Frank Brettschneider ist seit 2006 Professor für Kommunikationwissenschaft an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Zu seinen Schwerpunkten zählen die Wahlforschung und die politische Kommunikation. Frank Brettschneider ist unter anderem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Landesregierung Baden-Württemberg. Derzeit untersucht er die Kommunikation und die Meinungsbildung bei Bau- und Infrastrukturprojekten.
Landtagswahl in Baden-Württemberg: Politikexperte erwartet „Foto-Finish“
Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, geht von einem spannenden Wahlabend aus. Auch zur möglichen Größe des Landtags äußert sich der Wissenschaftler.
Der Wahlkampf hat kurz vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg noch einmal Fahrt aufgenommen. Aber war er spannender als sonst? Diese und andere Fragen beantwortet Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim.
War dieser Wahlkampf – auch angesichts des erwarteten knappen Ausgangs – spannender als andere?
Frank Brettschneider: Ja, auf jeden Fall. Es gibt mehrere Aspekte, die neu sind. Zum einen gibt es keinen Amtsinhaberbonus: Winfried Kretschmann tritt nicht mehr an. Damit sind Wahlkämpfe immer offener. Wir haben den Politprominenzfaktor von Cem Özdemir, wir haben Unklarheit darüber, ob die FDP in den Landtag kommt oder nicht. Für sie ist es ein Überlebenswahlkampf.
Wir wissen seit der letzten Umfrage auch nicht mehr so genau, ob die Linkspartei reinkommt oder nicht. Wir können ein Vier-Parteien-Parlament oder sechs Parteien im Landtag haben. Das sind viele Fragezeichen. Ein oder zwei Prozentpunkte Unterschied zwischen CDU und Grünen, das ist nichts. Es wird ein Foto-Finish geben: CDU oder Grüne vorne, FDP und Linke rein oder raus?

Landtagswahl in Baden-Württemberg: Was sagen die Wahlplakate aus?
Schauen wir auf die Wahlplakate. Die Grünen setzen auf Personen und lassen das Parteilogo auf ihren Plakaten weg, die AfD zeigt kaum Köpfe: Was ist das jeweilige Konzept?
Brettschneider: Es gibt einen Unterschied: Die von der Landespartei angefertigten Plakate und die der Kreisverbände. Da fällt auf, dass die AfD solche Wahlkreisköpfe nicht hat, sondern eher ihre Themen platziert. Beziehungsweise diesmal sind es auch nicht unbedingt Themen, sondern es ist eher so eine Stimmung: „Du siehst es doch auch.“ Damit soll suggeriert werden, als wäre die AfD nicht in der Minderheit, sondern als gäbe es ganz viele um einen herum, die ja ähnlich denken und die müssen sich nur trauen, das zu sagen. Das ist die Kampagne, die dahinter steht.
Bei den Grünen ist die Lage, finde ich, klarer. Die Partei wird mehr oder weniger versteckt. Cem Özdemir sagt: „Bei mir muss man nicht „Grün“ draufschreiben, das weiß man ja, dass ich grün bin.“ Das ist so, weil die Partei nicht sonderlich beliebt ist. Im Zuge der Ampelregierung in Berlin, auch wenn sie jetzt vorbei ist, ist ein Absturz in Umfragen bei den Grünen zu beobachten gewesen. Cem Özdemir ist wesentlich beliebter und wird auch als kompetenter angesehen als seine Partei.
Die CDU spricht von „Vertrauen“ und ähnlich kurzen Slogans, die SPD spricht die Leute mit „weil es um Dich geht“ direkt an, die Plakate der FDP sind kompliziert und daher kaum verständlich. Welche Absicht steckt hier jeweils dahinter?
Brettschneider: Fangen wir mal mit der FDP an. Dieses „Zurück auf vorwärts“, da ist zu viel Richtungswechsel dabei, und das ist letztlich recht rückwärts gewandt. Dass die zusätzlichen langen Textbotschaften Menschen mobilisieren und erreichen, ist eher unwahrscheinlich. Bei der SPD würde ich sagen: eher misslungen, weil dieses „Du“ und „weil es um dich geht“, sehr individualistisch ist, und das ist für eine sozialdemokratische Partei eher untypisch.
Und der Text ist auch nicht wirklich gut. Bei der CDU geht es um Vertrauen und Bekanntheit. Auf Landesebene setzt die CDU auf Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik, Bildungspolitik. Oder hier in Heilbronn: Lesen, Schreiben, Rechnen. Die Plakate sind ganz gut gemacht, sind relativ klar mit eindeutigen Botschaften.
Fehltritte und Video-Wirbel vor Landtagswahl: „Das dominiert eine gewisse Zeit“
Zuletzt gab es Wirbel um ein Video mit Manuel Hagel und eine Wurstbestellung von SPD-Kandidat Andreas Stoch: Sind die „Rehaugen“ und die „Pastete“ für die Entscheidung wichtiger als inhaltliche Aussagen
Brettschneider: Darüber redet man gern im Familien- oder Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft, auf Social-Media-Kanälen sowieso. Das machen dann vor allem die politischen Kontrahenten. In der Wahlkabine ist das nicht ausschlaggebend. Wenn Herr Stoch vorher die Tafel besucht und demonstriert, die SPD kümmert sich um arme Menschen, und danach in Erwägung zieht, aus Frankreich eine Entenleberpastete holen zu lassen, dann ist das ein gewisser Widerspruch.
Und bei Herrn Hagel werden ja die rehbraunen Augen verwendet, um ihm Sexismus unterzujubeln. Das dominiert eine gewisse Zeit die Berichterstattung, und damit verdrängt es andere Themen. Beide Kandidaten sind erstmal damit beschäftigt, sich zu rechtfertigen oder zu erklären, wie sie was gemeint haben oder warum sie etwas getan haben. Das nimmt die Dynamik aus ihrem Wahlkampf.
Hat Wahlwerbung eigentlich Sinn? Inwiefern lassen sich junge Wählerinnen und Wähler von Plakaten beeinflussen?
Brettschneider: Wahlwerbung macht immer Sinn, wenn sie gut gemacht ist. Und gut gemacht heißt in erster Linie, es braucht eine richtig gute Botschaft. Die Wahlwerbeinstrumente müssen wie die Botschaften zu den Zielgruppen passen. Für die Jüngeren sind das die Social-Media-Kanäle wie TikTok. Für die Älteren, über Sechzigjährigen, der größte Teil der Wählerschaft, sind es die Printmedien.
Da ist es auch noch der Flyer im Briefkasten am Samstag vor der Wahl oder die Wahlzeitung, die da reingeworfen wird. Für die ist es auch die Anzeige in der Tageszeitung oder der Wahlwerbespot im Radio oder im Fernsehen. Und dann haben wir die Wahlplakate, die für alle wichtig sind.
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