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Bad Rappenau

Bäche in der Region leiden unter starker Verbreitung invasiver Signalkrebse

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Experten sprechen angesichts einer Invasion von Krebsen von einer Verarmung des Ökosystems. Besonders betroffen ist neben zahlreichen Gewässern in der Region auch der Mühlbach in Bad Rappenau.

Drei Krebse: Diese Exemplare sind den Mädchen in die Schüssel gesprungen. Laut Experten handelt es sich um invasive Signalkrebse.
Drei Krebse: Diese Exemplare sind den Mädchen in die Schüssel gesprungen. Laut Experten handelt es sich um invasive Signalkrebse.  Foto: privat

Beim Spaziergang durch das Fünfmühlental fallen sie einem immer wieder auf: diese großen und wenig scheuen Krebse am Grund des Mühlbachs. Es handelt sich laut Experten um den aus Nordamerika stammenden invasiven Signalkrebs - die größte Bedrohung des heimischen Steinkrebses. Gefühlt werden es jedes Jahr mehr. Der Mühlbach ist längst vom Eindringling eingenommen.

Wie Dr. Christoph Chucholl von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen am Bodensee sagt, sind Signalkrebse nicht mehr aus den heimischen Gewässern herauszubekommen - sind sie dort erst einmal angelangt. Der 43-Jährige vermutet, die Krebse im Mühlbach sind über ein stilles Gewässer, einen kleinen See oder Weiher, eingesetzt worden. In der Folge haben sie sich vermutlich unkontrollierbar im Mühlbach verbreitet.


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Bereits 2013 erstmals im Mühlbach gemeldet

Erstmals sind Signalkrebse im Mühlbach zwischen Bad Rappenau-Zimmerhof und Haßmersheim-Neckarmühlbach nach Angaben von Chucholl bereits 2013 gemeldet worden. Inzwischen muss die Population immens sein. Wer einmal an den Bach heruntergeht, bekommt schnell ein Exemplar zu Gesicht.

 

Drei Mädchen von der Mühlental-Grundschule in Zimmerhof ist das auch schon aufgefallen. Der Mühlbach verläuft direkt an der Schule vorbei. Durch hoch gewachsene Pflanzen drücken sie sich ans Bachufer. "Hier sind sie", sagt Eleanor Dinkel (11) und zeigt hinunter ins Wasser. Erst hätten sie versucht, die Krebse mit einer Angel zu fangen, später legten sie Lachs aus. Beides habe nicht geklappt, sagt Eleanor. Dann wurden sie mutiger, gingen barfuß unter die Brücke, hoben einen Stein an und siehe da - dort hockten ein paar der Krebse. Sie kippten die Tiere in eine Schüssel und machten Beweisfotos.

Artenvorkommen wird deutlich verringert

Experte Chucholl sagt, es sei typisch für den Signalkrebs, dass er Höhlen aufsuche. Und da der Bestand oft sehr dicht sei, machten die Krebse am Boden lebenden Fischen und anderen Tieren ihre Lebensräume streitig. Das schade dem heimischen Ökosystem. Chucholl spricht von einer ökologischen Verarmung und einer "McDonaldisierung" der Gewässer - er meint: Es gebe dann nur noch wenig Artenvorkommen. "Das ist ein Riesenproblem."

Selbst wenn es nur wenige wären, das Vordringen der Signalkrebse sei tödlich für heimische Arten wie den Steinkrebs, erklärt Chucholl. Der Signalkrebs übertrage eine Krebspest - einen pilzähnlichen Erreger. Präventiv könne nur mit Krebssperren gearbeitet werden. Das sind Hindernisse in Bachläufen, die das Ausbreiten der Invasoren verhindern soll. Im Oberlauf der Bottwar wurde das erstmals umgesetzt, bereits im Jahr 2014. Nach Angaben des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart sind im Landkreis Heilbronn inzwischen fünf Gewässer mit Krebssperren geschützt. Bei dreien seien sogar Doppelsperren errichtet worden - um die Wahrscheinlichkeit zu reduzieren, dass der Signalkrebs sie überwindet. Außerdem sei der Bau von weiteren Sperren geplant, zum Beispiel entlang der Zaber und deren Zuflüssen. Hier lebten noch zahlreiche Steinkrebse.

 


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In Hohenlohe gibt es noch einige Steinkrebs-Bestände

Drei Mädchen: Die Schwestern Abigale und Eleanor Dinkel (von links) und ihre Freundin Laura Glück haben in Zimmerhof Krebse gefangen.
Fotos: Adrian Hoffmann/privat
Drei Mädchen: Die Schwestern Abigale und Eleanor Dinkel (von links) und ihre Freundin Laura Glück haben in Zimmerhof Krebse gefangen. Fotos: Adrian Hoffmann/privat  Foto: Hoffmann, Adrian

Wie die Signalkrebse in den Mühlbach gelangten, ist laut Chucholl spekulativ. Allerdings sei die Elz bei Mosbach ein Hotspot - von dort aus könnten sie sich ausgebreitet haben. Die Region um Heidelberg und auch der Kraichgau sei bereits komplett an den Signalkrebs verloren.

In Heilbronn scheint es ähnlich zu sein. Seitens des RP heißt es: "Die großen Gewässerläufe im Landkreis Heilbronn sind leider bereits von invasiven gebietsfremden Signal- oder Kamberkrebsen besiedelt - wie der Neckar, Kocher und die Jagst." Von dort dringen sie in die Zuflüsse vor. Im Hohenlohekreis ergibt sich laut RP ein gemischtes Bild: "In zahlreichen Gewässersystemen sind noch heimische Steinkrebse in großer Anzahl vorhanden." In Ohrn und Brettach gebe es noch Steinkrebse, sie seien jedoch bedroht.

"Das Problem ist gravierend,", antwortet das RP auf eine Anfrage unserer Zeitung. Man müsse "den Fokus auf die größten verbliebenen Populationen richten und diese zuerst schützen". Zu versuchen, die Krebse wieder aus dem Bach zu nehmen, nütze nichts, sagt Experte Chucholl. Das sei kontraproduktiv. Die großen, dominanten Tiere würden in der Regel entnommen, die Nachkommen könnten sich umso ungestörter entwickeln.

Bei Dämmerung an den Bach

Dieser Bericht entstand im Rahmen des Projekts "Zeitung in der Grundschule". Welche Story könnte in Zimmerhof spannend sein?, fragte sich die vierte Klasse der Mühlental-Grundschule von Lehrerin Marina Wittke. Drei Mädchen erzählten von den vielen Krebsen im Mühlbach - und erbrachten wenige Tage später den Fotobeweis. Dr. Christoph Chucholl von der Fischereiforschungsstelle empfiehlt den Kindern, mal nach Einbruch der Dämmerung an den Bach zu gehen, ausgestattet mit Taschenlampen. Da seien die Krebse besonders rege. Chucholl macht darauf aufmerksam, dass die Fischereiforschungsstelle an neuen Signalkrebs-Fundmeldungen interessiert sei.

Sumpfkrebs-Bestand in Breitenauer See aktuell reduziert

Vor wenigen Jahren hatte ein weiterer invasiver Krebs die Region beschäftigt - der amerikanische Sumpfkrebs, der in den Breitenauer See vorgedrungen war. Beim Ablassen des Sees seien zahlreiche invasive Krebse entnommen und getötet worden, teilt eine Sprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart mit. Vollständig habe man sie aber nicht beseitigen können. Ziel sei es daher von Anfang an nur gewesen, deren Ausbreitung in umliegende Gewässerläufe zu verhindern. Das sei auch erfolgreich gewesen. Die Sprecherin weiter: "Aktuell ist der Bestand an invasiven Flusskrebsen im Breitenauer See reduziert, mit der Zeit werden sie sich jedoch wieder vermehren."

 


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