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Hasnain Kazim zu Afghanistan: "Taliban-Sieg ist Motivationsschub für Islamisten"

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Der Journalist Hasnain Kazim warnt davor, sich mit den Taliban an den Verhandlungstisch zu setzen. Der ehemalige Stimme-Redakteur zeigt sich in diesem persönlichen Interview auch betroffen von der Geschwindigkeit, mit der die Geschichte in Afghanistan zurückgedreht wird.

Der Taliban-Nachwuchs ist nicht weniger gefährlich als seine Vorgänger vor 20 Jahren. Das liege auch an ihrer "Steinzeitideologie", die keine Veränderung zulässt, sagt Hasnain Kazim.  
Fotos: dpa, Baschi Bender/SWR
Der Taliban-Nachwuchs ist nicht weniger gefährlich als seine Vorgänger vor 20 Jahren. Das liege auch an ihrer "Steinzeitideologie", die keine Veränderung zulässt, sagt Hasnain Kazim. Fotos: dpa, Baschi Bender/SWR  Foto: -

Mehrere Jahre hat Hasnain Kazim im Auftrag des "Spiegels" über Afghanistan berichtet, hat das Land viele Male bereist. Im Gespräch mit seinem Ex-Kollegen zeichnet der frühere Stimme-Redakteur ein recht ernüchterndes Bild der Situation und warnt vor den Problemen, die nun auf die Welt und Europa zukommen.

Du hast engen Kontakt nach Afghanistan. Wie sehr hat dich der Durchmarsch der Taliban überrascht?

Hasain Kazim: Was passiert ist, hat mich nicht überrascht. Ich habe ab 2013, als ich von Pakistan in die Türkei zog, aufgehört, aus Afghanistan zu berichten. Auch, weil ich dort Angst hatte. Ich habe oft aus Krisengebieten berichtet, aber mit Afghanistan ist das nicht zu vergleichen. Die Taliban waren nach dem Einmarsch der internationalen Truppen 2001 nie weg. Und von daher ist nur passiert, was alle vorausgesagt haben. Was aber wirklich überrascht, ist, wie schnell das gegangen ist.

Warum haben sich auch die USA und auch die europäischen Militärexperten und Geheimdienste so verschätzt?

Kazim: Das kann ich nicht beurteilen. Aber vieles ist auch einem innenpolitischen Druck geschuldet. Es kostete ja unfassbar viel Geld und Menschenleben. Die Bundeswehr hat 59 Leute verloren, insgesamt sind 3500 westliche Soldaten gestorben. Das muss man den Partnern, Eltern und Kindern erst einmal erklären. Und der Öffentlichkeit muss man erklären, dass das Milliardensummen verschlingt. Schon Obama wollte so bald wie möglich raus, dann hat Trump es konkret gemacht und Biden hat es vollzogen. Aber alles ohne Exitstrategie.

Über Jahre wurden die afghanischen Soldaten von westlichen Militärs ausgebildet. Hättest du eine so bedingungslose Kapitulation erwartet, wie wir sie nun erlebt haben?

Kazim: Ich hätte erwartet, dass man sich noch irgendwie wehrt. Allein in den vergangenen Tagen sind Tausende Soldaten nach Tadschikistan geflüchtet. Das kann man insofern verstehen, als sie wussten, dass ihnen jetzt Gefängnis oder Tod blüht. Aber wenn man so tickt, sollte man vielleicht nicht Soldat werden. Es war jedenfalls ein Irrglaube, dass man die afghanische Armee und die Polizei einfach ausbildet, und dann stemmen die das alleine. Loyalitäten wechseln in Afghanistan schnell, und im Zweifelsfall will man bei den Siegern sein. Beschämend ist, was die afghanische Regierung getan hat. Sie ist mit Taschen voller Geld abgehauen, ihre Politiker waren von Beginn an korrupt. Das ist, bei aller Kritik am Westen, ein Versagen der Afghanen selbst.


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Wie groß ist denn die Unterstützerbasis der Taliban im Land?

Kazim: Das ist sehr schwer zu beziffern. Eine Studie von Pew Research von 2013 besagt, 99 Prozent der Muslime in Afghanistan würden die Scharia befürworten. Das heißt aber nur, dass sie Gesetze befürworten, die im Einklang mit dem Islam stehen, nicht, dass man ein Recht nach dem Buchstaben des Koran wünscht. Daraus abzuleiten, dass diese Menschen die Taliban unterstützen, ist Unsinn. 1996, als die Taliban an die Macht kamen, war die Unterstützung tatsächlich sehr groß. Da war Chaos im Land.

Auf Twitter hast du die Nachricht eines Bekannten gepostet, der sich von dir verabschiedet. Er weiß nicht, wie lange er noch am Leben sein wird. Was glaubst du, steht den Helfern des Westens nun bevor?

Kazim: Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die sich von mir verabschiedet haben. Das sind alles Leute, denen nur noch die Hoffnung bleibt, jetzt schnellstmöglich aus Afghanistan herauszukommen. Es sind so viele Mitarbeiter von Stiftungen und Organisationen, für die es jetzt keine Sicherheit mehr im Land geben wird. Wer sich jetzt um sie kümmert? Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist es eh zu spät.

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Die Taliban sagen, sie planten keine Vergeltungsaktionen. Damit wollen sie wohl auch den Westen unter Druck setzen, jetzt an den Verhandlungstisch zu kommen.

Kazim: Die Taliban werden jetzt das Blaue vom Himmel versprechen. Sie wollen jetzt sogar Frauen in die Regierung nehmen. Aber das ist bald vergessen. Sie haben noch während der Friedensgespräche in Doha nicht nur ihre Offensive fortgeführt, sie haben sogar Soldaten vor laufender Kamera erschossen und das ins Netz gestellt. Deutlicher kann man nicht sagen, dass man sich in keiner Weise an sein eigenes Wort hält.

Was ist die Alternative?

Kazim: Im Telefonbuch meines Handys befinden sich Nummern von drei Dutzend Freunden, die von den Taliban ermordet wurden im Laufe der Jahre. Ich bringe es nicht übers Herz, ihre Nummern zu löschen. Für mich steht fest: Mit diesen Extremisten kann man nicht reden. Die Alternative ist, dass man sie bekämpft, während man gleichzeitig jene stärkt, die gegen die Taliban sind. Aber bitte nicht Leute, die ähnlich extremistisch und gewaltbereit sind wie die Taliban.

Wenn Russland, Indien, die Türkei und China ihren Einfluss geltend machen wollen, werden sich die Taliban ihre Verhandlungspartner aussuchen können?

Kazim: Das können sie jetzt schon. China geht pragmatisch vor, man kann auch sagen: gewissenlos. China kann mit dem Islam nichts anfangen, schon gar nicht mit dessen radikaler Auslegung. Aber da, wo sie ihre Rohstoffe herbekommen, ist ihnen die politische Ausrichtung der Regierung egal. Indien und Pakistan führen in Afghanistan einen Stellvertreterkrieg. Pakistan unterstützt die Taliban, Indien all die anderen Extremisten und Radikalen, die es da auch noch gibt. Dazu kommt: Es werden wieder Hundertausende nach Pakistan flüchten. Das birgt ebenfalls Zündstoff. Das ist sehr explosiv.

Wie kann die EU jetzt mit der Vielzahl an Flüchtlingen umgehen, die sich auf den Weg machen?

Kazim: Erdogan wird die gleiche Rolle spielen, die er schon bei den Flüchtlingen aus Syrien spielt: Er wird Geld vom Westen bekommen, damit er Europa die Flüchtlinge vom Leib hält. Und er wird sich das teuer bezahlen lassen. Das ist bitter.


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Dann sind die Probleme in Afghanistan plötzlich wieder ganz nah bei uns?

Kazim: Ja, und wenn die Taliban an der Macht sind, wird es früher oder später wieder Terroranschläge geben. Denn ihr Sieg ist ein Motivationsschub für Islamisten weit über die Region hinaus. Dazu muss man nur im Internet auf den Dschihadistenseiten verfolgen, wie sie jetzt jubeln und feiern.

Man hat den Eindruck, die Welt ist wieder am gleichen Punkt wie vor 20 Jahren. Was hat sich verändert?

Kazim: Es hat sich leider fast nichts verändert. Die heutigen Anführer ticken genauso wie ihre Vorgänger. Das liegt auch an ihrer Steinzeitideologie. 20 Jahre lang gab es Hoffnung, dass sich die Dinge ändern. Es gab Frauen, die Zugang zu Bildung erhielten, es gab aufstrebende Journalistinnen und Politikerinnen. Innerhalb von wenigen Tagen und Wochen wurde das alles rückgängig gemacht. Am Ende bleibt wohl nur die Hoffnung, dass Länder, die Einfluss auf Afghanistan haben, sich dafür einsetzen, dass die Gewalt dort aufhört.

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Eine trostlose Beschreibung der Situation. Also alles umsonst?

Kazim: Ich war und bin kein Gegner des militärischen Einsatzes. Es gab 2001 gute Gründe für den Einmarsch, allerdings keine Konzepte, was man politisch dort verändern und aufbauen möchte. Die Mission wäre vielleicht erfolgreicher gewesen, wenn die USA 2003 nicht das nächste Abenteuer Irak eingegangen wären. Eine wichtige Lehre bleibt aber: Man kann das Denken von Menschen nicht mit Gewalt verändern.

Du wolltest einmal mit dem Fahrrad durch den Norden Afghanistans fahren. Hast du noch Hoffnung, dass das etwas wird?

Kazim: Die Gegend um Kundus, wo die Bundeswehr war, ist wunderschön. Ich hatte immer die Hoffnung, dass, wenn der Krieg vorbei ist und die Nato abzieht, es dann möglich sein wird. Jetzt gehe ich davon aus: Ich werde dort nie wieder sein.

Zur Person

Hasnain Kazim wurde 1974 in Oldenburg geboren und ist Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer. Das journalistische Handwerk lernte er bei der Heilbronner Stimme. Von 2004 bis 2019 schrieb er für den "Spiegel" als Auslandskorrespondent in Islamabad, Istanbul und Wien. Für seine Arbeit wurde er mit diversen Preisen ausgezeichnet, darunter dem "CNN Journalist Award". Heute lebt er als freier Autor in Wien und schreibt unter anderem für "Die Zeit" und den Deutschlandfunk. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht. Immer wieder liest er daraus auch in Heilbronn.


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Am Dienstag liest Hasnain Kazim im Deutschhof aus seinem aktuellen Buch im Rahmen der Reihe "Heilbronn ist Kult". Die Veranstaltung ist ausverkauft.
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Warum der Autor Hasnain Kazim gerne provoziert


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