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VDA-Präsidentin sieht Industriestandort Deutschland in Gefahr

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Hildegard Müller warnt vor Nachteilen im internationalen Wettbewerb. In Deutschland müsse sich vieles ändern. Momentan sei der Fokus auf E-Mobilität richig. Für die Brennstoffzelle könnte der Durchbruch aber noch kommen.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller fordert einen Aktionsplan für den Industriestandort Deutschland.      
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VDA-Präsidentin Hildegard Müller fordert einen Aktionsplan für den Industriestandort Deutschland. Foto: dpa  Foto: dpa

Häufig hat Hildegard Müller zuletzt gemahnt. In Interviews, in Diskussionsrunden. Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) warnte vor zu wenigen Ladepunkten, vor zu viel Regulierung, vor langfristigen Folgen für die mittelständischen Zulieferer. Nun wurde sie auch in virtueller Runde beim Ifo-Institut in München deutlich: "Deutschland rutscht ab, ist zu kompliziert, zu teuer, zu bürokratisch."

Vor kurzem rüttelte Müller mit ihrer Aussage im "Spiegel" auf, es müssten wöchentlich 2000 neue Ladestationen in Betrieb gehen, zehnmal mehr als derzeit. Angesichts des E-Auto-Booms würde sich sonst schon zu Ostern rechnerisch 20 E-Fahrzeuge eine Säule teilen.

Den Handlungsbedarf illustrierte sie am Montagabend mit dem Beispiel Berliner Flughafen BER: "Dort gibt es 18.000 Parkplätze und 20 Ladeppunkte."

Schneller Hochlauf der E-Auto-Industrie

Lange hat die deutsche Autoindustrie gezögert, konsequent auf E-Mobilität umzustellen. Müller betonte, mit welcher Zielstrebigkeit nun aber vorgegangen werde. Deutschland sei Europameister bei der E-Mobilität. Bis 2023 würde die Zahl der E-Autos auf deutschen Straßen auf eine halbe Million wachsen.

Daran hätten die die deutschen Hersteller mit bis dahin 150 verschiedenen E-Modellen einen großen Anteil. "In Kalifornien verkaufen sie heute schon mehr Elektroautos als Tesla", sagte Müller.

Müller plädierte dafür, weiter in Alternativen wie E-Fuels und Wasserstoff zu investieren. Es sei vielleicht noch nicht sinnvoll, Brennstoffzellen in Pkw einzusetzen, aber das könne sich noch ändern. "Der Durchbruch könnte noch kommen. Unser Ziel muss sein, dass wir in allen Bereichen führend sind."

 


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Bei den Arbeitskosten ist nur die Schweiz teurer

Kein gutes Bild aber zeichnete sie vom Industriestandort Deutschland. Sie mache sich Sorgen. "Deutschland rutscht im internationalen Vergleich ab", warnte sie. Das Land habe die zweithöchsten Energiekosten in Europa, bei den Arbeitskosten sei nur die Schweiz noch teurer. Bei der Steuerlast liege Deutschland auf dem dritten Platz aller OECD-Staaten. Die Industrie gleiche die Schwächen der öffentlichen Infrastruktur vielfach aus. Doch das funktioniere nicht mehr lange. "Wir merken, dass viele Unternehmen ihre Produktion mehr und mehr ins Ausland verlagern."

Müller, die bis 2008 als Staatsministerin im Bundeskanzleramt mit Angela Merkel gearbeitet hatte, forderte einen Aktionsplan für die neue Bundesregierung. Man müsse im Wahlkampf darauf achten, ob etwa der Klimaschutz "ins Verhältnis zu einer modernen Industriepolitik gestellt" werde.

Euro-7-Norm nach derzeitigem Stand nicht zu schaffen

Mit Blick auf die Tarifverhandlungen stellte sie klar, dass Arbeit nicht durch überzogene Forderungen wie nach der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich noch teurer werden dürfe. Schon jetzt sei klar: "Die Zahl der Arbeitsplätze wird sinken."

Sorgen bereiten der VDA-Präsidentin derzeit auch die Pläne der EU zur Luftreinhaltung mit der neuen Euro-Norm 7. "Bisher wurden Extremsituationen ausgeklammert", sagte Müller. Künftig würden die Grenzwerte zur Luftreinhaltung auch für Vorgänge wie Anfahren am Berg, das Ziehen eines Anhängers oder das Starten des Fahrzeugs im Winter gelten. "Das ist nicht zu schaffen."

 


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Kommentar: Falsche Tonlage

Die Automobilindustrie zwischen Bittsteller und Erpresser: Wie geht es weiter nach Corona?

Wer der obersten Autolobbyistin Hildegard Müller zuhört, fühlt sich in alte Zeiten zurückversetzt. Deutschland ist zu teuer und zu bürokratisch - sozusagen das Schlusslicht Europas. So kritisierten Wirtschaftsvertreter bis weit in die 2000er Jahre pausenlos die hohen Sozialversicherungsbeiträge und Steuern hierzulande, das Lohnniveau. Sie verstummten erst mit dem scheinbar nicht enden wollenden Boom nach der Finanzkrise.

Jetzt sind sie wieder da. Das hängt mit zwei aktuellen Anlässen zusammen. Zum einen mit der wohl begründeten Befürchtung, dass die Steuer- und Abgabenlast nach überstandener Corona-Krise kräftig anwachsen wird. Zum anderen stehen Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie an, während viele Autozulieferer ums Überleben kämpfen. Natürlich wollen und können diese Unternehmen keine kräftigen Aufschläge bezahlen. Das steht außer Frage.

Doch der Ton macht die Musik. Und dieser hier ist in der falschen Tonlage angesetzt. Mitten in der Pandemie den Standort Deutschland so zu schmähen, erscheint allzu taktisch motiviert. Denn das Geld, das der Staat jetzt ausgibt und in Zukunft wieder hereinholen muss, kommt zum erheblichen Teil ausgerechnet der Autoindustrie zugute. Sie profitiert davon, dass mithilfe des Kurzarbeitergelds Knowhow in den Unternehmen gehalten werden kann. Sie profitiert von einem milliardenschweren Zukunftsfonds und von Umweltprämien, die den holprig gestarteten Wandel Richtung E-Mobilität und Digitalisierung unterstützen. Ja, die Krise ist noch nicht ausgestanden. Aber wenige Länder stehen grundsätzlich besser da als Deutschland.

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