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Chips bleiben auch bei Audi bis weit ins nächste Jahr Mangelware

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Der Autobauer rechnet weiterhin mit Produktionsausfällen im Wochenrhythmus. Auch höhere Preise zu bezahlen würde daran nichts ändern, erklären zwei Audi-Verantwortliche im Gespräch mit der Heilbronner Stimme. Sie betonen: Bestellungen seien nie zurückgefahren worden.

Auf einer Leiterplatte, wie sie in Steuergeräten bei Audi vorkommen, werden die Verbindungen getestet. Die Chips für solche Geräte sind Mangelware.
Foto: Audi
Auf einer Leiterplatte, wie sie in Steuergeräten bei Audi vorkommen, werden die Verbindungen getestet. Die Chips für solche Geräte sind Mangelware. Foto: Audi  Foto: Audi

Wieder kommt die Meldung vergangene Woche denkbar kurzfristig. Auch an diesem Montag stehen Bänder bei Audi in Neckarsulm und Ingolstadt still, weil es nicht genügend oder nicht die passenden Halbleiter gibt.

Dass es derzeit an allen Ecken und Enden hakt, das verwundert nicht, wenn man bedenkt, was seit dem vergangenen Jahr alles passiert ist. Wie ein Gespräch mit den Verantwortlichen bei Audi zeigt, scheint es aber auch in den nächsten Monaten wenig Hoffnung auf Besserung zu geben.

 


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Es kommt in diesem Jahr alles zusammen

Ein Schneesturm in Texas brachte im Februar die Produktion der drei Halbleiterhersteller NXP, Infineon und Samsung zum Erliegen. In Japan brannte im März innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal eine Chipfabrik, was zu wochenlangen Produktionsausfällen führte. Es folgte eine Dürre in Taiwan, der Frachter Ever Given lag im Suez-Kanal quer und behinderte den weltweiten Warentransport, und nun gibt es auch noch einen Corona-Ausbruch inklusive Shutdown in Malaysia, wo zahlreiche Chip-Hersteller produzieren.

Das alles passiert zu einer Zeit, da sich die Digitalisierung beschleunigt, das 5G-Netz ausgebaut wird und die Automobilindustrie mit der doppelten Transformation in Richtung E-Mobilität und Digitalisierung aufs Äußerste gefordert ist. Die Produktion könnte zwar Kurs halten auf neue Rekordzahlen - doch nun wird sie ständig durch den Halbleitermangel ausgebremst.


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Aktuelle Einschätzung macht wenig Mut

Diese Situation wird sich kurzfrisitig nicht ändern. Analysten der Deutschen Bank gehen davon aus, dass der Engpass noch im Jahr 2022 bestimmend sein wird. Audi und andere Premiumhersteller reden schon von einem möglichen Zeitraum bis Ende nächsten Jahres.

Für die Chipbranche ist es ein Booster. Jüngst kündigte Infineon-Chef Reinhard Ploss kräftige Aufschläge an. Die niedrigen Halbleiterpreise in der Vergangenheit hätten zur aktuellen Krise beigetragen, erläuterte er in der "Wirtschaftswoche": "Wenn die Chips zu sehr niedrigen Preisen gehandelt werden, dann ist der Anreiz, mehr Kapazitäten zu schaffen, sehr gering."

Anteil der Autoindustrie auf dem Chipmarkt bei rund zehn Prozent

Zwar benötigen die Autobauer nur rund jeden zehnten Chip, der weltweit produziert wird. Weil der Bedarf aber nicht nur im Autobereich, sondern überall stärker gestiegen ist als die Kapazitäten, reicht es vorne und hinten nicht.

Dazu kommt, dass die Autoindustrie häufig nicht die modernste Chiptechnik benötigt. Die Hersteller müssten also motiviert werden, diese älteren Modelle weiterhin zu produzieren, erläutert Michael Müller, der bei Audi für das Supply Chain Management verantwortlich ist.

"Es ist keine Frage des Geldes"

Warum also nicht freiwillig mehr Geld bieten? Das kommt für Audi nicht infrage. "Es ist keine Frage des Geldes", sagt Müller. Schließlich gebe es langfristige Lieferverträge. "Die Zuteilung der Chips erfolgt zudem nach dem Fair-Share-Ansatz. Das heißt, dass jeder, der bestellt hat, gemäß seiner anteiligen Bestellmenge bedacht wird."

Ein gewisser Anteil der Chips ist somit auch durchaus verfügbar. Werksferien wurden zuletzt genutzt, um die Lager so weit wie möglich wieder zu füllen. Doch ein Puffer bei einigen Bauteilen bringt nichts, wenn ein sogenannter Job-Stopper fehlt: Jenes Teil, ohne das ein Produkt nicht fertiggestellt werden kann. Und von diesen Sonderteilen fehlen noch immer einige.

Bestellungen wurden nie storniert

Dieter Braun, Leiter Supply Chain in Ingolstadt, stellt zudem klar, dass dass auch in der Corona-Krise keine Aufträge an die direkten Zulieferer zurückgezogen worden seien. Nur während der Lockdowns im März und April 2020 habe man vorübergehend die bestellten Mengen nicht abgerufen. "Für das Quartal drei oder vier oder für 2021 haben wir die Bestellmengen nie reduziert", sagt Braun.

Da ist es ein schwacher Trost, dass es anderen Industriezweigen nicht besser geht. Den Verantwortlichen in der Beschaffung bleibt deshalb nichts anderes übrig, als weiter von Tag zu Tag zu planen. So lange, bis neue Kapazitäten aufgebaut sind.

Chips für alles mögliche

Halbleiter werden in modernen Fahrzeugen nicht nur für die Motorsteuerung, sondern für zahlreiche Funktionen gebraucht - beispielsweise für die elektrische Sitzverstellung, für Fensterheber oder Lüftungsanlage. Mehr als 100 Steuergeräte und insgesamt mehr als 1000 Halbleiterchips benötigt man häufig pro Auto.

Die Kosten dafür summieren sich je nach Modell und Ausstattung auf 200 bis 2000 Dollar. Teilweise sind dies Standard-Chips, die bei vielen Anbietern auf dem Weltmarkt zu bekommen sind. Teilweise sind aber auch Spezialchips notwendig, für die es nur einzelne Hersteller gibt. Fehlt solch eine Sonderanfertigung, dann kann dies die Produktion einer ganzen Linie zum Erliegen bringen.

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