redaktion auf der Bühne sind unter anderem die Spitzen von Fresenius, Weleda, Tesa oder eben auch der Chef der Schwarz-Gruppe, Gerd Chrzanowski. Der nutzt das inzwischen so beliebte Wörtchen Ökosystem plötzlich in ganz neuen Zusammenhängen.
In der Region wird der Begriff Ökosystem vor allem in Zusammenhang mit Start-ups und KI benutzt. In Heilbronn entsteht auf Betreiben der Dieter-Schwarz-Stiftung und der Schwarz-Gruppe ein Netzwerk aus Institutionen und Unternehmen, die weitere Ansiedlungen und Entwicklungen nach sich ziehen sollen und bereits nach sich ziehen. Für Gerd Chrzanowski scheint dieser partnerschaftliche Ansatz auch in anderen Bereichen erstrebenswert, wie er im Gespräch mit Wirtschaftswoche-Ressortleiterin Varinia Bernau erläutert. Etwa in Bezug auf den Mittelstand, der auf dem Weltmarktführer-Gipfel so stark vertreten ist.
Chef der Schwarz-Gruppe: Kampf gegen Cyberkriminalität ist teuer
"Ich mache mir Sorgen um den Mittelstand", sagt der Chef der Schwarz-Gruppe. Im Blick hat er da nicht nur Digitalisierungsthemen allgemein und die Bürokratisierung in Deutschland, sondern vor allem die Gefahren der Cyberkriminalität. Um der zu begegnen, brauche es Geld für die besten Leute, für die beste Software und die beste Hardware.
Aus gutem Grund investiere die Schwarz-Gruppe in diesen Bereich. Vor gut zwei Jahren hatte das Unternehmen die israelische Firma XM Cyber gekauft und bietet die Dienste auch anderen Unternehmen an. "Natürlich wollen wir auch Geld verdienen", räumt Chrzanowski ein.

Doch er ist auch überzeugt, dass viele kleinere Unternehmen überfordert wären, wenn sie allein für ihre Sicherheit sorgen müssten. Die Schwarz-IT gehe deshalb in Vorleistung. "Cybersecurity-Spezialisten gibt es nicht wie Sand am Meer", sagt Chrzanowski. Dann brauche es Partnerschaften, die die Schwarz-Gruppe anbietet.
Auf die Frage von Bernau, ob auch die öffentliche Hand interessiert sei, sagt er: „Ja, die eine oder andere Behörde klopft an.“ In Heilbronn entsteht derzeit schließlich auch der erste baden-württembergische Standort des Govtech-Campus, der die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung vorantreiben soll.
Chef von Terra Quantum erwartet starkes Wachstum
Beim Thema Datensicherheit wird künftig auch die Quantencomputertechnik eine zusätzliche Herausforderung darstellen, wie Markus Pflitsch, Gründer und Chef der Quantensoftware-Firma Terra Quantum, wenig später ausführt. Schon 2030 könnte es so weit sein, dass übliche Verschlüsselungsverfahren versagen, wenn sie mit Quantencomputern angegriffen werden. So erwartet Pflitsch exponentielle Steigerungsraten und einen Markt, der in einigen Jahren Billionen Dollar schwer sei. Es wird die nächste große Herausforderung für viele kleinere Unternehmen sein, hier adäquate Vorkehrungen zu treffen.
Die Zeit drängt also. Denn die Abhängigkeit von den großen amerikanischen Anbietern wächst. Damit stehe auch die Souveränität von Deutschland und Europa auf dem Spiel, ist Chrzanowski überzeugt. Auch aus diesem Grund habe die Schwarz-Gruppe mit Stackit eine eigene Cloud entwickelt. "Wir werden den Dienst nicht in der Breite wie etwa Amazon anbieten", so Chrzanowski. Doch mit Blick auf den Datenschutz sei es wichtig, eine eigene europäische Plattform zu haben.
Es gilt hier die gleiche Logik wie zuletzt bei der Investition der Schwarz-Gruppe und der Dieter-Schwarz-Stiftung in das KI-Startup Aleph Alpha. Auch dort ist sich der Konzern aus Neckarsulm mit seinen Partnern Bosch, SAP und anderen einig, dass die deutsche Wirtschaft sich nicht von US-Unternehmen dominieren lassen will. Ein Thema, auf das Aleph-Alpha-Gründer Jonas Andrulis am Donnerstag bei dem Kongress ebenfalls eingehen wird.
Lidl spürt die Konsumzurückhaltung – weniger spontane „Impuls-Käufe“

Nebenbei bleibt Schwarz mit Lidl und Kaufland ein Handelskonzern, bei dem die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland sofort auch in der Kasse ankommt. Die Einkaufsgewohnheiten der Kunden hätten sich bereits drastisch verändert, macht Chrzanowski deutlich. „Der Kunde spart es sich am Mund ab.“ Es gebe weniger spontane „Impuls-Käufe“, viele achteten mehr auf Angebote. In das allgemeine Jammern in Deutschland will er aber nicht mit einstimmen.
Ums Thema Kooperation geht es für ihn übrigens auch im Verhältnis mit den Landwirten. Bei den Bauernprotesten sieht er sich und den Handelskonzern zu Recht nicht im Visier der Bewegung. "Ich habe keine Sekunde ein schlechtes Gewissen gehabt.“ Lidl und Kaufland hätten Partnerschaften mit den Bauern seit den 80er-Jahren. Man sei aufeinander angewiesen.
Wenn die Preise mal in den Keller gingen, dann liege das nicht am Preisdruck, der durch den Handel ausgeübt wird, sondern an zu großen Mengen auf dem Markt – etwa weil es Handelsbeschränkungen andernorts auf der Welt gab oder auch wegen des Wetters. "Nein. Die Bauern sind nach Berlin gefahren wegen der Dieselpreissubventionen, nicht wegen der Marktmacht des Handels, der vermeintlichen Marktmacht des Handels.“
Deutschland nicht zum "kranken Mann Europas" reden
Die Risiken der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen werden an diesem Tag nicht ausgeblendet. So spricht Christoph Heusgen, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz und ehemaliger Berater von Kanzlerin Angela Merkel, in überraschender Offenheit über die Gefahren, die von Staatenlenkern wie Wladimir Putin ausgehen. Aber wie Moderatorin Kristin Rau betont: „Unser Vorsatz in diesem Jahr ist: mehr Optimismus.“ Daran halten sich fast alle. Im Vergleich zum vergangenen Jahr sei der Grundtenor der Beiträge doch sehr viel positiver.
Mike Kammann, Chef der Bausparkasse Schwäbisch Hall, räumt allerdings mit einer mutmaßlichen Fehleinschätzung auf, die am Vorabend auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann so geäußert hatte: Dass mit der rückläufigen Inflationsrate automatisch auch die Zinsen wieder sinken würden. Kammann ist überzeugt, dass dieser Automatismus der Vergangenheit nicht mehr gilt und die Zinsen in den nächsten zwei, drei Jahren nicht nennenswert nach unten gehen werden. Für mehr Optimismus plädierte er dennoch.
Walter Döring, Initiator des Weltmarktführer-Gipfels, ist happy

Walter Döring, der den Weltmarktführer-Gipfel vor 14 Jahren gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Heilbronn-Franken mit ins Leben gerufen hat, freut sich wieder über die große Resonanz der Veranstaltung. „Und ich habe schon jetzt aus jedem Vortrag und jedem Gespräch etwas herausziehen können, das ist doch etwas.“
Das hat er gemein mit Besuchern wie Ralf Sturm, Gesellschafter des Hohenloher Ventilatorenherstellers EBM-Papst. „Was ein Auftrieb“, kommentiert er beim Blick auf die zahlreichen Besucher. Für ihn ist das Gipfeltreffen der Weltmarktführer gesetzt: „Ein, zwei, drei wichtige Einsichten oder neue Kontakte ergeben sich hier immer.“
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