Brauchen wir die Corona-App noch?
Seit Beginn der Corona-Pandemie wird über eine App gesprochen, die Infektionsketten nachvollziehbar machen soll. Bisher gibt es sie nicht, stattdessen wird über mögliche Funktionen der App gestritten. Ist sie noch sinnvoll? Darüber haben wir mit Michael Littger, Geschäftsführer des Vereins "Deutschland sicher im Netz" gesprochen.

Herr Littger, ist eine Corona-Warn-App immer noch sinnvoll?
Michael Littger: Die Corona-Tracing-App ist notwendig, weil sie einen Beitrag leisten kann, um in die neue Normalität zurückzukommen. Zugleich würde ich davor warnen, die Erwartungen zu hoch zu setzen, da hierbei Enttäuschungen drohen, die sich auf die Akzeptanz der App niederschlagen können. Ich bin dafür, dass sie kommt, aber mit einer realistischen Erwartungshaltung.
Was sollte die App leisten?
Littger: Der ideale Nutzen sollte sein, dass die Infektionsketten besser zurückverfolgt werden können. Betroffene Personen könnten unmittelbar benachrichtigt werden, dass sie reagieren sollten, und die Verbreitung der Pandemie würde verlangsamt werden. Es gibt jedoch zahlreiche Faktoren, von denen der Erfolg abhängt. Unklar ist zum Beispiel, wie viele Nutzer die App installieren werden und ob sie technisch zuverlässig funktionieren wird.
Was bedeutet das bisherige Hin und Her für die Akzeptanz der App?
Littger: Ich bin nicht ganz so kritisch, dass die Verzögerung zu einer großen Unsicherheit führt. Wichtiger ist, dass jetzt schnell aufgeklärt wird, welchen Nutzen die App haben kann. Wenn dieser Aufklärungsprozess jetzt startet, kann die Verzögerung aufgeholt werden. Das Problem ist, dass damit nicht von Anfang an gestartet wurde. Das hat zu einer Verunsicherung geführt, die die aktuelle Debatte prägt.
Was verunsichert die Bürger?
Littger: Uns stellen Verbraucher Fragen wie: Werde ich bestraft, wenn ich die App nicht habe? Warum muss ich mich damit beschäftigen, wenn die App nicht verpflichtend ist? Wird berücksichtigt, dass ich Schutzmaske trage? Diese und weitere Fragen sind nicht ausreichend geklärt.
Gleichzeitig zeigen Befragungen, dass viele Menschen eine App befürworten würden.
Littger: Es gibt nach wie vor die Bereitschaft zur Solidarität und zum Helfen in der Bevölkerung. Das ersetzt jedoch nicht die Notwendigkeit, die Verbraucher aufzuklären. Die App ist ein Herkulesprojekt mit 60 bis 70 Millionen möglichen Anwendern. Es wäre wichtig, umfassend zu informieren, damit sich die Verbraucher in ihren Fragen ernst genommen fühlen.
Die Bundesregierung setzte zuerst auf die europäische App Pepp-PT, dann auf eine deutsche App. Warum?
Littger: Die Kritik an Pepp-PT zielte auf den Umstand, dass alle Daten - wenngleich anonymisiert - zentral auf einem Server gespeichert worden wären, um App-Nutzer zu benachrichtigen. Damit wäre eine Informationskette entstanden, die über einen Server die gesamte deutsche Handynutzer-Landschaft überschaut. Es ist verständlich, dass Verbraucher davor Angst haben. Wir hatten nicht die Zeit, darüber aufzuklären, dass diese Daten nicht auf einzelne Nutzer zurückgeführt werden können und dass dies durch Regularien und Strafen auch verhindert werden kann.
Es wurde sogar diskutiert, ob die App automatisch auf allen Mobiltelefonen installiert wird.
Littger: Ich befürworte das Prinzip der Freiwilligkeit und der bewussten Nutzung dieser Anwendung. Ich muss mich bewusst für diese Technik entscheiden können. Es ist nachvollziehbar, dass über eine verpflichtende App-Installation diskutiert wurde. Aber es wäre der falsche Weg, da sich die Verbraucher entmündigt gefühlt hätten.
Was ist besser am Ansatz von Apple und Google, die Kontaktverfolgung per Bluetooth direkt im Betriebssystem zu ermöglichen?
Littger: Technologisch hat das einen entscheidenden Vorteil: Eine App müssen Sie immer geöffnet haben, sie kann nur eingeschränkt im Hintergrund laufen. Daher ist es eine interessante Alternative, die Technik im Betriebssystem zu verankern. Es ist womöglich auch beruhigender, dass meine Daten auf dem Gerät ruhen und nur "geweckt" werden, wenn sie für eine Infektionswarnung in Betracht kommen.
Sind damit alle Sorgen ausgeräumt?
Littger: Es wäre fatal, zu glauben, dass die Debatte um Datenschutz und IT-Sicherheit damit vom Tisch ist. Auch bei dieser Variante stellen die Verbraucher Fragen. Die Daten sind eingebettet in Betriebssysteme von Unternehmen. Es wird nachvollziehbar gemacht, ob mein Handy mit den entsprechenden Daten eines Infizierten Kontakt hatte. Verbraucher nehmen das wahr, und es ist deshalb nötig, die Debatte nun weiter zu führen - aber mit Fokus auf den Nutzen einer solchen Technik und der Erklärung, warum wir dafür ein gewisses Risiko eingehen.
Wie sieht das Ende des Weges aus: Wird die Corona-App irgendwann verschwinden?
Littger: Wenn es die App einmal gibt, wird sie wohl nicht wieder abgeschafft werden. Sie könnte für künftige Pandemien zum Einsatz kommen. Es muss aber sichergestellt werden, dass meine Daten nicht mehr genutzt werden, wenn ich die App lösche. Das wird sicher auch der Bundesdatenschutzbeauftragte einfordern.
Die deutsche Corona-App soll nun unter anderem von Telekom, SAP und dem Bundesdatenschutzbeauftragten entwickelt werden. Eine gute Zusammensetzung?
Littger: Da fehlt ganz klar eine Institution, die die Verbraucher vertritt und ihre Fragen in der späteren Umsetzung beantworten kann. Wir möchten daran beteiligt werden und ich bin überzeugt und optimistisch, dass es dafür nicht zu spät ist. Wir könnten kritisch und neutral an der Entwicklung mitwirken.
Was würde Sie überzeugen, die Corona-Warn-App zu nutzen?
Littger: Ich lasse mich am liebsten von Menschen überzeugen, die selbst an ihre Botschaften glauben. Das heißt, es braucht eine gut begründete Haltung zu dieser App, die die Macher und Betreiber nun einnehmen müssen. Sie müssen Kritik aushalten und Fragen beantworten können. Sie können nicht alle Menschen überzeugen, das müssen sie auch gar nicht. Die Kritiker können für eine gute App am Ende sehr hilfreich in der Debatte sein.
Zur Person
Dr. Michael Littger ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins "Deutschland sicher im Netz" unter Schirmherrschaft des Bundesinnenministeriums. Der Verein berät Politik, Wirtschaft und Verbraucher zu digitalen Themen. Mitglieder sind unter anderem Google, Microsoft, SAP, Telekom oder der Sparkassenverband.


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