Wie viel Baden steckt noch im württembergischen Hohenlohekreis?
Auf den Spuren der badischen Vergangenheit haben wir uns in Gommersdorf und Winzenhofen umgehört und umgesehen.

Das schönste Land in Deutschlands Gau'n, das ist mein Badner Land...", schallt es aus zahlreichen Kehlen, tönt es aus verschiedensten Instrumenten: Wann immer der Anlass es zulässt, wird die Hymne des ehemaligen Herzogtums im Jagsttal angestimmt. Denn nirgendwo sonst ist Hohenlohe so badisch wie hier. Aber wie viel Baden steckt noch in den Orten, die seit der Kommunalreform in den 1970ern dem württembergischen Hohenlohekreis angehören? Dafür begibt sich die HZ auf Spurensuche.
Interessiert an Geschichte
Zunächst führt diese nach Gommersdorf. Dass der dortige VfR im badischen Fußballverband zu Hause ist - und das sehr erfolgreich - ist weit über die Grenzen des Jagsttals hinaus bekannt. Offensichtliche, sprich optische Spuren sind beim Rundgang durch den Krautheimer Teilort aber nicht auszumachen - außer man unterstellt den Besitzern roter und gelber Tulpen im Vorgarten eine Absicht bei der Farbwahl. Also heißt es, sich umhören. Mehr über die badische Vergangenheit weiß Leo Baier. Er interessiert sich für die Geschichte seines Heimatortes und "da begegnet einem das Thema Baden natürlich", sagt er.

In seinen zahlreichen Auszügen historischer Dokumente finden sich auch immer wieder Anekdoten. So ist in einem Artikel des "Bauländer Boten" von 1910 zu lesen: "Infolge eines Wolkenbruchs, der am Samstag bei Crailsheim fiel, trat die Jagst aus ihren Ufern. Schon am Mittag ging das Gerücht, dass Hochwasser käme. Allein niemand glaubte daran, da man schon oft für den Narren gehalten wurde." Das Hochwasser aber kam - und vernichtete "100 Fuhren Heu" in Gommersdorf. Der Skandal: Man hatte offenbar nur die württembergischen Gemeinden telefonisch über das Hochwasser informiert.
Rivalität heute harmlos
Die Rivalität zwischen Baden und Württemberg erlebt Baier im Gommersdorf von heute aber als harmlos. "Wenn das Badner Lied gespielt wird, dann regen sich manche zwar künstlich auf", sagt er, im Grunde necke man sich aber nur. Ähnlich der Rivalitäten werden auch die einst so präsenten alten Traktoren mit dem Kfz-Kennzeichen BCH für Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis weniger.
"Die Kennzeichen müssen leider alle gewechselt werden", erklärt Joachim Essig, Autohaus-Besitzer und ehemaliger Ortsvorsteher von Gommersdorf. "Das ist eine neue Vorschrift." Damit verschwindet ein über Jahrzehnte liebgewordenes Zeichen der badischen Vergangenheit aus Gommersdorf.

Badische Flagge weht im Wind
Offensichtliche Hingabe zum Badner Land zeigt Sven Pfortner, Ortsvorsteher von Winzenhofen. An dessen Balkon weht eine badische Flagge im Wind. Einst war der Schöntaler Teilort wie eine Halbinsel eingekesselt vom württembergischen "Ausland". Das hatte zur Folge, dass an fast allen Ortsausgängen Zollabgaben fällig wurden. Ein Ärgernis für die damalige Bevölkerung, wie in einigen Quellen nachzulesen ist.
Zeitzeugen der einstigen Zugehörigkeit zum Großherzogtum lagern derzeit im Nachbarort Westernhausen. Weil wegen Sanierungsarbeiten die Ortsverwaltung dort derzeit sozusagen im Württembergischen Asyl gefunden hat, sind dort auch Archivgegenstände eingelagert. Ein Locher für die traditionelle badische Aktenheftung etwa. "Der wurde bis zum Umzug noch regelmäßig genutzt", sagt Pfortner. Die ehemalige Bürgermeister-Amtskette von Winzenhofen trägt den Schriftzug "Republik Baden" und auch auf vorgedruckten Briefumschlägen ist noch vom "Landkreis Buchen" die Rede.

Neuer Zweck für alte Steine
In Winzenhofen selbst gibt es - wie in Gommersdorf - kaum offensichtliche Spuren Badens. Wer sich jedoch auf dem frisch aufgehübschten Dorfplatz oberhalb der Kirche auf einer der schmucken Rastbänke niederlässt, stellt vielleicht fest, dass er auf Grenzsteinen sitzt. Die habe man, wie Sven Pfortner berichtet, von der Flur zusammengetragen, wo auch noch weitere zu finden sind.
Schon seit 1994 dienen sie Bänken als Sockel. "Die württembergische Seite der Steine ist immer viel stärker verwittert", sagt Pfortner und grinst. Das liege an der Wetterseite. Oder aber, so könnte man vermuten, man hat sich mit der Reinigung der Steine nur auf einer Seite wirklich Mühe gegeben.
Info: Krautheim und seine Teilorte Gommersdorf, Neunstetten, Horrenbach, Klepsau und Oberndorf waren einst badisch. Ebenso trifft das auf den heute zur Gemeinde Schöntal gehörenden Nachbarort von Gommersdorf, Winzenhofen, zu.
Weinbau
Heute kaum noch vorstellbar, war Gommersdorf einst größter Weinort im mittleren Jagsttal. Doch während man 160 Morgen bewirtschaftete, fiel der Ertrag mit 67 Fuder vergleichsweise mager aus. Ein Fuder entspricht heute etwa 1500 Litern.
Wie aus dem Landwirtschaftlichen Wochenblatt für das Großherzogtum Baden von 1837 hervorgeht, konnte Klepsau mit seinen 120 Morgen stolze 111 Fuder, also fast das Doppelte an Ertrag erzielen. Kein Wunder also, dass Klepsau noch heute Weinort ist und Teil der badischen Weinstraße, während in Gommersdorf der Weinbau aufgegeben wurde.
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