Reinhold Würth und die Drei-Tage-Woche: Andere Einschätzungen im eigenen Unternehmen
Die Prognose von Unternehmer Reinhold Würth findet Anklang, doch auch im eigenen Unternehmen teilt man die Einschätzung zur möglichen Drei-Tage-Woche nicht uneingeschränkt.

Reinhold Würth hat mit seiner Vision, dass er für das Jahr 2050 dank Künstlicher Intelligenz auch eine Drei-Tage-Woche für möglich hält, für Aufsehen gesorgt. Seine Prognose wiederholte er jüngst mitten in der Diskussion um die Vier-Tage-Woche. Im eigenen Unternehmen sieht man das durchaus zwiespältig.
„Es ist natürlich schön, dass der Chef die Drei-Tage-Woche für möglich hält“, sagt Jürgen Daffner, Betriebsratsmitglied bei der Adolf Würth GmbH & Co. KG und Vertrauensmann der IG Metall im Unternehmen – ohne Ironie im Tonfall. „Aber“, fügt er an, „wir kämpfen momentan noch dafür, dass wir eine Arbeitszeiterfassung bekommen, die zum Beispiel verhindert, dass Kollegen in den Niederlassungen einfach die Mittagspause durcharbeiten.“
Vier-Tage-Woche heute schon möglich, aber...
Von daher gehe es derzeit eher darum, dass die reguläre Arbeitszeit eingehalten werde. „Und wenn wir die Führungskräfte auf die Vier-Tage-Woche ansprechen, dann schwillt denen der Kamm“, so Daffner. Schon jetzt könne jeder vier Tage im Unternehmen arbeiten. Er müsse dann eben auf 20 Prozent vom Lohn verzichten.
Reinhold Würth hatte sich mehrfach zu dem Thema geäußert. Teilweise, wie in unserem Interview im vergangenen Jahr, sah er die Drei-Tage-Woche in einem Zeitraum von Generationen. In einem Podcast aus dem vergangenen Jahr erwartet er die Vier-Tage-Woche in 40 Jahren und die Drei-Tage-Woche noch einmal 20 Jahre später. Wohl unter dem Eindruck der sich schneller als gedacht fortentwickelnden Künstlichen Intelligenz hat er den Zeitraum zuletzt verkürzt.
Vier-Tage-Woche: Wer profitiert von der gesparten Arbeitszeit?
KI spielt für die Würth-Gruppe grundsätzlich eine wichtige Rolle. So werden für Kunden und Vertriebsmitarbeiter bereits Anwendungen entwickelt, die dabei helfen sollen, Werkzeuge oder Befestigungsmaterial mithilfe von Fotos im Katalog zu finden. Auch erste Anfragen könnten künftig von einer Art WürthGPT beantwortet werden. Erst wenn die KI nicht weiterhelfen kann, sind dann wieder die Mitarbeiter gefragt. Potenzial, viel Arbeitszeit einzusparen.
Doch Daffner bezweifelt, dass diese Einsparung eins zu eins bei den Mitarbeitern ankommen wird. „Arbeit fällt schon jetzt weg, aber der Einzelne hat deswegen nicht weniger zu tun.“ Ohnehin sei es beispielsweise im Vertrieb so, dass man ja immer noch mehr arbeiten könne.
Die kurzfristigen Wirkungen von Künstlicher Intelligenz gehen möglicherweise sogar in die entgegengesetzte Richtung, vermutet er: „Die KI wird helfen, freie Kapazitäten bei den Mitarbeitern aufzuspüren. Denn sie kann ja all die Daten, die inzwischen vorliegen, super auswerten“, glaubt der Niederbayer. So würden Menschen möglicherweise auch durchleuchtet. Von einer schönen neuen Arbeitswelt sind solche Vorstellungen weit entfernt.
Neue Arbeitswelt: Würth setzt mit flexiblen Arbeitsplätzen auf New Work
Die Würth-Gruppe selbst beschäftigt sich mit dem Thema Neues Arbeiten – englisch New Work – seit einigen Jahren bereits intensiv. Schon vor der Corona-Zeit hatten einzelne Abteilungen Shared-Desk-Konzepte eingeführt, die eine flexible Buchung von Arbeitsplätzen im Büro vorsah.
Mit der Pandemie und der zwangsweisen Verabschiedung der Mitarbeiter ins Homeoffice kam im gesamten Unternehmen dann ein Umdenken. Neue Einrichtungen, neue Nutzungskonzepte für Besprechungsräume wurden eingeführt. Wo es die Arbeit zulässt, haben Mitarbeiter heute einen Anspruch auf zwei Tage mobiles Arbeiten.
Aktuelle Diskussion um Vier-Tage-Woche
Die Diskussion um die Vier-Tage-Woche wird im Übrigen nicht so schnell beendet sein. Ob Polen, Großbritannien oder Portugal – überall in Europa gibt es Vorstöße, die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich zu testen. Die IG Metall forderte bei den laufenden Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie die 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Es sollte der Einstieg sein auch für andere Branchen. Die Bahnstreiks der Lokführergewerkschaft GDL drehen sich vor allem um diesen Punkt.
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