Studie sieht Gefahr für Universitäten durch politische Korrektheit
Laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts unter Professoren nimmt die politische Korrektheit an Universitäten zu. Jeder fünfte Befragte sorgt sich, dass Kollegen die Distanz zur Forschung verlieren. Und noch weitere Ergebnisse beunruhigen Experten.

Können Professoren an Universitäten auch zu umstrittenen Themen ungehindert forschen? Oder wird die Freiheit der Lehre beeinträchtigt? Diesen Fragen widmete sich letzte Woche eine Konferenz von Konrad-Adenauer-Stiftung und Deutschem Hochschul-Verband.
Die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland sei in "bemerkenswerter Weise" gesichert, sagt Ex-Bundespräsident Norbert Lammert zur Begrüßung. Dennoch müsse man sich mit der Frage beschäftigen, ob diese Freiheit in Gefahr ist. Er sehe Anzeichen dafür.
Wer den Klimawandel bestreitet oder Gendern ablehnt, sorgt für Widerstand
Das bestätigt eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter Professoren, die Thomas Petersen vorstellt. Vor zwei Jahren gab es eine ähnliche Untersuchung. "Ich dachte offen gestanden, dass sich da nicht viel tut", sagt Petersen. Doch das hat es: Während 2020 noch 31 Prozent der Befragten zustimmten, dass die Freiheit der Lehre durch politische Korrektheit eingeschränkt wird, waren es nun 40 Prozent.
Die Aussage, dass man auf Widerstand stoße, wenn man den Klimawandel bestreite, bejahten 70 Prozent der Befragten, sieben Prozent mehr als vor zwei Jahren. Fast die Hälfte stimmte zu, dass man sich Ärger einhandelt, wenn man sich der geschlechtergerechten Sprache verweigert.
Jeder fünfte Professor sorgt sich, dass Distanz bei Kollegen verloren geht
Auch das Verständnis von Wissenschaft ändert sich demnach: Unter 40 Jährige gaben häufiger an, dass Wissenschaft den gesellschaftlichen Fortschritt vorantreiben oder Debatten anstoßen müsse. Dass dabei die Distanz zur eigenen Forschung bis hin zum Aktivismus verloren geht, hat jeder fünfte Befragte schon mal bei Kollegen beobachtet.
Bei der Frage, was an Universitäten erlaubt sein sollte, gehen die Meinungen ebenfalls auseinander. Junge Forscher tolerieren eher, Israel als Staat abzulehnen oder Embryonen zu klonen. Ältere Forscher tolerieren eher, Rechtspopulisten zu Diskussionen einzuladen oder den Islam abzulehnen. "Es ändert sich allmählich das Klima", so Petersen.
Tendenz, unliebsame Wissenschaftler zu stigmatisieren
"Zu glauben, dass die Universitäten unter einem Klima der Intoleranz ächzen, wäre ein Irrtum. Die allermeisten Forscher sind in ihrer Forschung komplett frei." Allerdings seien die veränderten Einstellungen bei Jüngeren ein Signal. "In aller Regel zeigen uns die Jüngeren, wo sich die Gesellschaft hinentwickelt."
Als "alarmierend" bezeichnet Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, die Ergebnisse. "Wir haben eine Art inneren Erosionsprozess im freien Denken, vor dem wir stehen." Es gelte, diesen aufzuhalten.
Es gebe die Tendenz, unliebsame Wissenschaftler zu stigmatisieren, meint die Professorin Barbara Zehnpfennig. Wichtig sei, dass Forschung ergebnisoffen bleibe.
Es sei legitim, dass sich manche Werte wandeln, sagt die Professorin Maisha-Maureen Auma. "Der Klimawandel ist natürlich ein anderes Thema für eine Person, die 16 ist, als für mich."


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