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Heilbronner Therapeutin über Essstörungen: "Es kann sehr lange heimlich passieren"

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Die Therapeutin Marie-Teresa Keicher spricht über Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten und ihre Arbeit in einer Heilbronner Beratungsstelle. Warum Betroffene ihren Körper selbst schädigen und welche Gesellschaftsschichten am häufigsten betroffen sind.

von Julian Ruf
Marie-Teresa Keicher vor einem Plakat der umstrittenen Werbekampagne mit Heidi und Leni Klum. Es müsse mehr Stimmen geben, die Schönheitsideale kritisch hinterfragen, fordert sie.
Marie-Teresa Keicher vor einem Plakat der umstrittenen Werbekampagne mit Heidi und Leni Klum. Es müsse mehr Stimmen geben, die Schönheitsideale kritisch hinterfragen, fordert sie.  Foto: Veigel, Andreas

Was tun, wenn der psychische Druck zu groß wird und Linderung sich nur über eine Selbstverletzung herbeiführen lässt? Wo bekommt man Hilfe, wenn Essen zunehmend zwanghaft wird und die Gedanken nur noch um das eigene Körpergewicht kreisen? Marie-Teresa Keicher ist Diplom-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin, koordiniert die Beratungsstelle "Mavie", zu Deutsch "mein Leben", für Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten in der Heilbronner Bismarckstraße.

 

Was kann man sich eigentlich unter dem zusammenfassenden Begriff der Essstörungen vorstellen?

Marie-Teresa Keicher: Bei diesem Verhalten gibt viele verschiedene Formen und Ausprägungen. Am bekanntesten ist wohl die Magersucht, Anorexie oder Anorexia nervosa genannt, die meist im frühen Teenageralter beginnt. Betroffene haben oft ein restriktives Essverhalten und ein Zielgewicht weit unterhalb des gesunden Body-Mass-Index. Je nach Krankheitstyp kann es auch zu Essanfällen kommen. Bei der sogenannten Bulimie haben Betroffene häufig Normalgewicht und erbrechen im Anschluss an ihre Essanfälle alles wieder.

Eine andere Form von Störung ist die Esssucht, auch Binge-Eating genannt. Sie zeigt sich meist in einer hohen Gewichtszunahme, der aber nicht durch Maßnahmen wie Erbrechen gegengesteuert wird. Manchmal vermischen sich diese Störungen und wirken sich mit entsprechenden sozialen Folgen in verschiedenen Lebensbereichen aus. Diese psychologischen Verhaltensmuster zeigen sich in allen Gesellschaftsschichten. Ich stelle aber immer wieder fest, dass Magersucht vermehrt im besser gestellten sozialen Umfeld auftritt.

 

Und wie sieht es mit dem selbstverletzendes Verhalten aus?

Keicher: Auch diese Störung beginnt meist in der Pubertät, in der psychologisch gesehen viel im Umbruch ist. Betroffene schädigen ihren Körper bewusst, zum Beispiel durch Schnitte oder Ritzen, aber auch Schläge und Bisse sind möglich. Zahlreiche Familientherapeuten werden bestätigen, dass Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten heute in vielen Familien schon beinahe omnipräsent sind.

 

Wie kann man sich ihre Arbeit in der Beratungsstelle vorstellen?

Keicher: Ich berate junge Menschen und auch Eltern in unterschiedlichsten Konstellationen. Wir finden Lösungen, mit der Hilflosigkeit und der Scham umzugehen. Wir zeigen Türen auf. Natürlich wird auch darüber gesprochen, wie mit einer Essstörung oder selbstverletzendem Verhalten am besten umzugehen ist. Es sind viele Einzelberatungen, die bei uns stattfinden.

Junge Menschen dürfen ohne Wissen ihrer Eltern zu uns kommen. Natürlich arbeiten wir darauf hin, dass zum richtigen Zeitpunkt die Eltern involviert werden. Zu meinem Alltag gehört aber auch das Netzwerken. Wir sind an Schulen unterwegs, klären dort auf und beraten unter anderem die Pädagogen.

 

Was sind die Inhalte einer solchen Einzelberatung?

Keicher: Ich versuche immer, mein Fachwissen weiterzugeben. Tatsächlich richtet sich die Beratung aber nach den speziellen Anliegen der Menschen, die zu uns kommen. Teilweise sind sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt eine Essstörung haben. Manche wollen wissen, wie man einen Therapieplatz bekommt oder besorgte Eltern suchen uns auf. Alles in allem ist es sehr unterschiedlich.

In der ersten Beratung erarbeiten wir für gewöhnlich Punkte, die für das Leben der Betroffenen zunächst am wichtigsten sind und die Richtung, in die sich die Dinge entwickeln sollen. Wir unterstützen Betroffene sozusagen bei dem, was sie gerade brauchen. Liegt tatsächlich eine Essstörung vor, ist zum Beispiel auch eine ärztliche Begleitung oder eine Vermittlung an die ambulante oder stationäre Psychotherapie notwendig.

 

Gibt es bei Betroffenen erste Anzeichen für eine Störung?

Keicher: Es kann sehr lange heimlich passieren. Wenn ein junger Mensch dauerhaft sehr bedrückt wirkt und sich zunehmend isoliert, können das erste Anzeichen sein. Auch das Abbrechen von sozialen Kontakten kann man hier nennen. Die Anzeichen können jedoch von Person zu Person sehr verschieden sein.

Eine weit verbreitete Annahme, dass sich Essstörungen häufiger bei jungen Mädchen und Frauen ausbilden, ist nicht falsch. Bei Männern hingegen zeigen sich Essstörungen eher verstärkt in einer Sport- oder Muskelaufbausucht, oder Esssucht.

 

Was genau ist unter einer Systemischen Therapeutin zu verstehen?

Keicher: Die Systemische Therapie hat unterschiedliche Prinzipien und Denkansätze. Es geht im Kern um Kommunikation und Beziehung. Welches Verhalten hat welche Auswirkung und auch auf wen? Im Zentrum steht also das Verhalten und dessen Folgen. Der Systemische Therapeut versucht herauszufinden, welche Probleme ein dysfunktionales Verhalten, wie zum Beispiel eine Essstörung, hervorrufen.

Ein Beispiel: Eine Essstörung dient häufig dem Zurückgewinnen von Kontrolle. In der Systemischen Beratung soll herausgefunden werden, wo im Leben ein Kontrollverlust stattgefunden hat. Es geht um die Funktion der Störung. Daraufhin wird versucht, im psychologischen und sozialen System wieder ein Gleichgewicht herzustellen, ohne dass dafür die Essstörung nötig ist.

Um das zu erreichen, werden unter anderem die familiären Beziehungen von Klienten und Klientinnen gemeinsam betrachtet. Aber auch biologisch-genetische Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle, wenn es um Gründe für dysfunktionales Verhalten geht.

 

Also gibt es bestimmte Persönlichkeitstypen, die häufiger von Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten betroffen sind?

Keicher: Bei Anorexie sind es oft Personen, die sehr leistungsorientiert sind und eine geringe Fehlertoleranz besitzen. In vielen Lebensbereichen wird ein gewisser Perfektionismus angestrebt. Was bei allen Essstörungen und auch bei selbstverletzendem Verhalten immer ein wichtiges Thema ist, ist der Selbstwert. Auch bei sehr erfolgreichen Menschen, die unter einer solchen Störung leiden, zeigt sich, dass diese oft große Selbstzweifel hegen. Es muss ebenfalls nicht immer nur auf junge Menschen zutreffen. Essstörungen können sich chronifizieren, die einen ein Leben lang begleiten.

 

Warum sind Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten häufig ein Tabuthema, oder ist das nicht mehr der Fall?

Keicher: Ich freue mich über jeden neuen Bericht über diese Themen, denke also durchaus, dass es irgendwo immer noch Tabuthemen sind. Das liegt sicher daran, dass diese Störungen großen Einfluss auf das Umfeld der Betroffenen haben können. Familien, in denen jemand eine Essstörung entwickelt hat, oder sich selbst verletzt, sind oft mit Schuld und Scham konfrontiert.

Auch das mittlerweile veraltete Denken, dass die Mütter daran Schuld hätten, kommt immer wieder hoch. Die Betroffenen selbst schämen sich natürlich auch wegen ihres Verhaltens. Nicht zuletzt ist so eine Störung ein Umstand, der nicht leicht mit unserer Leistungsgesellschaft vereinbar ist.

 

Was muss sich ändern, damit diese Themen etwas mehr in den Blick der Menschen geraten?

Keicher: Information, Prävention und Aufklärung müssen schon in frühem Kindesalter stattfinden, am besten schon im Kindergarten. Fördergelder müssten leichter zu bekommen sein. Es muss künftig auch mehr Stimmen geben, die unser Schönheitsideal hinterfragen. Jedes durch Photoshop veränderte Bild macht etwas mit den jungen Menschen. Familien sollten sich mehr mit der Frage befassen, wie Erfolg im Leben eigentlich bemessen wird.

 


Zur Person

Marie-Teresa Keicher wurde 1979 geboren und stammt aus dem Heilbronner Raum. Sie ist Mutter von drei Kindern. Keicher ist Sozialpädagogin, systemische Therapeutin und leitet seit 2022 die Beratungsstelle "Mavie" in der Bismarckstraße. Freiberuflich führt Keicher eine Praxis für systemische Lebensberatung. Zuvor war sie unter anderem als Familientherapeutin und Kinderschutzfachkraft tätig.

Jeden Mittwoch zwischen 14 und 15 Uhr wird eine offene Sprechstunde in der Beratungsstelle angeboten. Die Stelle ist dienstags und donnerstags zwischen 9 und 11 Uhr und mittwochs zwischen 14 und 17 Uhr telefonisch unter der Nummer 07131 8993052 zu erreichen. Finanziert und unterstützt wird das Projekt durch Spendengelder, unter anderem auch durch den gemeinnützigen Verein "Menschen in Not" der Heilbronner Stimme.

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