Das deutsche Gesundheitssystem steuert auf den Abgrund zu
„Ein teures System, das zu wenig leistet“: TK-Chef Jens Baas hat Recht mit seiner düsteren Prognose. Doch ob Gesundheitsministerin Warken die Kraft für echte Reformen aufbringt, ist zweifelhaft, meint unsere Autorin.
Jens Baas, Arzt und Vorstandschef der größten deutschen Krankenkasse Techniker, hat mit seinen jüngsten Aussagen nüchtern beschrieben, wie desolat das deutsche Gesundheitswesen dasteht: Es gehört zu den teuersten der Welt, arbeitet aber ineffizient. Patienten bewegen sich weitgehend ungesteuert durchs System. Sie entscheiden selbst, ob sie direkt zum Facharzt gehen oder in die Notaufnahme. So werden oft ohne medizinische Notwendigkeit teuerste Ressourcen verschwendet.
Das Gesundheitssystem ist außergewöhnlich teuer, das schlägt sich nicht in einer besseren Lebenserwartung nieder
Trotz hoher Ausgaben liegt die Lebenserwartung in Deutschland unter der anderer westlicher Industrienationen, etwa der skandinavischen Länder. Ein Grund ist die schwache Präventionspolitik. Die Deutschen trinken zu viel Alkohol, bewegen sich zu wenig. Eine Zuckersteuer oder klare Kennzeichnungen für ungesunde Lebensmittel gibt es nicht.

Über Jahrzehnte wurden strukturelle Probleme mit Geld kaschiert: überflüssige Operationen und Arztbesuche finanziert, Krankenhäuser subventioniert, die private Krankenversicherung unangetastet gelassen. Doch das geht nicht mehr. Die Wirtschaft schwächelt, und immer mehr Ältere mit medizinischen Bedarfen stehen immer weniger Jüngeren gegenüber. Auch um die einzige ernsthafte Reform seit Langem, die Krankenhausreform von SPD-Minister Karl Lauterbach, ist es unter seiner CDU-Nachfolgerin Nina Warken verdächtig still geworden. Erste Elemente hat sie unter dem Druck der Länder bereits zurückgenommen. Branchenkenner sagen, man wisse nicht, wie es nun weitergehe, jegliche Planungssicherheit fehle.
Krankenkassen-Beiträge könnten auf über 20 Prozent steigen, sagt TK-Chef Baas
Alle wissen: Das System steht vor dem Kollaps. Dennoch werden weiter Symptome behandelt, statt echte Reformen anzugehen. Notwendig sind mehr Digitalisierung, eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung sowie der Notfallrettung. Es braucht den Hausarzt als Lotsen – und die Ehrlichkeit zu sagen: Wir können uns nicht mehr alles leisten, was medizinisch möglich ist. Sonst bewahrheitet sich Baas’ düstere Prognose – und die Krankenkassen-Beiträge steigen bis in wenigen Jahren auf über 20 Prozent.

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