Die CD wird verschwinden, Vinyl wird bleiben
Die gute, alte Schallplatte erlebt einen ungeahnten Boom. Eine Heilbronner Plattenhändlerin und ein Künzelsauer DJ sprechen über ihre Liebe zum Vinyl.

Der Liebhaber erklärt es so: "Es gibt nichts Schöneres, als das Knistern einer Platte zu hören", sagt der Künzelsauer DJ Bott. Er könnte natürlich auch vom wärmeren Klang gegenüber einer CD schwärmen, vom Cover, das ganz anders zur Geltung kommt, vom haptischen Erlebnis, eine Schallplatte aus der Hülle zu ziehen, aufzulegen und nach nur knapp 20 Minuten schon wieder umdrehen zu dürfen. Das machen nicht nur Nostalgiker. "Was mich arg freut", sagt Gabi Hartmann, Chefin des "Plattenladens" in der Heilbronner Herbststraße, "es sind immer mehr jüngere Menschen unter den Plattenkäufern."
Zahlen lügen nicht
Der Vinyl-Boom lässt sich statistisch leicht belegen. 1982 hatte die CD ihren Siegeszug angetreten, 1986 hatte sie die guten, alten LPs erstmals bei den Verkäufen überholt. Heute, im Streaming-Zeitalter, geht die Geschichte längst wieder in die andere Richtung: Schon 2018 war die CD als das dominierende Musikformat in Deutschland abgelöst worden. 2020 haben die Silberlinge nach Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie einen Umsatzeinbruch von fast 18 Prozent verkraften müssen. Das schwarze Gold hat dagegen ein deutliches Plus von 24,7 Prozent verzeichnet - mit einem Gesamtmarktanteil von 5,5 Prozent bleiben Platten ein Nischenprodukt, allerdings mit stark steigender Tendenz. Wurden 2011 noch 700.000 LPs verkauft, waren es 2020 stolze 4,2 Millionen, und damit 800.000 mehr als im Jahr zuvor.

Platten auflegen ist anstrengende Arbeit
Bei besonderen Veranstaltungen legt DJ Bott heutzutage wieder Schallplatten auf, "auch wenn es körperlich und geistig noch mal eine anstrengendere Arbeit ist". Da sei das Knistern einer Platte "schon etwas Besonderes und daher eine ganz eigene Art". Trotzdem sei man als DJ "durch MP3 natürlich deutlich flexibler". CDs allerdings seien in seinem Metier "ganz ausgestorben".
Früher gab es die "Männerdomäne Vinyl"
"Es hat alles seine Berechtigung", sieht Gabi Hartmann den Vergleich zwischen Vinyl, CD und Streaming gelassen. "Die CD wird verschwinden", meint sie trotzdem, "Vinyl wird bleiben." Zumal es eben nicht nur die älteren Liebhaber sind, die es in ihren Laden auf der Suche nach dem Ersatz für die zerkratzte Pink-Floyd-Scheibe von 1973 zieht, sondern längst ganz unterschiedliche Musikfans. "Früher war man sogar als Frau ein Exot", erinnert sich Gabi Hartmann an die "Männerdomäne Vinyl". Das habe sich gravierend verändert, das Publikum sei weiblicher und jünger geworden. "Am Anfang habe ich gedacht, das ist ein Hype, aber dann ist das so geblieben", sagt sie.
"Musik macht so vieles mit uns"

1990 hat Hartmann den Plattenladen von ihrem Bruder übernommen, damals noch in der Sülmer City, heute führt sie ihn am Bismarckpark. "Musik ist meine Welt", sagt sie, "das ist etwas Tolles, das macht so vieles mit uns, es tut der Seele gut." Was ihre eigene Sammlung angeht, hat sie gelernt, sich zu zügeln. "Die war schon zehnmal so groß wie heute, aber im Lauf der Jahre habe ich das immer mehr eingeschränkt." Schließlich komme sie außer im Geschäft kaum mehr zum Hören, "und wenn ich davon leben will, muss ich sie in den Laden stellen". Der Großteil ihrer Ware ist dann auch Second-Hand. Obwohl heute praktisch alles wieder auf Vinyl erscheint, lohnt sich der Verkauf von Neuware weniger für sie.
Die Lockdowns waren eine Katastrophe
Zumal die Corona-Pandemie auch im Plattenladen ihre Spuren hinterlassen hat. "Die Leute wurden gezwungen, ins Internet zu gehen", die Lockdowns seien "eine Katastrophe" gewesen. "Ich hoffe, dass sich das wieder verändert und die Städte nicht veröden", sagt Gabi Hartmann. Derzeit sei das Geschäft noch lange nicht auf Vor-Corona-Niveau: "Mal ist es super, aber am nächsten Tag sieht es dann ganz anders aus."
Limitiertes Vinyl für Liebhaber
DJ Bott, der beim Weekend-Festival von 27. bis 29. August in Künzelsau zu sehen und hören ist, hat seine eigenen Songs bisher nur als Stream oder Download veröffentlicht. Sein erstes Album, das 2022 rauskommt, wird aber limitiert auf 500 Vinylscheiben gepresst. "Das ist dann etwas für die Liebhaber", sagt er. Und: "Ich selbst behalte natürlich auch eine, denn so etwas kann man seinen Kindern irgendwann einmal zeigen und sagen: Schau mal, das hat der Papa gemacht." Ohnehin gilt für den DJ: "Unterwegs wird natürlich gestreamt, daheim läuft alles aber nur auf Platte."
Der Experte
Bär Lasker, Manager der Fantastischen Vier, sagt zum Vinyl-Boom: "Finde ich großartig. Das ist eine tolle Entwicklung. Was wäre Wish You Where Here von Pink Floyd, wenn man die Platte nicht durchgehört hätte. Vinyl macht einfach Spaß. Ich hab mir eben zwei John-Mayer-Platten bestellt. In meiner Wohnung habe ich 13.000 Vinyls stehen. Es ist der letzte Tonträger, der Sinn macht. Man hat das haptische Gefühl, das Ding klingt super. Und es geht nicht kaputt. Mittlerweile zahlt man, ohne mit der Wimper zu zucken, zwischen 25 und 30 Euro für eine Platte. Es bleibt aber ein Nischenmarkt.



Stimme.de
Kommentare