Wie ernst ist Putins atomare Drohung zu nehmen?
Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München sagt, Putin wisse genau, dass die Kosten des Einsatzes einer Nuklearwaffe den militärischen Nutzen deutlich überstiegen.
Deutschland muss sich besser auf Angriffe auf Infrastrukturen und russische Desinformationskampagnen einstellen. Das fordert der Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München im Stimme-Interview.
Angesichts der Verschärfung der Kriegshandlungen in der Ukraine geht er davon aus, dass "Russland seine Operationen im Informationsraum in Europa intensivieren oder eben Sabotageakte auf Infrastrukturen veranlassen" könnte. Das russische Militär habe im Ukraine-Krieg die konventionellen Eskalationsmöglichkeiten unterhalb der nuklearen Schwelle weitgehend ausgeschöpft. "Aber daneben bleibt eben die hybride Eskalation", sagt Sauer. Solche Angriffe habe es ja bereits gegeben - "ich nenne als ein Beispiel nur den Hackerangriff auf den Bundestag 2015".
Es ist das Ziel, dass der Urheber von Sabotageakten im Dunkeln bleibt
Ambiguität, also Mehrdeutigkeit, und Rätselraterei seien dabei gewollt. "Solche Operationen sollen nicht eindeutig jemandem zugeordnet werden können. Das hilft, sie unterhalb der Kriegsschwelle zu halten." Schließlich könne ein nachweislich von Russland verursachter Angriff auf einen Nato-Staat den Bündnisfall bedeuten, erklärt der Politikwissenschaftler.
Westliche Gesellschaften müssten ihre Widerstandsfähigkeit stärken, "unter anderem durch redundante und besser geschützte Infrastrukturen und einen aufgeklärteren Umgang mit Desinformation".
Angriffe auf zivile Infrastruktur sind "militärisch nutzlos", so der Experte
Eine akute Gefahr, dass Putin seine Drohung wahrmachen könnte und Atomwaffen in der Ukraine einsetzt, sieht Frank Sauer indes nicht. "Putin dürfte wissen, dass die ihm aufgebürdeten Kosten nach dem Einsatz einer Nuklearwaffe den militärischen Nutzen dramatisch übersteigen würden." Das habe insbesondere die USA der Führung in Moskau nachdrücklich klar gemacht.
Die massiven Angriffe auf ukrainische Städte seit Montag bezeichnete Sauer als "Kriegsverbrechen" und als "töricht": die zivile Infrastruktur und die Zivilbevölkerung zu treffen sei "militärisch nutzlos".
Nach Angaben aus Kiew haben die Luftangriffe rund 30 Prozent der ukrainischen Energieinfrastruktur getroffen. Es sei das erste Mal seit Beginn des Krieges, dass Russland diese "auf dramatische Weise ins Visier genommen" habe, sagte der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko dem US-Sender CNN. Als einen Grund für die Angriffe vermutet er, dass Russland ukrainische Stromexporte in europäische Länder torpedieren will.
Erste Flugabwehrsysteme aus Deutschland eingetroffen
Unterdessen wurde bekannt, dass Deutschland das erste Flugabwehrsystem Iris-T SLM an die Ukraine übergeben hat. "Eine neue Ära der Luftverteidigung" habe begonnen, schrieb Verteidigungsminister Olexij Resnikow auf Twitter. Ausdrücklich bedankte er sich bei Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) für ihre starke Unterstützung. Drei weitere Systeme sollen 2023 bereitgestellt werden. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte am Rande eines Nato-Treffens in Brüssel, man werde über den weiteren Ausbau der Unterstützung beraten.


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