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Großkläranlage in Künzelsau: Bürgerinitiative enttäuscht über Standort-Entscheidung

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Kritiker des Kläranlagen-Standorts in der Kocheraue zwischen Nagelsberg und Ingelfingen wollen Votum des Gemeinderats akzeptieren. Wie es jetzt mit dem Projekt im Kochertal weitergeht.

Die Visualisierung der BIT Ingenieure aus Blickrichtung Nord-Osten zeigt, wie die geplante Großkläranlage in der Kocheraue in etwa aussehen könnte. Rechts im Bild beginnt Ingelfingen.
Die Visualisierung der BIT Ingenieure aus Blickrichtung Nord-Osten zeigt, wie die geplante Großkläranlage in der Kocheraue in etwa aussehen könnte. Rechts im Bild beginnt Ingelfingen.  Foto: privat

Der Künzelsauer Stadtrat Boris D’Angelo nannte es eine „Jahrhundertentscheidung“: die Entscheidung über die gemeinsame Großkläranlage von Künzelsau, Ingelfingen, Kupferzell und Waldenburg. Mit einer Kostenschätzung von 113 Millionen Euro und einer voraussichtlichen Betriebsdauer von rund 100 Jahren dürfte das wohl nicht übertrieben formuliert sein. Nun hat der Gemeinderat diese Entscheidung getroffen.

Die Anlage soll in der Kocheraue zwischen Nagelsberg und Ingelfingen entstehen. Ein Standort, an dem es immer wieder Kritik aus der Bevölkerung gab und über den sich die Bürgerinitiative Kocheraue (BI) gründete.

Enttäuschung über Standort-Entscheidung für Großkläranlage in Künzelsau

Entsprechend enttäuscht zeigt sich Erhard Kretschmer von der BI am Tag nach der Entscheidung. Auch wenn „letztendlich damit zu rechnen war“, wie er gegenüber der Redaktion mitteilt. Besonders enttäuschend empfinde er, dass die Kosten nicht ausreichend geklärt seien, gerade was den notwendigen Hochwasserschutz betreffe, und dass eine neue Brücke über den Kanal nötig werde, die für Schwerlastverkehr geeignet sein müsse. Beides komme auf die bisherige Kostenschätzung noch obendrauf.

Auch darüber, dass einige der bereits bestehenden, sanierungsbedürftigen Kläranlagen im Grunde als Pumpwerke weiterbetrieben werden müssten und nicht, wie viele Bürger denken, abgebaut werden, rede bislang keiner, kritisiert er. Dennoch, so Kretschmer, „werden wir von Seiten der BI die demokratische Entscheidung des Gemeinderats akzeptieren“. Nicht alle, aber einige im Gremium hätten sich aus seiner Sicht durchaus bemüht, sich Gedanken gemacht und reingearbeitet in die Materie. Auf die Frage, ob er und seine Mitstreiter über ein Bürgerbegehren nachgedacht hätten, schüttelt er den Kopf: Er halte es für aussichtslos, die notwendigen Unterschriften zusammenzubekommen. 

Standort-Kritiker sind skeptisch: Werden Alternativen für Großkläranlage ernsthaft geprüft?

Dass die Planer auf Druck der BI hin alternative Standorte betrachtet haben, wertet Kretschmer nicht gänzlich als Erfolg. Denn: Er habe den Eindruck gehabt, dass die Alternativen nicht ernsthaft geprüft und in Betracht gezogen wurden. Der Abwasserzweckverband Hohenlohe-Kochertal (AZV) habe von Anfang an den Standort Kocheraue festgelegt und nur auf diesem eine ausführliche Prüfung und Planung beauftragt. Eine größere Anzahl an Standorten  derart zu prüfen, hätte jedoch laut Verwaltung zu hohen Planungskosten geführt und sei nicht möglich gewesen. Das hatte Bürgermeister Stefan Neumann immer wieder betont.


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Dennoch hat der AZV Geld in die Hand genommen und die Planungsbüros beauftragt, Standort-Alternativen zumindest grundsätzlich in Augenschein zu nehmen. Unterm Strich jedoch überwogen in den Vergleichstabellen immer die Vorteile der Kocheraue. Das führte letztlich dazu, dass der Gemeinderat mehrheitlich dem Standort zustimmte. 

Noch nicht endgültig: Entscheidung über Kläranlagen-Standort muss bestätigt werden

Endgültig ist das Ganze mit dem Beschluss des Künzelsauer Gemeinderats rein formell noch nicht, denn das Ingelfinger Votum steht noch aus. Außerdem muss der AZV in seiner Versammlung final abstimmen. Da die Mitglieder der Versammlung jedoch per Beschluss beauftragt sind, im Sinne der jeweiligen Gemeinderatsentscheidungen abzustimmen, dürfte diese Sitzung eine reine Formalie sein.

Kläranlage wird kleiner, aber teurer

Nicht nur über den Standort der Großkläranlage hat der Künzelsauer Gemeinderat in jüngster Sitzung abgestimmt. Entschieden wurde auch über das künftige Reinigungsverfahren. Die konventionelle, sogenannte Kaskaden-Denitrifikation und das Membranbiologie-Verfahren (MBR) wurden dabei gegenübergestellt. Obwohl das konventionelle Verfahren bei den Investitionskosten 1,5 Millionen Euro günstiger ist und auch bei den Jahreskosten acht Prozent einspart, haben sich die Stadträte für das neuere Verfahren entschieden.

Die Vorteile, die die Ingenieure aufzeigten, waren unter anderem eine bessere Reinigungsleistung. Auch verringert sich der Flächenverbrauch für das Gesamtbauwerk um rund zwei Hektar. Dadurch werden der vorbeiführende Radweg und die benachbarten Kleingärten nicht tangiert. Der Eingriff in Sachen Naturschutz reduziert sich um 900 Quadratmeter, die Auswirkungen im Falle eines Hochwassers seien geringer, die Betriebssicherheit der Anlage wiederum sei insgesamt höher. Eine Abfrage beim Regierungspräsidium hatte zudem ergeben, dass Zuschüsse damit nicht gefährdet werden. 

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