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Langenbeutingen

Eindringling aus den USA macht sich in den hiesigen Gewässern breit

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Der Signalkrebs ist in heimischen Gewässern eine Plage. Zwei Angler aus Langenbrettach machen sich auf die Jagd nach den Tieren und bereiten aus ihnen ein kleines Festmahl zu.

Rolf Reichert stapft durch das feuchte Gras. Am Uferbereich rund um das Flüsschen Brettach hat sich eine End-November-Kälte breit gemacht. Der nasskalte Wind beißt sich durch die Klamotten und fühlt sich ungemütlich an.

Dem 79-Jährigen aus Langenbrettach und seinem Anglerfreund Jürgen Bayer (65) macht das nichts aus. Reichert ist ein quirliger Zeitgenosse. Mit seinen grünen Gummistiefeln, Tarnfleck-Hose und Wollpulli in jägergrüner Farbe kämpft er sich durch das Unterholz des Brettach-Ufers in Neudeck.

Nach etwa fünf Minuten Kochzeit sind die Signalkrebse gar.
Nach etwa fünf Minuten Kochzeit sind die Signalkrebse gar.  Foto: Veigel, Andreas

An einem dünnen Baumstamm ist ein fingerdickes Seil angebunden. Das Seil führt in die Brettach und an dessen Ende hängt ein dunkelbrauner Kunststoffkäfig; eine sogenannte Reuse. Reichert zieht gemächlich am Seil und befördert den 60 Zentimeter langen Kunststoffkorb ans Bachufer. Er hält den Korb dicht ans Gesicht und spickt durch die Streben.

Ein toter Fisch dient als Köder

In zaghaft langsamen Bewegungen greift ein amerikanischer Signalkrebs nach den Plastikstreben. Das Tier sitzt in der Falle. Angelockt durch einen toten Fischköder marschierte er vor wenigen Stunden geradewegs seinem nahen Ende entgegen.

Anspruchsvoll scheint das Tier nicht zu sein. "Der Krebs ist ein Allesfresser. Wenn ich mal keinen Fisch habe, nehme ich Hundefutter", sagt Reichert. Er öffnet die Reuse schnappt sich den Krebs am Hinterleib und legt das Tier in einen Eimer. Dann holt er sich den zweiten und den dritten.

Ein Signalkrebs-Weibchen trägt am Unterleib mehrere dutzend Eier. In wenigen Tagen hätten sie sich abgelöst. Fotos: Andreas Veigel
Ein Signalkrebs-Weibchen trägt am Unterleib mehrere dutzend Eier. In wenigen Tagen hätten sie sich abgelöst. Fotos: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Jeden zweiten Tag überprüft Reichert die Fallen. Im Spätherbst oder Winter fällt die Beute eher gering aus. "Im Sommer sind in jeder Reuse bis zu 15 Krebse drin." Den Tieren scheint es in der Brettach zu gefallen. "Die Wasserqualität ist gut", sagt Bayer.

Der Signalkrebs ist eine invasive Art

Der amerikanische Signalkrebs ist hierzulande längst zu einer Plage geworden. Reichert vermutet, dass ein von seinem Hobby müde gewordener Aquarien-Freund die Krustentiere ausgesetzt hat. Aus der vermeintlichen Tierliebe ist eine Invasion geworden. Der Einwanderer ist gefährlich für seinen deutschen Verwandten, den Flusskrebs. Der amerikanische Artgenosse ist Überträger der Krebspest. Der Pilz ist für den Signalkrebs harmlos, für den heimischen Flusskrebs ist er in der Regel tödlich.

Reichert schließt die Reuse. Mit dem Stiel einer Stangensäge, durch die er am Ende ein Loch gebohrt hat, setzt er den Kunststoffkorb zurück ins Wasser. Der tote Fisch dient wieder als Köder. Reichert geht zur nächsten Reuse, ein paar Meter flussabwärts. Auch darin haben sich drei Krebse verfangen.

Insgesamt vier Reusen und einen Setzkescher hat Reichert in der Brettach versenkt, die an dieser Stelle zwischen 30 Zentimeter und 1,50 Meter tief und etwa sechs Meter breit ist. In einem Setzkescher haben sich ungefähr 20 Krebse verfangen. Die Maschen sind aus Metall. "Ein Netz würde der Krebs durchbeißen", sagt Bayer. Ein richtiges Rentnerhobby sei das. Was die beiden motiviert? "Der Krebs kommt bei uns nicht vor. Der größte Feind der Krebsbrut ist der Aal." Der ist in der Brettach kaum noch zu finden. Und Aale einzusetzen, sei zu teuer.

Nach einer halben Stunde ist alles überprüft

Reichert öffnet den Kescher und holt die Schalentiere heraus. Alle landen in einem gelben Eimer. Nach einer halben Stunde sind alle Reusen und Kescher geprüft und geleert. Die zwei setzen sich in Reicherts kleinen Geländewagen und fahren zurück nach Langenbrettach.

Nach etwa fünf Minuten Kochzeit sind die Signalkrebse gar.
Nach etwa fünf Minuten Kochzeit sind die Signalkrebse gar.  Foto: Veigel, Andreas

Zuhause angekommen, kippt Reichert die Krebse in eine gelbe Wanne und füllt sie mit kaltem Wasser. Bis zu 200 Gramm kann einer auf die Waage bringen. Um diese Jahreszeit seien sie ein wenig leichter. Reichert tippt das Gewicht auf 150 Gramm. Er wäscht die Tiere zwei, drei Mal. Dann geht's zum letzten Gang. Auf einer Elektroherdplatte vor Reicherts Gartenhaus steht ein Schnellkochtopf. Das Wasser kocht. Die Tiere haben sich aneinandergeklammert. Reichert nimmt die Tiere aus dem Eimer und wirft sie in den Topf.

Mit einer Rohrzange knackt Rolf Reichert die Scheren auf.
Mit einer Rohrzange knackt Rolf Reichert die Scheren auf.  Foto: Veigel, Andreas

Sofort stellen die Krebse jegliche Bewegung ein. "Wenn sie ins heiße Wasser kommen, sind sie tot", sagt Reichert. Fünf Minuten kochen sie in dem Sud. Allmählich wechseln sie ihre Farbe und werden rot. Nach drei Minuten holt Reichert die Krebse aus dem Topf. Mit einer kleinen roten Rohrzange oder wahlweise mit einem Messer knackt der Hobbyjäger die Scheren auf. Hell, fast weiß tritt das Krebsfleisch aus der harten Schale.

Reste sind für die Wildschweine

Reichert reicht ein Weißbrot. Zart und leicht salzig schmeckt das Fleisch. Er pult das Fleisch aus der Rückenflosse. Nur an diesen beiden Stellen ist der Signalkrebs genießbar. Der Rest wandert in einen Eimer. Den nimmt Reichert mit in den Wald. "Die Wildschweine freuen sich darüber. Für sie ist das eine Delikatesse."

Nach etwa fünf Minuten Kochzeit sind die Signalkrebse gar.
Nach etwa fünf Minuten Kochzeit sind die Signalkrebse gar.  Foto: Veigel, Andreas

Dass er dem Tier zu Leibe rückt, damit hat Reichert kein Problem. "Er ist ein Eindringling, der den heimischen Flusskrebs vertreibt, unsere Fische angreift und die Fischbrut frisst." An jedem dritten Fisch, den er aus der Brettach ziehe, hänge ein Krebs dran.

794 Krebse hätten er und Bayer aus der Brettach bis zu diesem Zeitpunkt gezogen. Reichert geht davon aus, dass es am Ende des Jahres mehr als 1000 sein werden. Erst in diesem Sommer habe er gemeinsam mit Familie und Freunden ein großes Krebsessen im Hof veranstaltet, mit Weißbrot und einem Dip. "Das ist der Hummer des kleinen Mannes", sagt der Langenbrettacher und lacht. Dann kommt ein weiterer Krebs auf den Teller. In den Reusen warten schon die nächsten.

 
 
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