„Bäcker von Siegelsbach“: Tatwaffe bleibt verschwunden – Ex-Ermittler erinnert sich
20 Jahre ist es her, dass am Heilbronner Landgericht der Mordprozess gegen den Siegelsbacher Bäcker begann. Für den damaligen Ermittlungsleiter war es ein außergewöhnlicher Fall.
Bis heute ist Siegelsbach kein Ort, in dem sich Andreas Mayer gerne aufhält. Zu viele schlechte Erinnerungen hat er an den Mordfall „Bäcker von Siegelsbach“. Mayer war damals leitender Ermittler - und kann trotz der langen Zeit, die vergangen ist, noch präzise berichten von den Abläufen nach der Tat im Oktober 2004. Vor allem auch vom ersten Prozess am Landgericht Heilbronn, der mit einem Freispruch des Bäckers endete.
Dass sich das Verfahren damals so lange zog, war aus Mayers Sicht nicht nur eine Belastungsprobe für die Ermittler, die sich nichts vorzuwerfen gehabt hätten. Insbesondere für die Familien der Opfer des Raubüberfalls auf die damalige Filiale einer Sparkasse in der Siegelsbacher Ortsmitte war es hart. Im Fachjargon spricht man von sekundärer oder tertiärer Viktimisierung. „Die unmittelbar Betroffenen sind bis heute traumatisiert“, sagt Mayer.
Kriminalfall „Bäcker von Siegelsbach“ – Ermittler über erstinstanzlichen Freispruch: „Wir waren maximal enttäuscht“
Mayer ist 61 Jahre alt und frisch pensioniert. In der Brusttasche seines Hemds klemmt ein Kuli. Er sitzt in der heutigen Bäckerei, wo früher der Tatort war – der Bäcker von Siegelsbach und der Betreiber der Bäckerei haben nichts miteinander zu tun –, und klickt durch Dateiordner auf seinem Laptop. Mayer ist so organisiert, wie man das von einem Kripobeamten erwartet. Vielleicht liegt das in Bezug auf diesen Fall aber auch einfach daran, dass er selbst für Mayer unvergessen ist. Der Mord und versuchte Mord in der Sparkassen-Filiale zählt zu den schwersten und brutalsten Verbrechen, die das Unterland erlebt hat. In Siegelsbach war danach nichts mehr wie zuvor. Noch heute sorgen sich manche davor, dass der Täter in den kommenden Jahren aus seiner Haft entlassen werde und zurück nach Siegelsbach kehren könnte. Nach dem Freispruch in erster Instanz war er das ja bereits einige Monate lang.
Andreas Mayer erinnert sich an die zwei Lager in der Bevölkerung. „Die einen haben zu ihm gehalten, die anderen haben gesagt: Wir haben es schon immer gewusst“, erzählt er. Der erstinstanzliche Freispruch am 21. April 2006, die Ermittler erlebten ihn laut Mayer als eine „schallende Ohrfeige“, als eine „Klatsche“. Mayer: „Wir waren maximal enttäuscht.“ Das Szenario sei irreal gewesen, sagt Mayer. Vor allem, weil die Beweise erdrückend gewesen seien.
Kriminalfall „Bäcker von Siegelsbach“: Kritik an anwaltlicher Strategie der „Konfliktverteidigung“
In diesem Zusammenhang kritisiert Mayer auch heute noch anwaltliches Vorgehen bei Gerichtsprozessen. Er habe es immer so gesehen, dass Verteidiger ein Organ der Rechtspflege seien und die Aufgabe wahrnähmen, der Justiz auf die Finger zu schauen, damit Verfahren rechtsstaatlich abliefen. Das Prinzip der Konfliktverteidigung missfällt ihm. Manche Anwälte legten es nur darauf an, dass Verfahren zu erschüttern und den Angeklagten, egal wie, „rauszuhauen“.
Mayer erinnert sich, wie sie damals im Oktober 2004 die Soko „Siegelsbach“ gründeten. Drei Wochen lang waren sie vor Ort. Weil es sich um einen sogenannten Verdeckungsmord handelte und die Zeugen getötet werden sollten, damit sie den Räuber nicht identifizieren können, wurde der schwerstverletzte Ehemann der Getöteten im Krankenhaus unter Polizeischutz gestellt. Am Tag nach der Tat erwachte der Mann aus dem Koma und benannte, laut Mayer „eindeutig und unmissverständlich“, den Bäcker als Täter. Die Polizisten fragten nach: „Sind sie sich sicher?“ Der Mann habe geantwortet: „Ja, absolut.“
Nach dieser Aussage „haben wir natürlich alle Hebel in Bewegung gesetzt“, schildert Mayer. Dasselbe Team, das schon am Vortag beim Bäcker gewesen sei, sei nochmal zu ihm geschickt worden, „um ihn in Sicherheit zu wiegen“. Der Bäcker lebte nur etwa 200 Meter vom Tatort entfernt. Nach seiner Festnahme habe es ihm „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Auf der Fahrt zur Polizei sei der Bäcker im Fahrzeug kollabiert. „Wahrscheinlich ist ihm da bewusst geworden: Jetzt bricht das Kartenhaus zusammen, das er sich zusammengebaut hat.“ Die Polizisten hielten auf der Fahrt an, damit der Bäcker frische Luft schnappen kann. Was denn die Leute von ihm denken sollen, habe er gefragt.
Rückblick auf den Mordfall in Siegelsbach: Geständnis überflüssig – doch wo ist die Tatwaffe?
Insgesamt drei Mal wurde er vernommen. Andreas Mayer erinnert sich. „Ans eigentliche Tatgeschehen wollte er nicht ran.“ Ein Kollege habe mal einen kurzen Moment gedacht, jetzt habe er ihn soweit. „Aber dann war er wieder wie ein Fels.“ Schließlich zog sich der Bäcker auf Anraten seiner Anwältin auf absolutes Stillschweigen zurück – über die gesamte Dauer der Gerichtsprozesse.
Der erstinstanzliche Freispruch erschütterte Mayers Vertrauen in die Justiz. Nach der rechtskräftigen Verurteilung des Bäckers sei es wiederhergestellt gewesen - „auch, wenn es lange gedauert hat“. Wenn er heute mit dem Bäcker sprechen könnte, sagt Mayer, würde ihn ein Geständnis nicht interessieren. Dieses brauche es nicht. Er würde lieber fragen: Wo ist die Tatwaffe, was ist mit ihr geschehen? Die Browning-Pistole war nie gefunden worden.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare