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Auch nette Dinge sagen

"Eltern werden schwächer in der Führung": Was ein Jugendpsychiater bei der Erziehung rät

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Psychische Erkrankungen bei Kindern nehmen zu. Probleme gibt es auch in der Familie. Ein Chefarzt vom Weinsberger Klinikum am Weissenhof sagt, was Eltern in der Erziehung falsch machen.


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Dr. Claas van Aaken, Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg, rät Eltern, da zu sein und Kindern täglich auch nette Dinge zu sagen. Über Herausforderungen in der Familie spricht er im Interview. 

Herr van Aaken, wie ist die Lage derzeit bei Ihnen im Klinikum? 

Claas van Aaken: Im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es eine deutliche Zunahme von Behandlungsfällen. Das ist unter dem Brennglas von Corona besonders sichtbar geworden. Aber auch jetzt liegt die Anzahl der Fälle über dem Niveau der 2010er Jahre. Wir haben ungefähr drei mal so viele stationäre Aufnahmen wie vor 20 Jahren. 

 

Liegt das an der erhöhten Sensibilisierung oder am steigenden Bedarf? 

van Aaken: Es liegt zum einen daran, dass die Gesellschaft wachsamer geworden ist, was psychische Gesundheit angeht. Das begrüßen wir sehr. Zum anderen sind Kinder in einer komplexer werdenden Welt zunehmend überfordert mit Kontexten und Dingen, die auf sie einwirken. 

 

Mit welchen Themen kommen sie zu Ihnen? 

van Aaken: Wir behandeln ganz überwiegend freiwillig, in unterschiedlichen Settings. Nicht nur in der stationären Behandlung, auch tagesklinisch und ambulant. Neu bieten wir stationsäquivalente Behandlung an, bei der das Team nach Hause kommt. Die häufigsten Probleme sind Essstörungen, vor allem Magersucht und depressive Erkrankungen. Es gibt viele Patienten mit Ängsten und Folgethemen wie Schulvermeidung. Dann der Bereich Suizidgefährdung sowie selbstschädigendes Verhalten, speziell in der Notfallversorgung. Die Zunahme der Fälle haben wir hauptsächlich im Notfallbereich. 

 

Was können Eltern tun, um Kinder zu stärken? 

van Aaken: Ein Rat wäre: da sein. Erreichbar sein. Verlässlich sein. 

 

Hört sich einfach an. 

van Aaken: Ja, aber wir sehen schon, dass da, wo sehr viel familiäre Brüche entstehen, wo Eltern keine gute Beziehung zu ihren Kindern haben, dass es da oft an Fürsorge und an Lenkung fehlt. Das kann ein Nährboden dafür sein, dass ein Kind überfordert ist, nicht weiß, wie gehe ich mit bestimmten Erfahrungen um, die ich im Internet gemacht habe. Wenn Eltern sich für das, was ihre Kinder tun, interessieren, und nicht das Gefühl haben, sie müssten der beste Freund sein, wenn sie Einfluss nehmen, auch liebevoll begrenzen, ist das ein wichtiger Baustein für eine gute Entwicklung. Das beinhaltet auch, eine Konsequenz zu schalten, wenn das Kind etwas getan hat, was es nicht sollte. 

 

Heißt das, dass auch Strafen okay sind?

Van Aaken: Strafe ist immer ein negativ besetzter Begriff. Aber eine Konsequenz kann sein, dem Jugendlichen, der sich nicht an Ausgangsregeln hält, zu vermitteln, dass der Ausgang am kommenden Wochenende gestrichen ist. Doch eine Konsequenz sollte nur für einen begrenzten Zeitraum gelten. Es ist ganz wichtig, dass Eltern dem Kind danach wieder Vertrauen schenken. 

 

Wie erleben Sie die Eltern, die zu Ihnen kommen?

van Aaken: Wir erleben eine Tendenz, dass Eltern schwächer werden in der Führung und der Betreuung ihrer Kinder und dass dadurch unsichere Räume für Heranwachsende entstehen, die für ungünstige Entwicklungen und auch für psychische Krankheit disponieren können.

 

Dabei ist die Ratgeberliteratur so breit wie wahrscheinlich noch nie. Passt das zusammen?

van Aaken: Klar, es gibt viele gute Ratgeber. Ich würde auch Eltern, die unsicher sind in der Erziehung, sagen, dass es gut ist, sich Hilfe zu holen, auch bei Beratungsstellen. Aber manchmal sind sie selbst überfordert. Oder es gehen familiäre Strukturen in die Brüche, zum Beispiel wenn wir den Bereich der Scheidungs- oder Trennungskinder anschauen. Das sind teils Belastungs- und Risikofaktoren, die nicht so einfach veränderbar sind und die Entwicklung negativ tangieren können.

 

Liegt denn alles an den Eltern? Können auch andere Personen wichtig sein?

van Aaken: Selbstverständlich sind auch andere Personen wichtig. Es geht nicht nur um die familiäre Verbandelung mit den Eltern, sondern auch um die Qualität der Beziehung zu anderen erwachsenen Bezugspersonen und – bei Jugendlichen ganz wichtig – zu den Gleichaltrigen.

 

Haben Sie immer die ganze Familie im Blick?

van Aaken: Wir blicken quasi durch drei ,Brillen’ auf die Patienten. Die medizinische, die einzeltherapeutische Brille, mit der wir auf den Jugendlichen selbst schauen, und die systemische, die das Familiensystem betrifft. Da stelle ich mir die Frage, wie sich eine psychische Problematik in die Familiendynamik einfügt. Wenn ein Mädchen nichts mehr isst, macht das etwas mit Mutter und Vater. Manchmal bringt das Kind durch die Erkrankung Eltern wieder zusammen, die vielleicht schon überlegt haben, sich zu trennen. Wir sprechen von Funktionalitäten bestimmter Symptome. Sowas im Blick zu haben, ist wichtig.

 

Hatten Familien es früher einfacher?

van Aaken: Die Digitalisierung etwa macht vieles komplexer. Über soziale Netzwerke entzieht sich den Eltern oft die Kommunikation der Heranwachsenden. Viel mehr, als das früher der Fall war, wo man sich nur persönlich treffen konnte. Die Beschäftigung mit digitalen Medien hat stark zugenommen. Das geht oft zu Lasten der Sozialkontakte im echten Leben. Auch das ist bei manchen Jugendlichen aus dem Gleichgewicht geraten. Es ist ein möglicher Anfälligkeitsfaktor für psychische Erkrankungen, wenn Jugendliche nicht mehr in ausreichendem Maß am echten sozialen Leben teilnehmen.

 

Sind das Fälle, die Sie häufig haben?

van Aaken: Ja, oft handelt es sich um sozial ängstliche Jugendliche. Wenn sie sich in digitale Welten flüchten, verstärkt das den Rückzug. Teils sind es Heranwachsende, die es irgendwann nicht mehr schaffen, jeden Morgen in die Schule zu gehen.

 

Welchen Einfluss hat das Thema Schule?

van Aaken: Einen großen. Es wäre wichtig, dass Schule bestimmte Anforderungen auch aus Schülersicht denkt. Sie sollte zum Beispiel darauf achten, dass Klausuren gleichmäßiger verteilt werden. Das ärgert mich manchmal als Kinder- und Jugendpsychiater. Die höchsten Notfallraten erleben wir hier in schulischen Hochstressphasen. Wir kennen genau die Monate, wo der Druck am größten ist: jetzt wieder, von Mitte November bis Mitte Dezember etwa. Und: Schule sollte sich bewusst sein, dass es nicht nur um Wissensvermittlung geht, sondern dass sie ein wichtiger sozialer Raum ist. Lehrer sollten wachsam sein für soziale und emotionale Probleme. Aber ich möchte betonen, dass es sehr viele engagierte Lehrer gibt, die für ihre Schüler oft sehr wichtige Vertrauenspersonen sind. 

 

Was würden Sie Familien ans Herz legen?

van Aaken: Dass sie eine gute Balance finden zwischen Fürsorge und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten der Heranwachsenden, die diese stärkt – nicht zu viel reglementieren und kontrollieren. Eltern sollten regelmäßig darauf achten, was gut läuft. Und sich drei mal am Tag gegenseitig etwas Nettes und Positives sagen. Wir haben oft Familien, die erzählen, wie schlimm alles ist, und dass es immer nur Streit gibt. Aber es ist wichtig, auch gute Momente im Blick zu haben.

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