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Im Unterricht fehlen

Zahl der Schulverweigerer steigt: Schon manche Erstklässler bleiben lieber zu Hause

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Anhaltendes Fehlen im Unterricht greift immer mehr um sich – über alle Schularten und Altersklassen hinweg. Für Schulabsentismus gibt es gleich mehrere Ursachen.

Schulabsentismus ist ein grundsätzliches Problem. Mit und seit Corona hat es sich aber noch einmal verschärft.
Schulabsentismus ist ein grundsätzliches Problem. Mit und seit Corona hat es sich aber noch einmal verschärft.  Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild)

Zahlreiche Kinder und Jugendliche gehen in der Region nicht mehr zum Unterricht: mal kurzzeitig, mal länger. Das betrifft nicht nur bestimmte Jahrgangsstufen oder einzelne Schularten, sondern ist ein grundsätzliches Problem. Mit und seit Corona hat es sich noch einmal verschärft.

„Damals konnte man sich für den Präsenz-Unterricht ohne Attest abmelden“, sagt Kerstin Körber, Schulrätin am Staatlichen Schulamt in Künzelsau. „Da war uns klar: Das könnte ein größeres Problemfeld werden, wenn der Präsenz-Unterricht wieder regelmäßig stattfindet.“ Und genau so ist es gekommen: „Es gibt eine große Anzahl von Schülern, die danach nicht mehr aufgetaucht sind.“

Schulschwänzer: Schulamt führt keine Statistik

Allerdings führt das hiesige Schulamt keine Statistik darüber, wie viele Schüler an welchen Schulen für längere Zeit unentschuldigt fehlen. Dieses Phänomen der zunehmenden Schulvermeidung basiere also lediglich auf „Erfahrungswerten“, so Körber. „Unser Gefühl sagt uns, das die Lage schlechter geworden ist.“ Dies sei in ganz Baden-Württemberg so, „in den offiziellen Schulstatistiken taucht das Thema Schulabsentismus gar nicht auf.“ Die konkreten Zahlen könnten ausschließlich in den örtlichen Schulen abgefragt werden. „Dort werden die Fehltage schon genau dokumentiert.“ Die Schulleitungen vor Ort kennen also ihre Fälle. Auch vermehrte Rückmeldungen von anderer Seite hätten „unser Gefühl verstärkt“, dass die Zahlen deutlich steigen. „Deshalb haben wir einen ein Handlungsleitfaden entwickelt, wie Lehrer und andere Akteure am besten mit dieser Herausforderung umgehen“, sagt Körber. Seit 2020 das Papier erarbeitet worden.

Den Leitfaden anzuwenden, sei lediglich ein „Angebot“ und „nichts Verbindliches“. Er sei seit Sommer 2022 online verfügbar. Auf 142 Seiten gibt es ein breites Spektrum an Kontakten, Praxistipps und Hilfestellungen. Hauptziel ist, typische Anzeichen früh zu erkennen und zu vermeiden, dass Schulabsentismus chronisch wird. „Ein Problem ist, dass Eltern ihre Kinder in der Regel sehr lange schützen und die Sache schönreden“, sagt Körber. „Oft gibt es auch keine Kenntnis darüber, was an Unterstützung vorhanden ist.“

Tagung in Heilbronn: Schulabsentismus ist bereits Thema ab Klasse eins

Das Thema ist vielschichtig. Eine Tagung des Awo-Kreisverbands Heilbronn mit der Stadt dem Landkreis Heilbronn hat vor kurzem genau darauf den Fokus gelegt. „Es ist ein Thema ab Klasse eins“, sagt Lars Schulz, der als Schulsozialarbeiter an der Katharina-Kepler-Schule in Güglingen tätig ist. Er wünscht sich, das regionale Netzwerk noch stärker auszubauen. Wichtig sei, die Lehrer damit nicht zusätzlich zu belasten. „Das Thema braucht eine größere Aufmerksamkeit“, sagt Schulz. Annika Notheisen, Lehrerin an der Rosenauschule in Heilbronn, kennt dieses Gefühl. Sie hat einen Weg gefunden, um das Thema nicht als Belastung mit nach Hause zu nehmen: tagsüber alles für diese Kinder zu tun. Sie fährt zu den Schülern heim, spricht mit den Eltern und der Jugendhilfe. Sie versteht sich als Netzwerkerin, die Hilfe anstoßen und zusammenbringen will. „Das ist das A und O.“

Tatjana Gneissl, Schulsozialarbeiterin an der Wartbergschule Heilbronn, bedauert, dass es in der Region keine Übersicht gebe, ob denn nun ein Schüler tatsächlich regelmäßig fehle oder nicht. Sie habe höchstens ein Gefühl, dass dies so sei. „Es gibt noch keine Datenbank“, bestätigt sie die Infos aus Hohenlohe nicht nur in diesem Punkt: Mit Corona und dem langen Unterricht zu Hause habe Schulabsentismus zugenommen. „Viele Kinder können nicht mehr eingefangen werden“, sagt Gneissl. Lehrer fehlen, Unterricht fällt deshalb aus: Das mache es für jene Kinder, denen ohnehin schon die Tagesstruktur fehle, nicht einfacher.

 


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Schulängste, Mobbing und Gewalt sind Ursachen

Schulängste haben zugenommen, berichtet Bettina Schartner-Ebelhäuser, Schulpsychologin aus Rheinland-Pfalz und Mitglied der landesweiten Arbeitsgruppe Schulabsentismus im pädagogischen Landesinstitut. Kinder hätten Angst vor den Anforderungen, aber auch Mobbing und Gewalt zählt sie zu den Ursachen. Manche Kinder könnten sich auch nicht von ihren Eltern trennen, sagt sie. Ihrer Ansicht nach ist es für Schulen wichtig, die Fehlzeiten der Kinder und Jugendlichen im Auge zu behalten, genau hinzuhören und dann zu reagieren. Fehlt der Schüler oft nach Wochenenden oder an Randstunden?

„Es darf nicht passieren, dass junge Menschen aus den Schulen wegdriften“, sagt Awo-Chef Stratos Goutsidis. „Der Bedarf ist da“, sagt er. „Wir haben schon Anfragen für Grundschulkinder.“ Der Kreisverband hat, so wie auch andere Anbieter, eine Anlaufstelle für Schüler geschaffen, die nicht mehr oder nur unregelmäßig die Schule besuchen. 25 Plätze gebe es, sie sei schon überbelegt gewesen, sagt Tobias Schumacher von der Awo. Durch „intensive Beziehungsarbeit“ gelinge es, den Kindern zu helfen. Man biete ihnen eine Perspektive. So könne man sie zurück in den Unterricht bringen oder in eine Ausbildung vermitteln.

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