Eppinger fast totgeprügelt: „Täter sollen wissen, was sie angerichtet haben“
Nach einem Besuch im Bierkönig auf Mallorca wird Simon Kreß aus Eppingen ins Koma geprügelt. Vieles muss er anschließend von Grund auf erlernen. Wie er sich ins Leben zurückkämpft.

Sonne, Musik, Strand und kalte Getränke. Voller Vorfreude auf ein paar unbeschwerte Tage fliegt der Eppinger Simon Kreß im August 2023 zusammen mit zwei Freunden nach Mallorca. Von der Party-Insel mit dem berühmten Ballermann kehrt der junge Mann als Pflegefall zurück. Seither ist für den heute 29-Jährigen und seine Familie nichts mehr so, wie es vorher war.
Der viertägige Kurzurlaub verläuft zunächst feuchtfröhlich und friedlich. Am Abend vor der Abreise feiern die drei Eppinger im Lokal Bierkönig. Einer verlässt vor den beiden anderen das Lokal. Simon Kreß geht als Zweiter und ist zunächst allein. Was dann passiert, weiß er nicht mehr.
Eppinger nach Angriff auf Mallorca in Lebensgefahr
Überwachungsvideos vor dem Bierkönig haben es aber aufgezeichnet. „Vier Männer sind auf Simon zugegangen, haben an seinem KSC-Trikot gezogen. Dann haben sie auf ihn eingeschlagen, ihm eine Kopfnuss gegeben. Er geht zu Boden, fällt auf den Hinterkopf und bleibt bewusstlos liegen“, berichtet Silke Kreß. Die Mutter hat die Sequenz vor dem Bierkönig gesehen. Simon Kreß möchte sich das Video bis heute nicht anschauen.
Der 27-Jährige kommt sofort ins Krankenhaus. Die Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma, vierfacher Nasenbruch und ein geschwollenes Auge. Zwei Wochen liegt Kreß im künstlichen Koma.
Die Polizei informiert das Hotel-Personal. Dieses wendet sich an die mitreisenden Eppinger. Silke Kreß: „Einer der beiden Freunde hat uns angerufen und erklärt, es sei etwas passiert. Mein Mann und ich sind dann in der Hochsaison auf gut Glück so schnell es ging auf Mallorca gereist. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch gar nicht, was passiert ist.“ Holger Kreß, Simons Vater, sagt: „Damals hatten wir noch vermutet, Simon hätte einen Unfall gehabt.“
Angriff am Ballermann: Eppinger auf Mallorca auf Intensivstation
Als das Ehepaar seinen Sohn im Krankenhaus sieht, wissen Silke und Holger Kreß sofort: Das kann nicht ohne Fremdeinwirkung passiert sein. Tagelang schwebt der junge Mann in Lebensgefahr. Aufgrund der Gewalteinwirkung hat sich die Hirnachse verschoben. Ein Rückflug in schwer verletztem Zustand ist für den jungen Mann zunächst zu gefährlich.

Holger Kreß: „Zum Glück hat Simon eine Auslandskrankenversicherung. Auf der Intensivstation auf Mallorca haben sich die Ärzte und Pfleger super um ihn gekümmert.“ Simon Kreß bekommt starke Schmerzmittel, hat Krämpfe. Im Krankenhaus bekommt er noch Fieber, nimmt stark ab. Während der Operation hat er einen Schlaganfall. Sobald Simon Kreß wieder bei sich ist, kann er kaum sprechen, seine Bewegungen auf der linken und sein Sichtfeld auf der rechten Seite sind stark eingeschränkt.
Eppinger gibt sich nach Prügelattacke am Ballermann fast selbst auf
„Ich musste vieles von Grund auf neu lernen“, berichtet Simon Kreß. Bis heute hat er mehrmals pro Woche Logopädie-, Physio- und Ergotherapie-Termine. In den Monaten nach dem Vorfall schläft er viel. Bis heute entfallen ihm immer wieder Dinge, er hat Wortfindungsschwierigkeiten.
Vom Krankenhaus auf Mallorca kommt Kreß in eine Klinik nach Bamberg. Dort bekommt er am Wochenende Besuch von der Familie und Freunden, unter der Woche ist er mit dem Klinikpersonal allein. Er sitzt im Rollstuhl.
Kreß berichtet: „In Bamberg hab’ ich zwar Fortschritte gemacht, aber es ging mir zu langsam. Ich dachte, ich bleibe ein ewiger Pflegefall. Mein privates Umfeld hat mir dort gefehlt und ich hätte mich fast aufgegeben.“ Im Anschluss wird er im Januar 2024 nach Bad Wimpfen verlegt, ist damit näher an der Heimat. Simon Kreß: „Das hat mir einen Schub gegeben. Dort habe ich mir vorgenommen: Jetzt mache ich solche Fortschritte, dass ich keinen Rollstuhl mehr brauche und hier herauslaufe.“
Nach Attacke auf Mallorca: Junger Eppinger erfährt viel Rückhalt
Nach dem Klinikaufenthalt zieht er im März 2024 zurück ins Haus seiner Eltern. Einen Haushalt allein führen, das kann Simon Kreß noch nicht. Der heute 29-Jährige: „Mein Ziel ist, so nah wie möglich wieder an meinen Alltag vor dem Mallorca-Urlaub heranzukommen.“
Mit dem Auto- und Fahrradfahren klappt es schon wieder. Auch arbeiten geht der Eppinger derzeit drei Stunden am Tag. „Mein Arbeitgeber, die Firma EGO in Oberderdingen, hat mir eine Stelle in der Instandhaltung gegeben.“ Vor dem Vorfall ist der gelernte Werkzeugmechaniker dort als Anlagenmechaniker tätig.
Der Rückhalt, den Simon Kreß aus allen Richtungen erfährt, bedeutet ihm viel. „Ich bin meinen Eltern und meiner Schwester, die mich in der schwersten Zeit gepflegt und ihren Alltag auf mich ausgerichtet haben, meinen Freunden, meinen Kollegen und den Mitgliedern bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Fußballverein, beim VfL Mühlbach, wo ich mich in der Organisation engagiere, unendlich dankbar. Ohne die Hilfe hätte ich es nie so weit zurückgeschafft.“
Schwer verletzter Eppinger: Junges Alter entscheidend für Heilungserfolg
Simon Kreß selbst, aber auch seine Familie haben die Folgen des Mallorca-Falls sehr belastet. Der 29-Jährige: „Immer wieder habe ich mich gefragt, ob sich der ganze Einsatz und die Versuche des Zurückkämpfens lohnen. Aber was bleibt mir auch anderes übrig? Jammern ist auf jeden Fall keine Option.“ Langfristig möchte er wieder in eine eigene Wohnung ziehen und in seine ehemalige Position im Rahmen einer Vollzeitstelle zurückkehren. Simon Kreß: „Ich bin heute dankbarer als je zuvor, dass ich am Leben bin.“
Holger Kreß: „Der große Vorteil ist, dass Simon noch jung ist. Daher hat er relativ schnell Therapieplätze bekommen und ist in der Lage gewesen, recht rasch wieder Koordinationen und Artikulationen zu erlernen.“ Wäre er zehn oder 20 Jahre älter, wäre Simon Kreß nach dem Angriff vermutlich gar nicht mehr aus dem Koma erwacht oder zumindest ein dauerhafter Pflegefall geblieben.
Täter nach Attacke auf Eppinger weiterhin unbekannt
Die Angreifer des verhängnisvollen Abends vor dem Bierkönig auf Mallorca sind bis heute nicht gefasst. Simon Kreß: „Mir fehlen zwar fast alle Erinnerungen, ein paar kurze Momente sind mir aber noch präsent. Ich meine, dass sie Dialekt aus unserer Region gesprochen haben. Und da sie an meinem KSC-Trikot gezogen haben, sind es vielleicht Fans eines anderen baden-württembergischen Fußball-Klubs gewesen.“
Möglicherweise ist das offensichtliche Bekenntnis zum Karlsruher Fußballverein, der sich im kommenden Sommer von seinem aus Sulzfeld stammenden Trainer Christian Eichner trennen wird, der Auslöser für die Gewalt gewesen. Um einen Raubüberfall hat es sich nicht gehandelt. Kreß’ Wertsachen sind alle noch da gewesen.
Silke Kreß: „Auf dem Überwachungsvideo sind die Täter nur ungenau zu erkennen.“ Sie ärgert sich: Die Polizei halte die Familie laut Silke Kreß’ Schilderungen nicht über den Ermittlungsstand auf dem Laufenden: "Wir wissen nicht, was derzeit noch unternommen wird, um die Täter zu finden.“
Silke Kreß’ Versuch, den Vorfall in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ zum Thema zu machen, ist bislang gescheitert. Simon Kreß selbst sei von der Polizei bis heute nicht zu dem Vorfall befragt worden.
Fast getöteter Eppinger auf Mallorca: „Täter sollen wissen, was sie angerichtet haben“
„Ich wünsche mir schon, dass die Täter noch gefunden werden. Vielleicht verplappert sich auch mal einer. Erst recht, wenn sie vielleicht tatsächlich in der Region leben und nun durch die Berichterstattung von dem Fall erfahren“, sagt Simon Kreß. Die Attacke hat das Leben der Eppinger Familie komplett aus den Angeln gehoben.
Auch, wenn die Versicherung die Behandlung übernommen hat: Finanzielle Einbußen hat die Familie dennoch. Beispielsweise die Krankenhaus-Besuche der Eltern auf Mallorca und in Bamberg. Um für ihren Sohn da zu sein, hat Silke Kreß ihre selbstständige Tätigkeit aufgegeben. Simon Kreß: „Noch wichtiger, als dass die Täter bestraft werden, ist mir, dass sie wissen, was sie mit ihrem Angriff angerichtet haben.“
Schmerzen hat Simon Kreß heute keine mehr. Spiele des KSC im Stadion besucht er wieder. Ein Stück weit ist er stolz, sich zurück ins Leben gekämpft zu haben. Er weiß jedoch: „Ich hab’ schon viel geschafft. Aber es liegt auch noch ein langer Weg vor mir.“ Ein langfristiges Ziel: „Irgendwann möchte ich mir einen Hund anschaffen. Am liebsten einen Dackel“, sagt Simon Kreß und lacht.
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Kommentare
Tom Fiedler am 10.04.2026 22:10 Uhr
Was lernen wir aus dieser sehr tragischen und traurigen Geschichte?
Man sollte nicht für 4 Tage nach Mallorca fliegen und falls doch sollte man sich tunlichst von Etablisments wie dem "Ballermann" und ähnlichen fernhalten. Tut dem Kopf einfach nicht gut.