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500.000 Kinder und Jugendliche betroffen
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Influencerin Antonia Zimmermann erzählt von ihrem Weg aus der Magersucht

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Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Essstörungen wie Bulimie und Magersucht. Die Zahl der Patienten steigt, die Dunkelziffer ist hoch. Influencerin Antonia Zimmermann hat den Teufelskreis der Krankheit durchbrochen – wie hat sie das geschafft?

"Ich wollte die Essstörung nicht loslassen", sagt Antonia Zimmermann rückblickend. Zehn Jahre lang litt sie unter Magersucht, später kam Bulimie hinzu. In den schlimmsten Zeiten wog die sportliche junge Frau nur noch 38 Kilogramm.
"Ich wollte die Essstörung nicht loslassen", sagt Antonia Zimmermann rückblickend. Zehn Jahre lang litt sie unter Magersucht, später kam Bulimie hinzu. In den schlimmsten Zeiten wog die sportliche junge Frau nur noch 38 Kilogramm.  Foto: Privat/dpa; Fotomontage: HST

Eines Nachts ist Antonia Zimmermann aufgewacht, weil ihre Knie schmerzten. Einfach nur, weil sie aufeinander lagen. Die junge Frau war zu diesem Zeitpunkt viel zu dünn. Bis zur Diagnose Magersucht und zu professioneller Hilfe war es da noch ein langer Weg. Ohne Unterstützung hätte die heute 30-Jährige den Kreislauf der Krankheit nicht durchbrochen: "Allein schafft man das auf keinen Fall", sagt die Influencerin. 

Doch Anlaufstellen muss man erst finden, Therapieplätze sind knapp, Wartelisten lang. Gleichzeitig steigen bundesweit die Fallzahlen. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland rund 500.000 Jugendliche an Essstörungen, betroffen sind vor allem 12 bis 17-jährige Mädchen. In der Kinderklinik der Heilbronner SLK Kliniken werden jedes Jahr rund 150 Betroffene behandelt, der Anteil der Patienten mit Essstörung steige, erklärt ein Sprecher. Eine Studie im Auftrag der KKH geht deutschlandweit von einem Anstieg Betroffener von 30 Prozent zwischen 2020 und 2021 aus, hinzu komme die hohe Dunkelziffer.


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Antonia Zimmermann war 17 Jahre alt, als sie die Magersucht entwickelte. Es sei wie eine Challenge gewesen, sagt sie: "Wie wenig kann ich essen?" Zum ersten Mal wohnte sie damals allein. Die Krankheit wurde zum Ventil für all das, was sich tief in ihr angestaut hatte, eine Ablenkungen von den Misshandlungen und Problemen, die sie erleben musste. "Die Krankheit kommt nicht von ungefähr", weiß sie heute. Viel musste aufgearbeitet werden, und das ging nur mit professioneller Hilfe. Doch daran denken Betroffene anfangs nicht. Auch nicht an ihre Gesundheit, stattdessen entdecken sie im Spiegel Falten, wo längst keine mehr sind.

Der Leidensweg beginnt zudem oft positiv, mit Komplimenten für die vermeintlich tolle, weil schlanke Figur. Ein Teufelskreis.

Hilfe ist immens wichtig

"Ich wollte die Essstörung nicht loslassen", sagt Antonia Zimmermann rückblickend. Zehn Jahre lang litt sie unter Magersucht, später kam Bulimie hinzu. In den schlimmsten Zeiten wog die sportliche junge Frau nur noch 38 Kilogramm. Die Augen öffnete der Münchnerin ihr Opa, der eines Tages sagte, er wolle nicht an ihrem Grab stehen. "Das tat mir im Herzen weh", erinnert sich Antonia Zimmermann. Zuerst vertraute sie sich ihrem damaligen Partner an, bat ihn um Hilfe. "Das Umfeld ist immens wichtig", sagt Antonia Zimmermann. So ein Geheimnis sei belastend und führe in soziale Isolation. Der offene Umgang mit dem Thema hat ihr geholfen, zu sich selbst zu finden. Doch aus eigener Kraft schaffte sie den Absprung trotz starkem Willen zunächst nicht. Sie hatte das Essen verlernt, kein Verhältnis mehr zu Portionsgrößen und Ernährung.

Ihr Vater nahm sie schließlich mit zu einem Vortrag über Essstörungen. "Ich habe mich zuerst noch gewehrt", sagt sie. Doch dort bekam sie den Kontakt zu einer Hotline, wo sie schließlich Ansprechpartner fand und Kontaktadressen von Therapeuten, die sie einfach abtelefonierte. "Man muss es wollen", sagt sie. Das sei der erste Schritt. Und man braucht professionelle Hilfe: "Ich hatte Glück." Gleich der erste Therapeut habe gepasst, einen Termin bekam sie zeitnah. Etwas, auf das viele Betroffene inzwischen lange warten.


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Im Gespräch mit Betroffenen

Heute ist sie geheilt: "Mir geht es supergut", sagt sie und strahlt dabei. Auch wenn Rückschläge dazugehören, habe sie inzwischen einen "guten Umgang mit Essen". Als Influencerin nutzt sie ihre Community auf Instagram, wo sie fast eine Million Follower hat, um über gesunde Ernährung aufzuklären und mit Betroffenenen ins Gespräch zu kommen. "Es hilft, sich jemand anzuvertrauen", sagt Antonia Zimmermann. "Und es ist nicht schlimm, Hilfe anzunehmen."

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Spendenaktion der Stiftung Große Hilfe für kleine Helden

In Heilbronn können sich betroffene Kinder und Jugendliche unter anderem an die psychosomatische Station der SLK-Kinderklinik im Gesundbrunnen wenden. Dort werden auch Patienten behandelt, die mit einer Überweisungen aus dem niedergelassenen Bereich den Weg in die Klinik finden. Die Stiftung Große Hilfe für kleine Helden sammelt derzeit Spenden für den Umbau der psychosomatischen Station, um für Patienten und Mitarbeiter ein besseres Umfeld und zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Unter anderem ist eine moderne Wohnküche geplant, um im Rahmen der Therapie gemeinsam zu kochen und zu essen. Rund 1,5 Millionen Euro wird das Projekt kosten, ein Drittel soll durch Spenden finanziert werden. Die anderen beiden Drittel stammen aus Rücklagen der Stiftung sowie von der SLK-Klinik Heilbronn GmbH.

Weitere Informationen, auch zum Spendenkonto, unter www.grosse-hilfe.de

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