VW-Chef bremst die Brennstoffzelle aus
Audi Neckarsulm sollte den Wasserstoff-Antrieb fürs Auto entwickeln. Die Pläne sind jetzt Makulatur. Übrig bleibt die vage Aussicht, dass die Technik in Nutzfahrzeugen eingesetzt wird. Was das für den Standort bedeutet, ist nicht klar.

Das Smartphone muss draußen bleiben, wenn sich die Tür zu einem der geheimsten Orte des größten Autobauers der Welt öffnet. Ein großer, fensterloser Raum mit riesiger Video-Leinwand und Drehtellern, die in den Boden eingelassen sind. Auf dem Werksgelände von Volkswagen in Wolfsburg befindet sich dieser Ort, den sie intern Walhalla nennen. Hier wird Vorstand, Aufsichtsrat und anderen Entscheidern in regelmäßigen Abständen präsentiert, was in Zukunft auf die Straße kommen soll.
Beim letzten Mal wirkte Herbert Diess wie elektrisiert, als er mit den Anwesenden die Fahrzeuge in Augenschein nahm. Vom Kleinwagen ID.1 bis zum SUV ID.4 standen dort die Elektroautos von VW. Tage später machte der Chef des VW-Konzerns abermals klar, dass er die Zukunft bei den Batterieautos sieht, und nirgends anders.
Große Konzernpolitik hat Auswirkungen auf Neckarsulm
Im Audi-Werk Neckarsulm nahm man das eher weniger zufrieden auf. Dort entwickeln Spezialisten Brennstoffzellen für Fahrzeuge. Gespeist mit Wasserstoff, können sie dann ohne größere Batterie elektrisch fahren - und das viel weiter als die batterieelektrischen Geschwister. Einziges Abgas ist Wasserdampf.

Die hochmotivierten Audi-Entwickler wollen das Feld nicht den Asiaten überlassen - Toyota und Hyundai fertigen schließlich schon seit Jahren Brennstoffzellen-Autos in Serie. Die Technologie ist beherrschbar.
Kompetenzzentrum für die Weiterentwicklung der Brennstoffzelle
Bereits im Frühjahr 2016 hatten die Neckarsulmer den Zuschlag bekommen, solche Module für den gesamten VW-Konzern zu entwickeln. Das war zu einer Zeit, als man bei Volkswagen noch die Vorteile des Verbrenners propagierte und sich ansonsten noch auf keine bestimmte Zukunftstechnologie beschränkte.
Das änderte sich mit dem Amtsantritt von Diess, der voll auf die E-Mobilität setzt. Seitdem herrscht Unsicherheit darüber, wie die Zukunft der Brennstoffzelle in Neckarsulm aussieht. So stand offenbar sogar die Einstellung der Entwicklungsaktivitäten zur Diskussion.
Bis Ende 2021 ist die Zukunft gesichert
Nun ist eine Entscheidung darüber gefallen, wie es vorerst weitergeht. Am 20. Oktober hat der Konzern-Technologie-Ausschuss getagt - das höchste Gremium bei VW, wenn es um künftige Antriebsarten und Formen der Mobilität der Zukunft geht. Dabei war auch Audi-Chef Markus Duesmann als oberster Entwickler des Konzerns. Nach Informationen der Heilbronner Stimme rangen die Teilnehmer des Meetings teils heftig um die Zukunft des Wasserstoff-Antriebs im Konzern.
Im Ergebnis wurde letztlich zwar das Budget für die Weiterentwicklung der Brennstoffzelle für das Jahr 2021 freigegeben. Fest steht jetzt aber auch, dass in den nächsten zehn Jahren keine Anwendung im Pkw-Bereich geplant ist. Und damit steht hinter der Neckarsulmer Abteilung weiterhin ein Fragezeichen.
Jetzt liegt der Fokus auf den Nutzfahrzeugen
Prototypen von Audi drehen vorerst weiter ihre Erprobungsrunden. Aufgebaut haben die Entwickler ein SUV etwa in der Größe des Q5 mit rund 700 Kilometern Reichweite. Allerdings läuft das Programm mittlerweile auf Sparflamme. Denn von einer H-Tron-Kleinserie, die für 2023 angedacht war, spricht niemand mehr.
Vielmehr scheint nun abgemacht zu sein, dass die Brennstoffzelle als erstes bei den leichten Nutzfahrzeugen von VW oder in den Lkw von Scania oder MAN zum Einsatz kommt. "Wir müssen jetzt zügig ein konkretes Projekt mit einem konkreten Fahrzeug aufsetzen", sagt ein mit der Sache betrauter Ingenieur. "Die Grundlagenarbeit ist wichtig, aber nun ist es an der Zeit, dass etwas auf die Straße kommt."
Chef der Entwicklungseinheit geht nach China
In dieser kritischen und von unterschiedlichen Konzerninteressen geprägten Phase muss das Neckarsulmer Brennstoffzellenteam nun seinen Chef ziehen lassen. Michael Hofmann ist zum 1. November ins chinesische Entwicklungszentrum von Audi nach Peking gewechselt. Wer ihm in Neckarsulm nachfolgt, soll zeitnah entschieden werden.
An Hofmanns neuem Dienstsitz stehen die Produktanforderungen asiatischer Kunden im Mittelpunkt. In China sind unter anderem Fahrzeuge mit verlängertem Radstand gefragt, darüber hinaus wächst die Elektromobilität deutlich schneller als im Rest der Welt.
Das Reich der Mitte hat zuletzt aber auch die Brennstoffzellentechnik für sich entdeckt. Zu Jahresbeginn wurde Wasserstoff zum ersten Mal als subventionsfähige Energiequelle in einen Gesetzesentwurf aufgenommen. Jetzt wird die Brennstoffzellen-Technologie landesweit mit hohen Summen gefördert. Chinesische Medien haben ausgerechnet, dass in diesen Bereich in den kommenden vier Jahren rund 100 Milliarden Yuan (umgerechnet 13 Milliarden Euro) fließen können.
Japaner stehen schon bereit
Dem Plan der chinesischen Regierung zufolge sollen bis zum Jahr 2025 bereits 50.000 Fahrzeuge mit Brennstoffzellen-Antrieb unterwegs sein. Ein Markt, den Toyota für sich entdeckt hat. Die Japaner haben dafür Mitte des Jahres ein Joint Venture mit mehreren chinesischen Firmen gegründet - unter anderem mit der FAW Group, einem der wichtigsten Partner des VW-Konzerns im Reich der Mitte.
Zufälligerweise gaben Volvo und Daimler am Montag bekannt, dass sie ein Joint Venture zur Entwicklung von Brennstoffzellensystemen gründen, die vor allem in schweren Lkw zum Einsatz kommen sollen.
Partner darf gemeinsam entwickeltes Modul vermarkten
Was das alles für die rund 150 Spezialisten der Brennstoffzellenentwicklung in Neckarsulm bedeutet, ist noch nicht klar. Der Weggang des Chefs lässt nichts Gutes erwarten. Ebenso, dass der kanadische Partner Ballard Powers vor wenigen Tagen das Recht erhielt, den gemeinsam entwickelten "Brennstoffzellen-Stack" auch für den Einsatz in Pkw und Nutzfahrzeugen selbst zu vermarkten. Denn mit Audi halbierten die Kanadier zuletzt ihren Umsatz. Ballard Power darf das Modul jetzt gemeinsam mit seinem chinesischen Partner Weichai auf die Straße bringen.
So fährt die Konkurrenz unter Umständen mit Audi-Technik davon. Herbert Diess wird es egal sein. Schon vor einem Jahr hatte er klargemacht, dass er den Wasserstoff-Antrieb für "Unsinn" hält.
Kommentar: Elefant im Porzellanladen
Von Christian Gleichauf
Noch gibt es die Brennstoffzellenentwicklung in Neckarsulm. Überlegungen, sie einfach zu schließen, wurden korrigiert. Doch mit einem VW-Chef Herbert Diess an der Spitze des Konzerns fehlt die langfristige Perspektive. Richtigerweise setzt er momentan zwar auf die Elektromobilität. Doch dass er Wasserstoff als Treibstoff rundweg ablehnt, zeugt nicht von Weitsicht.
Ob die Entwickler in Neckarsulm also die Früchte ihrer Arbeit irgendwann ernten dürfen, ist offen. Dabei ist die Abteilung, gemessen an der Qualität ihrer Entwicklung, erfolgreich. Sie hatte einen Wissensvorsprung, der notwendig ist, wenn man es mit der Wiederbelebung des Audi-Slogans "Vorsprung durch Technik" wirklich ernst meint. Der Umgang mit diesem Wissen ist indes fahrlässig.
Dabei bietet ein Großkonzern wie VW die Chance, an einem Standort das Knowhow mit überschaubaren Mitteln zu bündeln. Das ist im Fall der Brennstoffzellenentwicklung in Neckarsulm bereits passiert. Rund 60 Milliarden Euro investiert VW in Elektromobilität und Digitalisierung. Angesichts dieser Summe kann es nicht ins Gewicht fallen, wenn 150 von 670.000 Mitarbeitern im Konzern an einem neuen Antriebskonzept von morgen arbeiten.
Wenn es schlecht läuft, dann könnte VW-Chef Diess innerhalb von wenigen Wochen die Arbeit von Jahren zerstört haben. Denn auch wenn zuletzt in Aussicht gestellt wurde, dass die Brennstoffzellentechnologie in Nutzfahrzeugen des VW-Konzerns zum Einsatz kommen könnte, so wird die Unsicherheit dafür sorgen, dass am Ende Mitarbeiter und Know-how weg sind.
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