Eppingen vor 100 Jahren: Ablieferungs- statt Abwrackprämie
Vor hundert Jahren gab es Geld für tote Mäuse und erstmals fuhr kommerziell ein Kraftfahrzeug durch den Kraichgau. Manche Themen sind auch heute noch aktuell.

Die Lektüre der Broschüre "Eppingen vor 100 Jahren", die Reinhard Ihle zum neunten Mal zusammengestellt hat, offenbart: Die Welt sieht 2021 anders aus.
Aber so manches scheint sich nie zu ändern. Etwa die Natur des Menschen. Oder das Bestreben um technischen Fortschritt: Wo 2021 ein neuer Bürgerbus getauft wurde, eröffnete man vor 100 Jahren erstmals eine "Kraftwagenlinie" - mit sehr viel Tamtam und einer Einweihungsfahrt von Lokal zu Lokal, wo Wein und Likör die Festteilnehmer in immer fröhlichere Stimmung versetzte.
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Seite für Seite hat der Vorsitzende des Heimatfreunde-Vereins die "Eppinger Zeitung" von 1921 durchgeblättert und die spannendsten Meldungen, amtlichen Mitteilungen und Leserzuschriften aus der Lokalseite herausgefiltert. Das Ergebnis: 68 Seiten mit interessanten, aus heutiger Sicht oft lustig anmutenden Einblicken. "Wie hat sich die Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg weiterentwickelt?", ist für Ihle die zentrale Frage. 1921 beobachtet er, "wie sich langsam das Leben wieder normalisiert".
Zur Normalisierung gehört: Es bilden sich Vereine, insbesondere Sport- und Gesangsvereine. Beliebt ist neben Turnen der Fußball und vor allem das Radfahren. Feiern und Versammlungen fanden oft im Gasthaus zum Schwanen statt, doch gab es in der Fachwerkstadt noch eine große Anzahl heute nicht mehr bekannter Lokale.

Sowohl katholische als auch evangelische Kirche erhielten 1919 neue Glocken. Die alten waren für Kanonenfutter eingeschmolzen worden, weiß Heimatforscher Ihle. Ein Schicksal, das auch dem neuen Kirchgeläut, dessen Herstellung großzügige Spenden in Amerika lebender Ex-Eppinger ermöglichten, droht. Aber das konnte man vor hundert Jahren noch nicht ahnen.
Jugend von damals Jugend von heute
Konfirmanden und Erstkommunikanten finden sich in der Chronik ebenso lobend erwähnt wie "die Schuljugend" allgemein, die allerdings "groben Unfug" treibt. So sollen sie Radfahrern "häufig Steine und Prügel auf die Fahrbahn werfen" oder "in rücksichtsloser Weise Grasanlagen zertreten". Bürgermeister Albert Wirth warnt mehrmals, gegen Täter "strafend einschreiten" zu wollen.
Furcht vor Strafe wegen eines "im jugendlichen Leichtsinn" begangenen Zigarrendiebstahls führte aber etwa bei dem 16-jährigen Richard Liebenstein dazu, sich "in selbstmörderischer Absicht auf die Schienen" zu legen. Am 7. Juni ließ der Junge sich vom Zug überfahren.
Im Jahr 1921 waren Juden völlig selbstverständlich Teil der Gesellschaft. Als am 19. September auf dem israelischen Friedhof das Denkmal "für die im Weltkrieg gefallenen Krieger des israelitischen Friedhofverbandes Eppingen" eingeweiht wird, sind Vertreter aller Konfessionen genauso dabei wie die ortsansässigen militärischen Vereine, der vollzählige Gemeinderat und überhaupt "eine große Anzahl Einwohner von Eppingen und Umgebung".
Milchkuh hilft bei Bekämpfung von Tuberkulose
Neben erfreulichen Ereignissen gab es jedoch einen extrem trockenen Sommer und einen Winter, der so kalt war wie der Sommer heiß. Und Straftaten. Damals wie heute wurden Brände gelegt, etwa in Zaisenhausen, und es wurde gestohlen.
Ein Pferd statt eines noch nicht existierenden Autos zum Beispiel - oder Essen: "Schweinefleisch, ein Schinken, Weizen und Mehl im Gesamtwert von etwa 900 Mark" entwendete ein Dieb im März einer Elsenzer Witwe.
Kurios aus heutiger Sicht: Dass dem Krankenhaus Eppingen eine amerikanische Milchkuh zur Bekämpfung der Tuberkulose überwiesen wurde. Oder dass die Bevölkerung zwischen Juli und Oktober "135.137 Stück Mäuse" ablieferte, wofür insgesamt 13.277 Mark "Ablieferungsprämie" erstattet wurde.
Verleumdungen auch ohne Social Media

Auch ohne Social Media kam es zu Verleumdungen. So will Karl Störzinger aus Mühlbach mit einer Belohnung den Täter finden "der die unwahre Aussage gemacht hat...". Dafür sind betroffene Hausbewohner über einen zweitägigen Ausfall des elektrischen Lichts nur "recht ungehalten". Ein solcher Stromausfall wäre heute eine Katastrophe.
Seit 2013 stellt der Vorstand der Eppinger Heimatfreunde, Reinhard Ihle, die Chronik "Eppingen vor 100 Jahren" aus den im Stadtarchiv aufbewahrten Bänden der "Eppinger Zeitung" zusammen. Vereinsmitglieder erhalten die Broschüren per Post, andere Interessierte finden sie in der örtlichen Buchhandlung Holl & Knoll am Marktplatz. Ist die Auflage vergriffen, stehen die Hefte auf der Homepage der Heimatfreunde zum Download bereit - so etwa die Chroniken 1913 bis 1919.



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