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Reinhold Würth: "Es droht ein grausamer Hurrikan"

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Der Unternehmer spricht im Interview über seine Enkel als Nachfolger im Familienunternehmen, den Krieg in der Ukraine, die Arbeit der Zukunft und über ein paar Dinge, auf die er noch immer Wert legt.

Reinhold Würth beim Stimme-Interview.
Reinhold Würth beim Stimme-Interview.  Foto: Berger, Mario

Reinhold Würth hat konkrete Pläne für die Zeit nach ihm. Im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert er erstmals, wen er an welcher Stelle in den Aufsichtsgremien vorgesehen hat. Mit 87 Jahren beschäftigt ihn derzeit aber auch die Unsicherheit, die mit dem Krieg in der Ukraine spürbar geworden ist. Und er hat klare Positionen zu den neuen Arbeitsformen und zur E-Mobilität.

Herr Würth, freuen Sie sich noch immer, wenn Sie jemanden mit Krawatte sehen?

Reinhold Würth: Eigentlich schon. Bis jetzt halten wir das bei uns im Unternehmen auch weiterhin so, jedenfalls wenn ich dabei bin. Ich halte es für eine Unhöflichkeit, dem Gegenüber ohne Krawatte zu begegnen. Es ist eine Stilfrage. Ob das in zehn Jahren noch so ist, weiß ich nicht. Aber vielleicht kommt es auch wieder mal zurück.


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Weltweit ist vieles im Umbruch. Es herrscht Krieg in Europa. Sie erleben das zum zweiten Mal. Wie fühlt es sich für Sie an?

Würth: Ich mache mir große Sorgen, ob wir nicht sogar schon im Dritten Weltkrieg sind, denn wir wissen heute ja noch gar nicht, was morgen sein wird.


Sie haben 2014 nach Russlands Annexion der Krim gemeinsam mit Roman Herzog und anderen eine andere Russlandpolitik von der Bundesregierung gefordert. Sie warnten damals davor, Putin zu verdammen. Würden Sie das heute noch so unterschreiben?

Würth: Das war damals ein anderes Auftreten von Putin. Ich dachte, Putin könnte Russland voranbringen. Dass er sich jetzt so dekadent zeigt und sich zum Diktator entwickelt, das hätte ich mir nie träumen lassen. Jetzt lässt er Zehntausende oder Hunderttausende sterben.


Sind Sie jetzt für Waffenlieferungen?

Würth: Wir Deutsche mit unserer Geschichte sollten an sich zum Pazifismus verurteilt sein. Das ist auch der Grundtenor, der den Kindern hier von kleinauf schon in der Schule beigebracht wird. Aber das geht in diesem Fall nicht mehr.


Was erwarten Sie von der Bundesregierung? Geht Ihnen Kanzler Scholz konsequent genug voran?

Würth: Er ist Notar von Beruf und Hanseat noch dazu. Ich glaube, der Kanzler wird derzeit unterschätzt. Was hinter den Kulissen alles läuft, wissen wir auch gar nicht. Sein Handeln wird man vielleicht erst in einigen Jahren wirklich beurteilen können.


Sie haben schon gefordert, die EU solle zu den Vereinigten Staaten von Europa werden. Die Nationalstaaten sollten sich also weiter zurücknehmen. Sehen Sie dafür jetzt Chancen?

Würth: Wir sind auf diesem Weg. Durch den Angriff Putins sind wir sogar deutlich vorangekommen. Die Europäer hatten ein echtes Aha-Erlebnis. Die Einstimmigkeit bleibt aber die Mega-Katastrophe. Dass etwa ein ungarischer Präsident einfach den Fuß in die Tür hält, das kann und darf nicht sein. Das muss man ändern, aber das wird schwierig werden.


Die Würth-Gruppe ist erstaunlich gut durch die vergangenen zwei Jahre gekommen. Aber wenn der Bau nicht mehr läuft, könnte es ans Eingemachte gehen. Wie ruhig sind Sie noch?

Würth: Im Moment läuft der Laden wie geschmiert. Wir gehen massiv auf 19 Milliarden Jahresumsatz zu. Aber ich habe große Sorge, dass wir ab dem vierten Quartal eine ausgewachsene Wirtschaftskrise bekommen - wenn nicht sogar noch Schlimmeres passiert bis dahin.


Was bedeutet eine Rezession dann für Ihr Unternehmen?

Würth: Natürlich werden auch wir darunter leiden. Ich halte es für möglich, dass unser Haus zum ersten Mal in der 76-jährigen Geschichte rote Zahlen schreibt. Aber im Moment sind wir auf dem Weg zu neuen Rekorden bei Umsatz und Gewinn. Alles eitel Sonnenschein, aber da hinten droht ein grausamer Hurrikan. Ob er uns trifft, werden wir erst in einigen Monaten erleben.

 

Engagiert und humorvoll wie eh und je erläutert Reinhold Würth seine Sicht der Dinge. Dass er auch mal daneben liegen kann, das wisse er. Dann gibt es auch mal eine Entschuldigung in aller Form.
Engagiert und humorvoll wie eh und je erläutert Reinhold Würth seine Sicht der Dinge. Dass er auch mal daneben liegen kann, das wisse er. Dann gibt es auch mal eine Entschuldigung in aller Form.  Foto: Berger, Mario

Sie haben besondere Vorstellungen vom Arbeitsethos. Neue Regeln gelten jetzt aber auch in Ihrem Haus. 40 Prozent dürfen die Mitarbeiter, wenn es möglich ist, zu Hause arbeiten. Es gibt neue Formen der Zusammenarbeit. Hätten Sie früher für möglich gehalten, dass Sie das einmal befürworten?

Würth: Ach, nehmen wir die Ukraine-Krise mal weg. Dann bin ich mir sicher, dass wir bald zu einer Vier-Tage-Woche kommen, eine Generation weiter zu einer Drei-Tage-Woche. Es wird alles roboterisiert und computerisiert, die Künstliche Intelligenz wird die Arbeit der Menschen übernehmen. Der Einsatz der Menschen im Beruf wird sich minimieren. Ob es dadurch weniger Schießereien auf der Welt gibt, da habe ich meine Zweifel.


Sie sind optimistisch, dass das, was man durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz einspart, den Menschen gleichmäßig zugutekommt?

Würth: Unterschiede werden natürlich bleiben. Das war immer so, selbst in der Blüte des Kommunismus waren nie alle gleich. Aber es werden alle davon profitieren, davon bin ich überzeugt.


Hans Magnus Enzensberger hat Sie schon eigensinnig genannt...

Würth: Wen?


Sie. Aber lassen Sie mich die Frage formulieren. Ich wollte sagen: Es kommt mir gar nicht so vor. Haben Sie ein Mittel gegen die Sturheit, die sich im Alter so häufig einstellt?

Würth: Ich denke, ich bin lernfähig - auch heute noch mit meinen 87 Jahren. Vergangene Woche hatten wir einen Fall, da hatte ich mich getäuscht. Da habe ich mich in der Konferenz, coram publico, entschuldigt. Ich muss nicht immer meinen Willen durchsetzen. Aber ich habe Visionen und Vorstellungen, die ich mit den Kollegen zusammen umsetzen möchte. Das ist bisher doch überdurchschnittlich gut gelungen. Und ich habe nach meiner Einschätzung mit Erfolg die Arroganz von mir ferngehalten. Dazu sollten Sie jedoch lieber andere fragen.


Auch Ihr Außendienst spürt Veränderungen. Mehr Telefon, mehr Internet. Jetzt sollen sie auch noch Elektroautos fahren. Haben Sie schon Ideen, wie die Ladepausen kreativ genutzt werden können?

Würth: Ich hoffe schon, dass unsere Außendienstler mit einer Batteriefüllung durch den Tag kommen. Die haben ja kleine Gebiete. Im Zweifel hängt man es in der Mittagspause zu Hause mal kurz dran. Da sehe ich keine Probleme. Aber ich verstehe nicht, wie jetzt alle das Elektroauto promotieren in einem Ausmaß, das ich absolut unsinnig finde. Wie wollen Sie denn 40 Millionen Autos elektrisch tanken? Das geht doch gar nicht.


Aber trotzdem setzen Sie es im Unternehmen bis 2024 um.

Würth: Ja, wir machen mal mit. Aber ich hoffe, dass irgendwann das Wasserstoffauto so weit ist, dass man das Elektroauto an den Nagel hängen kann. Da können Sie dann wieder 1000 Kilometer fahren. Das braucht es auch. Das E-Auto aber wird so hingestellt, als würde es die Umwelt schützen, das tut es nicht. Was passiert denn bei der Herstellung der Batterien? Was passiert, wenn sie verbraucht sind?


Noch ein Thema, das die Gemüter bewegt: Der Würth-Kalender sorgt für Aufruhr, obwohl bereits entschieden ist, dass es im nächsten Jahr keine Neuauflage geben wird. Wie leicht trennen Sie sich von dem Kalender?

Würth: Meinen Sie jetzt den Frauen- oder den Männerkalender?


Touché. Den Frauenkalender.

Würth (lacht): Und warum nicht den Männerkalender?


Nun, weil der nicht so viel Unmut im Internet auslöst.

Würth: Also, wir haben jedenfalls auch einen Männerkalender. Aber wir machen jetzt gar keinen Kalender mehr.


Wann gibt es eigentlich den nächsten Brief an Ihre Mitarbeiter?

Würth: Das weiß ich jetzt noch nicht. Das kommt ganz situativ.


Sie haben kürzlich, vor der Betriebsratswahl, diese direkte Ansprache genutzt und vor der IG Metall gewarnt.

Würth: Wenn da einmal die kompletten Schreiben veröffentlicht würden, da würde jeder sagen: Das ist richtig, was der Kerle da geschrieben hat. Es ist schon etwas tendenziös, da immer nur einen Satz aus dem Kontext herauszuholen und den Würth zum Teufel zu machen.


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Haben Sie wirklich Sorge, dass ein gewerkschaftsnaher Betriebsrat Ihr Unternehmen kaputtmacht?

Würth: Nein, nicht kaputtmacht. Aber es besteht die Gefahr, dass unsere Unternehmenskultur beschädigt werden könnte. Aber wie sich jetzt zeigt, ist das gar nicht der Fall. Wir kommen mit den Betriebsräten wunderbar zurecht. Es hat ein paar Unstimmigkeiten gegeben. Darüber haben wir gesprochen und einen Konsens gefunden.


Berührungsängste mit der Gewerkschaft haben Sie ja nicht. Mit dem ehemaligen IG-Metaller Frank Stroh haben Sie vor 25 Jahren den Verein Pro Region gegründet. Ist das für Sie ein Grund zu feiern?

Würth: Ja, ich finde schon, weil inzwischen etwas Habhaftes draus geworden ist. Das war keine Eintagsfliege. Ich glaube, dass wir mit diesem Verein dazu beitragen konnten, die sehr artifizielle Gründung der Region Heilbronn-Franken weiterzuentwickeln in ein funktionierendes, lebendiges Gebilde. Der Verein hat eine Menge bewirkt.


Aber zusammengewachsen ist die Region, wenn man ehrlich ist, nicht...

Würth: Da müssen wir wohl noch 300 Jahre warten. So was braucht seine Zeit. Das geht nicht von heut auf morgen.


Sie haben den Verein mit viel Geld unterstützt. Noch mehr Geld gibt ein Dieter Schwarz, der in Heilbronn die ganze Stadt umbaut. Haben Sie je mit ihm über die Entwicklung der Region gesprochen?

Würth: Wir haben schon Kontakt, wir sprechen ab und an miteinander.


War er der Grund, warum Sie sich in der Region irgendwann vermehrt zurückgehalten haben?

Würth: Wenn Sie vor einer Stunde hier gesessen wären, dann hätten Sie gehört, dass ich zur Vereinsvorsitzenden Frau Gurr-Hirsch gesagt habe: Wenn ihr finanzielle Unterstützung braucht, meldet euch. Ich engagiere mich nach wie vor sehr gerne. Was mein persönliches Engagement angeht, muss ich in meinem Alter Prioritäten setzen.


Die Beiratsvorsitzende der Würth-Gruppe, Ihre Tochter Bettina, hat angedeutet, dass sie nicht ganz so lange wie Sie am Ruder bleiben will. Haben Sie ihr das schon verziehen?

Würth: Ach, das verlange ich auch gar nicht von ihr. Sie ist jetzt auch schon 60, das will ich ihr gar nicht zumuten, bis 87 zu schaffen. Da haben wir schon andere Ideen.


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Es war zuletzt offensichtlich, dass Ihre Enkel auch vermehrt präsent waren. Wie sehen denn Ihre Ideen für die Nachfolge aus?

Würth: Also der Reihe nach: Bettinas Tochter Maria hat Kunstgeschichte studiert. Sie ist mit Sylvia Weber für den gesamten Kunst- und Kulturbereich zuständig. Wenn Sylvia Weber also irgendwann in den Ruhestand geht, dann wird sie die Führung übernehmen.


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Und die Söhne Ihrer Tochter Marion sind ebenfalls schon aktiv.

Würth: Benjamin und Sebastian sind beide aktiv in Mittelmanagementpositionen des Unternehmens. Benjamin, der Ältere, ist zudem im Stiftungsaufsichtsrat, also in meinem Beritt, in meinem Gremium. Das ist das Machtzentrum, wo die fünf Leute sitzen, die die Stiftungen führen. Benjamin wird irgendwann einmal meine Nachfolge antreten. Sebastian ist im Beirat, vergleichbar mit dem Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft. Wenn Bettina als Vorsitzende dieses Gremiums einmal zurücktritt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit Sebastian diesen Vorsitz übernehmen. So ist die Familie weiterhin in den Aufsichtsgremien vertreten.


Dann weiß jetzt jeder, was kommt?

Würth: Jedes Familienmitglied weiß auch, was es erbt. Da gibt es keinen Streit.


Aber Sie machen weiter?

Würth: Ja, ich bin noch tätig, um allen noch etwas Zeit zu lassen, sich noch mehr einzuleben, sich noch mehr zu verzahnen und zu verweben mit den anderen Kollegen im Management. Das sieht gar nicht so schlecht aus. Und ich bin sehr glücklich, dass ich aus dem Management nur positive Kommentare bekomme für die geplanten Entscheidungen.


Das letzte Wort behalten Sie sich weiterhin selbst vor. Wie oft beißen Sie sich auf die Zunge?

Würth: Die ist nicht blutig, die Zunge. Es gibt jede Woche zwar Themen, bei denen ich mir die Frage stelle, ob ich auch so entscheiden würde, wenn ich zu entscheiden hätte. Aber ich lass in der Regel die Zügel locker.


Reinhold Würth, 1935 in Öhringen geboren und in Künzelsau aufgewachsen, übernahm nach dem Tod von Adolf Würth 1954 die Schraubenhandlung seines Vaters. Zügig baute er sie zum Weltmarktführer der Befestigungs- und Montagetechnik auf mit heute mehr als 83.000 Mitarbeitern. Das Tagesgeschäft überlässt er seit 1994 anderen. Reinhold Würth ist seit 65 Jahren mit seiner Frau Carmen verheiratet und hat drei Kinder.

 

 
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