Warum gibt es so viele Nichtwähler? Wahlforscher nennt Hauptgründe
Ein hoher Anteil unter den Wahlberechtigten machen die Nichtwähler aus. Laut eines Wahlforschers sind es die einfachen Mittel, die Menschen dazu zu bringen, doch ihre Stimme bei der Bundestagswahl abzugeben.
Auch bei der kommenden Bundestagswahl werden wieder viele Wähler keine Stimme abgeben. Im Jahr 2021 waren das 23,4 Prozent der Wahlberechtigten. Wer sind die Nichtwähler? Der Politikprofessor Thorsten Faas spricht im Interview über den Stand der Forschung.
Drei Gründe, warum Menschen nicht wählen
Herr Faas, es wird oft gesagt, die Nichtwähler seien in Deutschland die stärkste Partei. Stimmt das?
Das ist eine schwierige These. Es gibt sehr unterschiedliche Motive, warum Leute nicht wählen. Aber so zu tun, als wäre das eine große Gruppe mit ähnlichen Präferenzen, ist auch nicht richtig.
Was sind die Hauptgründe, warum Menschen nicht wählen?
Die Gründe sind sehr verschieden. Wir nutzen in der Politikwissenschaft oft eine Dreiteilung: Menschen wählen nicht, weil sie nicht können, nicht wollen oder weil sie niemand gefragt hat.
Können Sie das näher erläutern?
Die, die nicht können, haben oft eine formal niedrige Bildung oder ein geringes Einkommen. Sie leben in Kontexten, in denen Politik weit weg erscheint. Manche wollen nicht wählen, weil sie kein Interesse haben oder keine überzeugende Wahloption sehen. Der dritte Punkt zeigt, dass es eine wichtige Rolle spielen kann, wie die Menschen über den Wahlkampf mobilisiert werden. Denn nicht jeder Wahlberechtigte wird erreicht.
Menschen Anfang 20 sind am schwierigsten zu erreichen
Gibt es bestimmte Gruppen, in denen der Anteil der Nichtwähler besonders hoch ist? Und: Warum ist das so?
Unterschiede gibt es zum Beispiel beim Alter. In der Tendenz kann man sagen: Ältere Menschen gehen häufiger wählen als jüngere. Wenn man genauer hinschaut, lassen sich aber noch einige besondere Unterschiede erkennen. Erstwähler sind wahlfreudiger als junge Menschen Anfang 20. Das ist die Gruppe, die am schwierigsten zu erreichen ist. Bei sehr alten Menschen geht die Wahlbeteiligung wieder zurück. Ein noch wichtigerer Faktor ist die soziale Schicht, der jemand angehört. Je wohlhabender oder gebildeter Menschen sind, desto häufiger wählen sie.
Welche Auswirkungen hat das?
Die Unterschiede sind unter demokratischen Gesichtspunkten problematisch. Denn gerade Menschen, die wenig Geld haben, sind stärker von politischen Entscheidungen abhängig. Dass sie trotzdem seltener wählen, trägt natürlich nicht dazu bei, dass ihre Interessen in der Demokratie besser vertreten werden.
Wo auf dem politischen Spektrum gibt es die meisten Nichtwähler?
Früher hat man immer gesagt, hohe Wahlbeteiligung nutze eher linken Parteien und der SPD. Heute sehen wir eher, dass die AfD von steigender Wahlbeteiligung profitiert. Gerade Menschen in schwierigen sozialen Lagen suchen Orientierung. Sie fühlen sich oft keiner Partei zugehörig. Das führt oft dazu, dass sie nicht wählen – zunehmend aber auch zu Protestwahlen.
AfD nutzt TikTok erfolgreich zur Emotionalisierung von potenziellen Anhängern
Warum tun sich Parteien schwer, Nichtwähler zu mobilisieren?
Oft ist es für die Parteien schwierig, bestimmte Personengruppen überhaupt zu erreichen. Für viele Menschen sind ihre Social-Media-Kanäle eine wesentliche Informationsquelle – häufig tauchen die Parteien darin aber gar nicht auf. Generell ist die Unzufriedenheit mit der Politik gerade groß. Auch das macht es schwer, Menschen zu erreichen.
Brauchen die Parteien bessere Strategien, um Menschen auf TikTok oder in anderen Sozialen Medien zu erreichen?
Social Media ist ein breites Feld. Für die Parteien ist es schon vom Aufwand her schwierig, auf all diesen Plattformen ständig präsent zu sein. Die AfD nutzt TikTok erfolgreich zur Emotionalisierung von potenziellen Anhängern. Spielt vor allem die Struktur von TikTok der AfD in die Hände? Oder müssen hier die anderen Parteien nur besser werden? Das wissen wir ehrlicherweise noch nicht genau. Da gibt es noch viel zu erforschen.
Geht die Wahlbeteiligung langfristig rauf oder runter?
Wir sehen sowohl kurzfristige Trends als auch längerfristige Entwicklungen. Langfristig ging die Beteiligung seit 1990 zurück, vor allem bei sozial schwächeren Schichten. In jüngerer Vergangenheit ist es der AfD gelungen, in Nichtwählerbereiche wieder stärker vorzudringen. Es gibt also eine gewisse Stabilisierung bei der Wahlbeteiligung.
Kommt eine Wahlpflicht auch in Deutschland?
Wäre eine Wahlpflicht sinnvoll?
Erst mal ist es kein absurder Gedanke, Menschen zum Wählen zu verpflichten. In Ländern mit Wahlpflicht ist die Beteiligung logischerweise höher. Man könnte es aber auch als ein Armutszeugnis sehen, dass die Demokratie es nicht schafft, Menschen freiwillig zu mobilisieren. Ich denke nicht, dass eine Wahlpflicht in Deutschland vermittelbar wäre.
Was sind erfolgreich Wege, um Nichtwähler zu Wählern zu machen?
Es sind oft die einfachen Dinge, die funktionieren. Haustürbesuche zum Beispiel. Oder der Wahl-O-Mat. Auch Fernsehduelle können helfen. Ich habe gelegentlich den Eindruck, manche politisch Interessierten und auch Medien machen diese Formate schlecht. Da müssen einige von ihrem hohen Ross runter. Gerade die Dinge, die oft als zu simpel kritisiert werden, helfen, Unterschiede deutlich zu machen und die Wahlbeteiligung zu erhöhen.
Zur Person: Thorsten Faas ist ein Politikwissenschaftler und Wahlforscher aus Deutschland. Er ist Universitätsprofessor im Bereich Politische Soziologie der Bundesrepublik Deutschland am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.
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