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Nahost-Eskalation
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Was hinter dem Iran-Krieg steckt und welche Folgen Deutschland drohen

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Die USA und Israel haben den Iran angegriffen und eine Reihe von Führern des Landes getötet, darunter Ajatollah Ali Chamenei. Ein Blick auf die Hintergründe und Auswirkungen.

Von Stefan Kegel und Ellen Hasenkamp

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Seit Samstag laufen die Militäraktionen „Epischer Zorn“ und „Brüllender Löwe“ der USA und Israels gegen den Iran. Was steckt dahinter und wie geht es weiter? Eine Einordnung.

Nahost-Konflikt eskaliert im Iran: Worum geht es?

Das Ziel des US-amerikanischen Angriffs auf den Iran machte Donald Trump gleich zu Beginn klar: das Ende des Mullah-Regimes im Iran. „Übernehmt Eure Regierung“, rief er dem iranischen Volk zu. Es sei „wahrscheinlich die einzige Chance in Generationen“. Jetzt sei der Moment der Tat. „Lasst ihn nicht verstreichen.“ Das mächtige US-Militär sei an der Seite der Iraner. Den Revolutionsgarden, Streitkräften und Angehörigen der Sicherheitskräfte sicherte er Immunität zu, wenn sie die Waffen niederlegen.

Das Atomprogramm des Irans sowie die Entwicklung weitreichender Raketen sollten nach Angaben des US-Präsidenten genauso beendet werden wie die Unterstützung des Irans für eine Reihe irantreuer Milizen in der Region, wie die Hamas, die Hisbollah oder die Huthis. Mit der Tötung von Revolutionsführer Ali Chamenei hat Trump den ersten Schritt erreicht. „Einer der bösesten Menschen der Geschichte“ sei nicht mehr am Leben, erklärte er.

Machtübergang nach Chameneis Tod: Was folgt nun?

 „Das Regime hat sich seit dem Zwölftagekrieg im Juni 2025 auf einen solchen Angriff vorbereitet“, sagt die Iran-Expertin Diba Mirzaei vom Hamburger GIGA-Institut. „Für alle ranghohen Führer des Landes, sowohl Militärs als auch politische Führer, wurden bis zu vier Nachfolger bestimmt.“ Auch für sich selbst habe Chamenei bereits die Nachfolge festgelegt. Vorübergehend leitet ein Dreier-Rat die Geschicke des Landes. Ihm gehören Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholamhossein Mohseni Edschei und als Mitglied des mächtigen Wächterrates Ajatollah Aliresa Arafi an.


Während man sich in den USA offenbar auf mehrere Wellen von Angriffen vorbereitet, die unter Umständen mehrere Wochen andauern könnten, ist die Lage im Land ungewiss. „Dass die große Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr hinter diesem Regime steht, ist klar“, erklärt Iran-Expertin Mirzaei. Die Menschen seien jetzt allerdings damit beschäftigt, am Leben zu bleiben. Angesichts des Bombardements von zivilen Einrichtungen wie einer Mädchenschule im Süden des Landes mit Dutzenden Opfern fragten sich viele Menschen, ob diese Angriffe wirklich etwas bringen oder das Land in Chaos und Instabilität stürzen. Noch sei das Regime nicht geschlagen. Seit dem Zwölftagekrieg habe es die Raketenvorräte wieder aufgestockt und zerstörte Abschussbasen wieder aufgebaut. „Die Strategie scheint jetzt zu sein, so viele parallele Angriffe wie möglich auf Stützpunkte der USA und Verbündete der USA zu starten, um sie damit zu schwächen.“

Straße von Hormus blockiert, steigende Energiepreise erwartet: Was können die Folgen für Deutschland sein?

Teheran ist 3500 Kilometer von Berlin entfernt, aber der Krieg wird sich auch auf Deutschland auswirken. Vor allem wirtschaftliche Folgen drohen: So ist der Transport von Öl und Gas durch die Straße von Hormus – einen 55 Kilometer breiten Meeresweg zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman zum Indischen Ozean – derzeit blockiert. Damit sind nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur knapp 30 Prozent der weltweiten Öltransporte und so große Exporteure wie Saudi-Arabien, Irak oder Kuwait betroffen. Auch die Ausfuhren von Katar als größtem Flüssiggasproduzenten der Region würden darunter leiden.

Experten rechnen damit, dass in Deutschland nun Benzin und Diesel, aber auch Heizöl und Erdgas teurer werden. Das werde sich auch für Endverbraucher bemerkbar machen. Je nachdem, wie lange der Krieg andauert, könnten steigende Energiepreise auch das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum weiter ausbremsen.

Nach Angriffen von Iran: Wie reagiert die Bundesregierung?

Deutschland, so betont Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Erklärung vom Samstag, sei an der Militäraktion „nicht beteiligt“. Wem er die Schuld an der Eskalation gibt, ist eindeutig: dem Iran und seiner Führung. Deutlich wird auch, dass Merz die Ziele der israelischen und US-Angriffe durchaus unterstützt: ein Ende des iranischen Atom- und Raketenprogramms sowie der destruktiven Rolle im Nahen Osten insgesamt und der brutalen Unterdrückung der eigenen Bevölkerung. Scharf verurteilt Merz daher auch die „militärischen Schläge gegen Israel und unsere anderen Partner in der Region“ durch die iranische Führung.

Einer klaren Bewertung der israelischen und US-Aktionen enthält sich die Regierung dagegen. Weder gibt es völkerrechtliche Kritik noch ausdrückliche Unterstützung. Merz’ Aufforderung, „Bemühungen um eine Verhandlungslösung wieder aufzunehmen“, ist offenbar an beide Seiten gerichtet. Besonders skeptisch sieht Berlin den offensiv von Trump beworbenen Regimewechsel im Iran. Merz erklärt seinerseits nur, „dass das iranische Volk das Recht hat, über sein Schicksal zu entscheiden“.

Über allem steht in Berlin aber die klare Erkenntnis, dass Deutschland und Europa im nahöstlichen Spiel wenig mitzumischen haben. Als Erfolg gilt vorerst bereits, dass die Bundesregierung von israelischer Seite vorab, wenn auch sehr kurzfristig, über die bevorstehenden Luftangriffe informiert wurde. Ziel für die nächsten Tage dürfte es sein, die europäische Position so gut wie möglich zu koordinieren.


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Was ist aus den Verhandlungen der USA mit dem Iran geworden?

Mehrere Male sind die US-Verhandler Steve Witkoff und Jared Kushner bereits mit dem iranischen Außenminister Abbas Aragtschi unter omanischer Vermittlung zusammengekommen. Dabei ging es bisher ausschließlich um das Atomprogramm des Irans, obwohl Beobachter forderten, dass für ein Abkommen auch Teherans Raketenprogramm sowie die Unterstützung islamistischer Milizen wie Hamas, Hisbollah und Huthi verhandelt werden müssten. Das letzte Treffen fand am Donnerstag in Genf statt. Die Gespräche wurden ohne Ergebnis vertagt. Ursprünglich war geplant, dass die Verhandler binnen weniger Tage wieder zusammenkommen.

Der Iran hat immer wieder betont, dass er nicht am Bau einer Atombombe interessiert sei und seine Nuklearforschung ausschließlich friedlichen Zwecken diene. „Iran wird unter keinen Umständen jemals eine Atomwaffe entwickeln“, twitterte Aragtschi vor einigen Tagen auf X.

„Beide Seiten haben auf Zeit gespielt“, sagt Iran-Expertin Diba Mirzaei. „Aber selbst wenn beide an einem Abkommen interessiert gewesen sein sollten, kann das nicht mit zwei Runden erreicht werden, wie Donald Trump das wollte.“ Die Verhandlungen zum Atomabkommen von 2015 – das Trump drei Jahre später wieder aufkündigte – hätten immerhin mehrere Jahre gedauert.

Wie weit ist der Iran mit dem Bau einer Atombombe?

 „Es war immer Politik der Vereinigten Staaten, besonders meiner Regierung, dass das terroristische Regime niemals eine Atomwaffe besitzen darf“, sagte Trump zur Begründung des Angriffs. Der Zerstörung des iranischen Atomprogramms diente bereits der groß angelegte US-Bomberangriff auf die Atomanlagen von Natans, Fordo und Isfahan während des iranisch-israelischen Zwölftagekrieges im Juni 2025. Danach hatte Trump verkündet, das Programm sei vernichtet worden.

Allerdings gab es an dieser Darstellung schon damals Zweifel, da es sich zum Teil um Bunkeranlagen handelte, deren Zerstörung schwer nachzuweisen war. Zudem sind dem Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, zufolge bis heute mehr als 400 Kilogramm hochangereichertes Uran verschwunden. Der Iran hat über dessen Verbleib bisher eisern geschwiegen. Der Anreicherungsgrad von 60 Prozent bei diesem verschwundenen Uran deutet darauf hin, dass hier mehr auf dem Spiel steht. Für ein herkömmliches Atomkraftwerk würde ein Anreicherungsgrad von 3,5 bis 5 Prozent ausreichen.

Was ist mit Irans Raketenprogramm?

Für den Bau einer Atombombe ist ein Trägersystem erforderlich, also eine Rakete. Auch hieran forscht der Iran. US-Außenminister Marco Rubio hatte vor wenigen Tagen erklärt, die Iraner bauten an Interkontinentalraketen. „Man hat gesehen, wie sie die Reichweite ihrer vorhandenen Raketen ausgebaut haben, und eindeutig sind sie auf dem Weg, eines Tages in der Lage zu sein, Waffen zu entwickeln, die US-amerikanisches Festland erreichen könnten.“

Der Iran verfügt nach Schätzungen von Experten über rund 2000 Kurz- und Mittelstreckenraketen, mit denen am Wochenende auch verschiedene Ziele im Nahen Osten bombardiert wurden. Ziel waren hier Stützpunkte von US-Truppen sowie deren Verbündete.

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