Grüne auf Aufholjagd: Experte erklärt, warum das Rennen mit CDU wieder offen ist
Eine Woche vor der Landtagswahl rücken CDU und Grüne in Baden-Württemberg in aktuellen Umfragen eng zusammen. Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider erklärt, was das für den Endspurt bedeutet.
Eine Woche vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März ist der Abstand zwischen CDU und Grüne auf einen Prozentpunkt geschrumpft. Laut aktuellem BW-Trend käme die CDU derzeit auf 28 Prozent, die Grünen auf 27 Prozent. Lange hatte die CDU mit deutlichem Vorsprung geführt. Die AfD erreicht aktuell 18 Prozent. Die SPD fällt auf ein Allzeittief von 7 Prozent. Die FDP legt leicht zu und könnte mit 6 Prozent auf den Wiedereinzug in den Landtag hoffen. Für die Linke wird es eng: Sie kommt auf 5,5 Prozent, nachdem sie lange stabil bei 7 Prozent lag.
Vor Landtagswahl in Baden-Württemberg: Gute Stimmung bei der Grünen-Basis, CDU kämpft weiter
Die Aufholjagd der Grünen sorgt an der Basis für gute Stimmungen. „Wir hoffen, dass wir so weit aufholen, dass wir den Ministerpräsidenten stellen können“, sagt Eva Luderer vom Vorstand des Grünen-Ortsverbands Heilbronn. Positive Resonanz gebe es an den Wahlkampfständen, die Landtagskandidatin für den Wahlkreis Heilbronn, Gudula Achterberg, mache ihre Sache gut, sagt Luderer.
Verena Schmidt, Fraktionsvorsitzende der CDU im Heilbronner Gemeinderat, verfolgt die jüngsten Umfragebewegungen mit großer Aufmerksamkeit. Sie beobachte den Trend „fast schon stündlich“. Von Nervosität will sie jedoch nichts wissen: „Unterm Strich sind wir nach wie vor hochmotiviert, man kann sagen: Jetzt erst recht“, sagt Schmidt. Man dürfe im Wahlkampf nicht den Kopf hängen lassen. „Wir werden bis zum Ende um jede Stimme und um unsere Politik zu kämpfen." Die Zugewinne der Grünen führt Schmidt vor allem auf Verschiebungen im linken Lager zurück; so könnten die zusätzlichen Stimmen aus dem Umfeld von SPD und Linken stammen.

In einer Analyse nach der Dreier-Debatte der Spitzendkandidaten im SWR am Dienstagabend (24. Februar) hatte der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim einen Endspurt der Grünen nicht ausgeschlossen. Damals lag die CDU bei 28 Prozent, die Grünen bei 22 Prozent. Das jüngste Aufholen der Grünen überrasche ihn nicht, sagt Brettschneider – wohl aber dessen Deutlichkeit. Vier zusätzliche Prozentpunkte zwischen Januar und Februar seien „ungewöhnlich“. Das zeige, wie dynamisch Wahlkämpfe heute verlaufen. Der Anteil klassischer Stammwähler sei geringer als früher, die Zahl der Wechselwähler höher.
Frank Brettschneider zu Trend: „sehr starke Fokussierung auf die Person Cem Özdemir“
Als einen Grund für den Aufwärtstrend nennt Brettschneider die „sehr starke Fokussierung auf die Person Cem Özdemir“. Die Prominenz des Grünen-Spitzenkandidaten überstrahle die von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel – auch wenn dieser seine Bekanntheit steigern konnte und dies bis zur Wahl vermutlich weiter tun wird.
Zudem hätten die Grünen derzeit keinen negativen Gegenwind aus Berlin zu befürchten, da sie nicht in Regierungsverantwortung sind. Für die CDU gelte das nicht. „Dass es ein kleines Minus gab, hängt viel mit Äußerungen aus CDU-Kreisen auf Bundesebene im Bereich der Sozialpolitik zusammen“, so Brettschneider.
Hagel wegen Video in der Kritik: CDU-Politiker muss sich für ältere Aussage verantworten
Der Einfluss eines kürzlich veröffentlichten Videos einer Grünen-Bundestagsabgeordneten, in dem sich Manuel Hagel über eine minderjährige Schülerin äußert in einer Weise, die ihm Kritik eingebracht hat, dürfte sich in den Umfragewerten bislang kaum niedergeschlagen haben. „Der Anteil der Befragten nach dem Aufkommen des Videos ist gering“, vermutet Brettschneider. Zudem sei schwer abzuschätzen, ob der Vorgang CDU-Wähler tatsächlich von ihrer Wahlentscheidung abbringe.
Auch den Verlust von zwei Prozentpunkten bei der AfD sollte man nicht überbewerten, meint Brettschneider. Innerhalb der statistischen Fehlertoleranz bedeute das keine zwingend reale Veränderung. Seit Längerem bewege sich die Partei im Land um die 20-Prozent-Marke, ihre Wählerschaft gelte als vergleichsweise gefestigt. Brettschneider bezweifelt zudem, dass Vorwürfe zu Verwandtenbeschäftigungen bei der AfD spürbare Auswirkungen auf das Landtagswahlergebnis haben werden. „Das ist für die AfD eher ein mittelfristiges und bundesweites Problem.“
Experte hält weitere Verschiebungen bis zur Landtagswahl für möglich
Bis zum Wahltag am 8. März hält Brettschneider weitere Verschiebungen für möglich. Rund jeder siebte Wahlberechtigte sei noch unentschlossen und entscheide sich häufig erst in der letzten Woche. Themen und politische Debatten der kommenden Tage könnten daher entscheidend sein. Auch die jüngste Reform des Heizungsgesetzes – ein von der CDU angekündigtes Wahlversprechen – könnte Wähler mobilisieren: für die CDU, aber ebenso für die Grünen, um auf Landesebene „dagegenzuhalten“.
Die Umfrage ist repräsentativ für die Wahlberechtigten in Baden-Württemberg. Grundlage ist eine zufallsauswahlbasierte Telefon- und Onlinebefragung. Zwischen dem 23. und 25. Februar wurden 1.530 Wahlberechtigte befragt (Anmerkung unserer Redaktion).
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