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Öhringen

Einheimische leben mit Geflüchteten: Erste Hoffnungshäuser in Öhringen bezogen

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Vor zehn Jahren wurde die Hoffnungsträger-Stiftung gegründet. Jetzt gibt es in Öhringen 3 Häuser, in denen je zur Hälfte Einheimische mit Geflüchteten leben. Für das Projekt gab es deutlich mehr Interessenten als Wohnungen.

Rainer Dorsch (Zweiter von links) und seine Frau Michaela (rechts) haben Spaß beim gemeinsamen Spiel mit Bewohnern und Mitarbeitern.
Fotos: Tscherwitschke
Rainer Dorsch (Zweiter von links) und seine Frau Michaela (rechts) haben Spaß beim gemeinsamen Spiel mit Bewohnern und Mitarbeitern. Fotos: Tscherwitschke  Foto: Tscherwitschke, Yvonne

Bunte Fahrräder stehen in den Holzhütten. Auf den Balkonen stehen Möbel, blühen Blumen. In einigen Räumen brennt an diesem trüben Montag Licht. Vor den Häusern treffen sich Menschen zum Spielen und Reden. Die ersten Bewohner sind in die drei Hoffnungshäuser auf der Öhringer Kuhallmand eingezogen. Und auch wenn noch nicht alle Kisten ausgepackt sind: "Es lebt sich schon ganz gut hier", sind Rainer und Michaela Dorsch mit Esther Kobusingye einer Meinung.

Drei Hoffnungshäuser in Innenstadtnähe

Rainer (48) und Michaela (44) Dorsch sind die Standortleitung der Öhringer Hoffnungshäuser. Sie haben am 1. Juli die erste der insgesamt 20 Wohnungen im mittleren der drei Hoffnungshäuser bezogen. Ab da ging es Schlag auf Schlag. "Wir waren nur die erste Woche alleine, schnell kam dann die zweite Familie", erklärt Rainer Dorsch. Natürlich gingen da die Handwerker noch ein und aus. Die Landschaftsgärtner haben noch zu tun.

 


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Je zur Hälfte Einheimische und Geflüchtete

Seit mit der Familie Dorsch im Juli die Standortleitung eingezogen ist, füllen sich die 19 Wohnungen in den drei Häusern je zur Hälfte mit Einheimischen und Geflüchteten.
Seit mit der Familie Dorsch im Juli die Standortleitung eingezogen ist, füllen sich die 19 Wohnungen in den drei Häusern je zur Hälfte mit Einheimischen und Geflüchteten.  Foto: Tscherwitschke, Yvonne

Aktuell sind elf Wohnungen bezogen. Auch die Bewohner der restlichen acht Wohnungen stehen schon fest. Eine Wohnung wird für gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt. "Es gab deutlich mehr Interessenten als Wohnungen", erklärt Stefanie Köppl-Rau von der Hoffnungsträger-Stiftung. Da das Konzept vorsieht, dass die Wohnungen je zur Hälfte mit Einheimischen und Geflüchteten bezogen werden sollen, führten Rainer und Michaela Dorsch viele Gespräche mit Bewerbern. Es habe einem Puzzle geähnelt, sagt Michaela Dorsch. Sowohl der Mix der Nationalitäten wie auch der Altersstruktur habe bei der Auswahl eine Rolle gespielt. Oft habe das Herz entschieden. "Wir haben schnell gemerkt, wer die Hilfe, die hier geboten wird, mehr braucht oder auch mehr annehmen kann", formuliert es Rainer Dorsch, der Priester der Süddeutschen Gemeinschaft war.

Erfahrungen weitergeben

Über die Süddeutsche kam auch der Kontakt zu Esther Kobusingye zustande. 2018 ist die junge Mutter mit ihrem Mann aus Uganda nach Öhringen gekommen, nun gehören auch zwei kleine Kinder zur Familie. Sie hat bei einer Aktionswoche der Süddeutschen Gemeinschaft von den Hoffnungshäusern gehört und sich gedacht, dass sie sich da gern engagieren würde. "Um anderen Frauen Mut zu machen, ihnen zu sagen, dass man sich einbringen, die Sprache lernen und offen sein muss", erklärt sie. Als Michaela Dorsch ihr vorschlug, mit ihrer Familie in die Hoffnungshäuser zu ziehen, "hatten zwei Menschen den gleichen Gedanken", erinnert sich Michaela Dorsch. Jetzt ist Esther eine der Ehrenamtlichen und Teil der Aufnahmegemeinschaft. Sie leitet den Mutter-Kind-Spielkreis im Haus und gibt so ihre Erfahrungen weiter.

 


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Gute Mischung

Aus Deutschland, Uganda, Nigeria und Paraguay kommen die Ehrenamtlichen. Aus der Ukraine, Afghanistan, Syrien und Algerien die Geflüchteten. Das jüngste Kind ist drei Monate alt. Der älteste Bewohner ist Rainer Dorsch mit seinen 48 Jahren. Er berichtet von einem der schönen Erlebnisse der vergangenen Wochen: Er habe mit einem jungen Geflüchteten eine Runde Mölkky gespielt. Dazu braucht man nicht viele Worte. Der junge Mann habe sich so sehr über das gemeinsame Spiel und seinen Sieg gefreut, dass er seither wie ausgewechselt sei. Und auch Michaela Dorsch berichtet von einem schönen Moment: Als ihre Teenager-Tochter und ein anderes Mädchen, das ebenfalls gerne backe, für alle Hausbewohner Muffins gemacht und sie verteilt haben.

Fremde werden zu Freunden

Die Muffins waren mit dem Motto versehen "Wo Fremde in kurzer Zeit zu Freunden werden". Und genau das passiere derzeit in den drei Häusern: Man lerne sich kennen, wachse zusammen. Bei organisierten Begegnungsabenden, aber auch ganz zwanglos beim Spielen der Kinder, beim Teilen von Essen und Trinken. "Viele der Geflüchteten mussten ihre Familien zurücklassen. Wir verstehen uns hier als Dorf, als erweiterte Familie", erklärt Rainer Dorsch.

 


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Die Stiftung

Vor zehn Jahren wurde die Hoffnungsträger-Stiftung von Tobias Merckle gegründet. Seither sind in zehn Kommunen 32 Häuser für 735 Bewohner entstanden, darunter in Sinsheim und Schwäbisch Gmünd. Das Konzept sieht vor, dass die Häuser zu gleichen Teilen an Einheimische und Geflüchtete vergeben werden und so Integration durch gelebtes Miteinander gelingt. Neben der Standortleitung gibt es eine halbe Stelle Sozialarbeit. Vor allem sollen sich die Bewohner gegenseitig unterstützen. Die Hoffnungshäuser leben von der Mitarbeit der Ehrenamtlichen und von Spenden.

 
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