Rotes Solardach in Künzelsau: Ziegel, die Sonnenstrom produzieren
Das ehemalige Amtsgericht in Künzelsau hat ein rotes Solardach. Ohne weiteres zu erkennen ist das nicht, weshalb Solarziegel helfen könnten, Klimaschutz und Denkmalschutz in Einklang zu bringen. So funktioniert das Ganze.

Marcus Zelyk geht auf der oberen Ebene des Gerüsts entlang. "Keine Sorge, das hält alles", sagt er lächelnd, während das Metall unter seinen Füßen leicht quietscht. Der Himmel ist strahlend blau, eine seichte Brise weht, nur wenige Höhenzentimeter vom First des ehemaligen Künzelsauer Amtsgerichts entfernt. "Hier sieht man es eigentlich ganz gut", sagt Zelyk und zeigt auf die roten Ziegel vor sich. Schmale, unauffällige Linien durchziehen die einzelnen Dachpfannen, zeugen davon, dass das keine gewöhnlichen Ziegel sind, die hier in der Sonne glänzen. Vielmehr handelt es sich um Solarmodule - 3600 an der Zahl. "Jeder Ziegel hat eine Leistung von acht Watt", erklärt Marcus Zelyk. Zusammen erreiche die Anlage eine Spitze von 28,8 Kilowatt.
Warum nur rote Solarziegel in Frage kommen
Auf die Möglichkeit, das Dach seines denkmalgeschützten Gebäudes mit Solarziegeln einzudecken, sei er eher zufällig gekommen, berichtet Marcus Zelyk. "Ein Kunde hat mir davon erzählt", so der Künzelsauer Notar. Daraufhin haben er und seine Frau sich informiert und seien gleich begeistert gewesen. "Etwas anderes wäre für uns nicht in Frage gekommen - gerade auch aus Denkmalschutzgründen", sagt Zelyk mit Blick auf herkömmliche Photovoltaik-Anlagen.
2019 hat das Ehepaar Zelyk begonnen, das prominent an der Konsul-Uebele-Straße in Künzelsau gelegene Haus zu sanieren. "Wir wollten das schöne, historische Erscheinungsbild erhalten und das Gebäude dennoch nach heutigen Standards nutzen", erklärt Monika Zelyk die Herangehensweise.
Im Oktober 2021 ist ihr Mann bereits mit seinem Büro dort eingezogen. Nun war das Dach an der Reihe, das etwa 50 Jahre alt war. Wie im gesamten Sanierungsprozess war auch in diesem letzten Schritt die Denkmalschutzbehörde involviert. Die Zusammenarbeit sei sehr gut gewesen, sagen die beiden. Kein Wunder: Von der Straße aus ist nicht ersichtlich, dass es sich bei den Dachpfannen nicht um gewöhnliche Ziegel handelt.
Regionale Firmen kümmerten sich um die Installation

Auch Lieferengpässe von Seiten des Herstellers, der Firma Autarq aus Prenzlau in Brandenburg, oder andere Komplikationen habe es nicht gegeben, berichtet das Paar begeistert. "Das lief alles reibungslos", so Monika Zelyk. Und noch ein Plus für das Paar: "Wir konnten fast alles mit lokalen Firmen machen", so Marcus Zelyk. Lediglich für einen Schritt - das Verlegen der Kabel auf der Dachlattung - seien für zwei Tage Fachleute der Firma Autarq da gewesen.
Insgesamt habe das Dach acht Wochen gedauert, allerdings inklusive vieler Feiertage. Netto seien es eher sechs Wochen gewesen, rechnet Zelyk vor. Jeder einzelne Solarziegel hat einen Anschlusspunkt mit Kabel, der ihn mit dem Netz verbindet. Da alle Solarziegel aber eigenständige kleine Module sind, also nicht in Reihe geschaltet, sorgt der Defekt eines Moduls nicht für einen Komplettausfall der Anlage. Außerdem kann so problemlos ein einzelner Ziegel ausgetauscht werden - vom Inneren des Dachstuhls aus. Die Anlage ist mit Wärmepumpen als Heizlösung kombiniert. Auch Elektro-Ladestationen habe man installiert.
Was die innovative Photovoltaik-Anlage kostet
Und wie viel tiefer muss man für so eine innovative Photovoltaik-Anlage in die Tasche greifen? "Ganz genau lässt sich das nicht sagen", so Marcus Zelyk. Man müsse beachten, dass es sich nicht nur um eine Solaranlage, sondern eben auch um eine komplette Dacheindeckung handele. Der Hersteller habe von etwa zehn Prozent Mehrkosten gesprochen gegenüber einer Dacheindeckung plus herkömmlicher Photovoltaik-Anlage. Aber selbst wenn es etwas mehr als das sei, sei ihnen das die Investition wert gewesen, da das Ehepaar ansonsten komplett auf Solar hätte verzichten müssen.
"Jetzt sind wir gespannt, wie sich der Ertrag der Anlage darstellt", so Marcus Zelyk. Denn noch sind die Solarziegel nicht in Betrieb. "Aber hoffentlich bald", ergänzt seine Frau mit Blick auf das sonnige Wetter.
Marktsituation
Solarziegel sind im Grunde nichts Neues, es gibt sie bereits seit den 1990er Jahren. Noch immer ist das aber eine Nische, wohl auch wegen der höheren Anschaffungskosten und der Befürchtung, dass die umfangreiche Verkabelung im Dach fehleranfällig sein könnte. Es gibt die Ziegel in verschiedenen Ausführungen mit aufgeklebten oder in Vertiefungen gesetzten Modulen sowie Produkte etwa aus Quarzglas, bei denen die Solarzellen selbst den Ziegel bilden. Im Vergleich zu einer aufgesetzten PV-Anlage auf dem Dach wirkt kein zusätzliches Gewicht auf die Statik des Gebäudes.



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