Stimme+
Eppingen
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Uraltes Haus in Eppingen ist saniert: Vollkommen unvollkommen

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Als das Haus in der Eppinger Steingasse 4 gebaut wurde, sollte es noch Jahrzehnte dauern, bevor Kolumbus Amerika entdeckte. Die langwierige, behutsame Renovierung ist abgeschlossen. Der windschiefe Bau erzählt Besuchern ein Stück Stadtgeschichte aus dem Spätmittelalter.

Windschief, uralt, faszinierend: Das Haus in der Steingasse 4 ist nach wissenschaftlichen Untersuchungen 1457 erbaut worden.
Windschief, uralt, faszinierend: Das Haus in der Steingasse 4 ist nach wissenschaftlichen Untersuchungen 1457 erbaut worden.  Foto: Hettich, Alexander

"Es erstrahlt in neuem Glanz", ist eine Phrase, die nach Sanierungen gerne gebraucht wird. Auf das zweitälteste erhaltene Eppinger Fachwerkhaus trifft das sicher nicht zu. Eine Hochglanz-Sanierung hatte der Förderverein der Raußmühle auch nie im Sinn, als er das Projekt vor rund zehn Jahren in Angriff nahm. Vollkommen unvollkommen: So präsentiert sich das Juwel. Standfest, mit neuer Fassade, aber auch mit Ecken, Kanten, Narben und Anklängen an eine Geschichte, die bis 1457 zurückreicht. "Ich bin zufrieden, wie es geworden ist", sagt Frank Dähling, dem die historische Raußmühle am Eppinger Stadtrand gehört.


Mehr zum Thema


Stadt hat Sanierung finanziert

Die Stadt stellte 120.000 Euro für das Haus zur Verfügung. Der Verein kam sogar mit 8000 Euro weniger aus, berichtet Dähling. Ein Großteil ging für Zimmerer-Arbeiten drauf. Im Dachstuhl hatten frühere Besitzer Stützbalken entfernt, wahrscheinlich in der Not verfeuert. Daher rührt auch die Neigung des Hauses, das für Gartenschaubesucher ein Blickfang im Altstadtpanorama ist. Fehlende Balken wurden mit jahrhundertealtem Holz aus dem Raußmühlen-Fundus ersetzt, frühere Sanierungsfehler behoben. So hatte unsachgemäße Behandlung dem sogenannten Schwebegiebel zugesetzt. Ein Brett und ein Blech schützen die mächtigen Balken, die quer vor der Fassade hängen. Warum dieses Konstruktionsmerkmal am alemannischen Fachwerk? Die Bewohner hängten Mais oder Tabak zum Trocknen an die hervorstehenden Balken, so eine These. Aber weder Mais noch Tabak waren bekannt, als ein Bauherr "aus der mittleren sozialen Schicht" das Haus an der mittlerweile verschwundenen Stadtmauer errichtete.

Dach ist ein kleines Museum für sich

"Wir wissen es einfach nicht", sagt Dähling zum Giebel-Rätsel. Ein anderes Geheimnis sieht Dähling gelüftet: das um die Gestaltung des Daches. Ursprünglich lag Stroh auf den Balken, später Mönche und Nonnen, gewölbte Ziegel, die ineinandergriffen. Und, eine Besonderheit: die sogenannte Priebendeckung.

Frank Dähling vom Eppinger Raußmühlen-Verein im Erdgeschoss des Hauses Steingasse 4. Dort sind Exponate aus dem bäuerlichen Leben zu sehen.
Fotos: Alexander Hettich
Frank Dähling vom Eppinger Raußmühlen-Verein im Erdgeschoss des Hauses Steingasse 4. Dort sind Exponate aus dem bäuerlichen Leben zu sehen. Fotos: Alexander Hettich  Foto: Hettich, Alexander

Weil die Ziegel nicht reichten, wurden Mönch und Nonne nicht ineinander, sondern mit der Wölbung nach unten nebeneinander geschichtet. Das sparte Material, ließ aber Lücken klaffen, die mit einer weißen Masse verspachtelt wurden. Zu besichtigen ist das, sorgfältig restauriert, auf einem Teil des Daches in der Steingasse 4.

Später gehörte das Haus, nach einem früheren Besitzer auch Frankeburg genannt, ärmeren Leuten, mehr als 20 Menschen lebten teilweise hier. Wie eng das war, davon geben die sorgfältig hergerichteten Innenräume immer noch einen Eindruck. Im Erdgeschoss, wo eine alte Eisenbahnschiene irgendwann notdürftig einen Balken ersetzte, birgt ein Raum besondere Schätze. Hier war noch in den 50er Jahren ein Schweinestall. Jetzt hat Dähling Schätze des bäuerlichen Lebens zusammengetragen, etwa eine seltene Kniesense, verblüffend einfaches Meisterwerk der Holzbearbeitung. In anderen Räumen ist derzeit eine Keramikausstellung zu sehen - mit Stücken von der Jungsteinzeit bis in die Gegenwart.


Mehr zum Thema


Mit viel Liebe zum Detail hergerichtet

Und immer wieder beeindrucken Details aus der Vergangenheit des Hauses. Die einzige Kochstelle hat Dähling nachgebaut und mit Lehm verkleidet. Kamine gab es zur Bauzeit noch nicht. Die Balken über dem Herd sind rußgeschwärzt. Ganz im Sinne der Sanierung: Die Steingasse 4 glänzt nicht, sie erzählt.


Besichtigungen

Derzeit ist das Haus Steingasse 4 immer am ersten Sonntag eines Monats von 14 bis 17 Uhr für Besichtigungen geöffnet. Auch am Sonntag, 11. September, ist es zum Denkmaltag begehbar, Weitere Termine nach Absprache unter Telefon 07262 8708.

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben