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Kritik an Standort
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Bau der umstrittenen Großkläranlage im Kochertal bei Künzelsau könnte 2027 starten

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Der Standort war und ist höchst umstritten, nun scheint es in Sachen Großkläranlage von Künzelsau, Ingelfingen, Kupferzell und Waldenburg aber voranzugehen. Ein Rück- und Ausblick.


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Vier Kommunen, ein gemeinsames Projekt und ein umstrittener Standort: Ein Rück- und Ausblick auf die geplante Großkläranlage von Künzelsau, Ingelfingen, Kupferzell und Waldenburg.

Warum überhaupt eine gemeinsame Kläranlage im Kochertal bei Künzelsau?

Seit 2009 fördert das Land Baden-Württemberg die Sanierung bestehender Kläranlagen nicht mehr oder nur in Ausnahmefällen. Stattdessen wird der Bau größerer, interkommunaler Einheiten durch entsprechende Zuschüsse forciert. Ziel ist, die Wirtschaftlichkeit der Anlagen zu verbessern, den Gebührenanstieg zu drosseln sowie Flüsse und Seen sauberer zu machen. Denn die Reinigungsleistung kleiner und vielfach veralteter Klärwerke lässt zu wünschen übrig. Und der Sanierungsdruck durch ältere Anlagen in den Kommunen steigt stetig.

Manche werden bereits mit einer Ausnahmegenehmigung betrieben, müssten also dringend überholt werden. Somit bleibt die Wahl zwischen einer selbstfinanzierten Sanierung oder einer geförderten großen Lösung. Hinzu kommt, dass Kläranlagen perspektivisch eine sogenannte vierte Reinigungsstufe haben müssen. Diese kann auch Spurenstoffe aus dem Wasser filtern, die dem Ökosystem schaden – wie etwa Rückstände von Arzneimitteln.

Wie kam das Projekt einer gemeinsamen Kläranlage im Kochertal zustande?

Genau genommen gehen die Überlegungen einer gemeinsamen Großkläranlage im Kochertal schon mehr als 20 Jahre zurück. Anfang der 2000er gab es erste Bestrebungen für ein solches Projekt von Künzelsau bis Forchtenberg. Das zerschlug sich 2007 (siehe Infobox unten). Einen weiteren Anlauf in gleicher Zusammensetzung gab es rund zehn Jahre später.

Die Visualisierung der Ingenieure zeigt, wie die geplante Großkläranlage aus Blickrichtung Nagelsberg in etwa aussehen könnte.
Die Visualisierung der Ingenieure zeigt, wie die geplante Großkläranlage aus Blickrichtung Nagelsberg in etwa aussehen könnte.  Foto: privat

Er scheiterte 2021, als Niedernhall, Weißbach und Forchtenberg sich aus dem Projekt verabschiedeten, um eine eigene, kleinere Lösung für sich zu verwirklichen. Hierfür hat im September der Bau in Forchtenberg begonnen. Künzelsau und Ingelfingen wiederum taten sich zusammen und fanden schließlich mit Kupferzell einen weiteren Mitstreiter. Während sich Waldenburg 2022 noch dagegen entschieden hatte, dem Trio beizutreten, änderte man 2023 dann doch den Kurs und schloss sich dem Abwasserzweckverband Hohenlohe-Kochertal an.

Wie muss man sich das ganze Vorhaben in etwa vorstellen?

Ein Strukturgutachten hat die Kocheraue bei Nagelsberg als wirtschaftlichsten Standort für die Anlage ausgemacht. Das ist insofern von Bedeutung, weil nur die wirtschaftlichste Lösung auch Zuschüsse bekommt. Insgesamt zehn Kläranlagen sollen dort zusammengelegt werden. Die neue Großkläranlage soll letztlich das Abwasser in einer Größenordnung von 70.000 Haushalten klären können.

Das bedeutet nicht, dass im Einzugsgebiet so viele Menschen leben müssen, denn auch das Abwasser von Unternehmen zählt dazu. Die alten Anlagen sollen zu Pumpwerken umgebaut werden, sie verschwinden also mehrheitlich nicht. Neben der Kläranlage selbst müssen auch die Leitungstrassen gebaut werden.

Hauptkritikpunkte der Bürgerinitiative gegen Standort in der Kocheraue

Neben den Befürchtungen, dass die Anwohner Lärm- und Geruchsbelästigungen ausgesetzt werden, steht etwa der Hochwasserschutz im Fokus der Bürgerinitiative (BI). Denn die geplante Anlage liegt im Überflutungsgebiet. Auch Naturschutzbelange in Sachen Biotope und Gewässerökologie, die noch von den Naturschutzbehörden zu prüfen sind, werden angeführt.


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Eine Naherholungsfläche für die Menschen falle durch die große Industrieanlage ebenso weg. Eine von der BI ins Feld geführte Brücke für den Schwerlastverkehr, die erst noch gebaut werden müsste, scheint indes vom Tisch. Die Brücke am Elektrizitätswerk der EnBW soll dafür genutzt werden können. Weiter warf man den Verantwortlichen vor, alternative Standorte entweder gar nicht oder nicht ernsthaft geprüft und in Erwägung gezogen zu haben.

Wie hoch sind die Kosten für die Großkläranlage im Kochertal bei Künzelsau?

Aktuell liegt die Kostenschätzung für den Bau der Anlage, die Pumpwerke und Leitungstrassen bei rund 113 Millionen Euro, fast doppelt so hoch wie ursprünglich angenommen. Nicht inbegriffen sind unter anderem Kosten für den Hochwasserschutz sowie ein sogenannter Retentionsausgleich.

Es wird also eine Ersatzfläche benötigt, auf der der Fluss sich im Hochwasserfall ausbreiten kann. Auch etwaige Naturschutzmaßnahmen kommen on top. Für die Kommunen gibt es derweil noch weitere Investitionen zu tätigen. Bis alles fertig ist, müssen sie ihre alte Infrastruktur instandhalten. So musste etwa Kupferzell 2022 mehr als eine Million Euro in seine Abwassertechnik stecken.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Zuschussantrag für den ersten Abschnitt wurde am 1. Oktober beim Regierungspräsidium Stuttgart eingereicht, erklärt die Stadt Künzelsau auf Nachfrage unserer Redaktion. Parallel dazu habe man den sogenannten Wasserrechtsantrag beim Landratsamt eingereicht. „Beide Anträge befinden sich derzeit in Prüfung. Mit einer Bewilligung wird im Frühjahr 2026 gerechnet“, heißt es aus dem Rathaus.

„Die Ingenieurbüros arbeiten an der in Teilen bereits begonnenen Ausführungsplanung, die auch bis Mitte 2026 fertig werden soll.“ Anschließend gehe es ins Vergabeverfahren. Im besten Fall sei Mitte 2027 mit dem Baubeginn zu rechnen. Wie lange das Bauvorhaben insgesamt dauert, bleibt offen. Ursprünglich hatte man das Jahr 2031 anvisiert.

Erster Anlauf

Ein erster Anlauf für eine Großkläranlage von Künzelsau bis Forchtenberg ist 2007 gescheitert. Damals hieß es etwa aus Ingelfingen: „Unsere Kläranlagen sind auf dem neuesten Stand. Sie sind immer wieder den Anforderungen angepasst worden.“ Auch in Weißbach sah man damals noch „keinen Handlungsbedarf“. Eine Gemeinschaftskläranlage, etwa in Forchtenberg, hätte „für unsere Bürger eine höhere Gebühr bedeutet und keine bessere Klärleistung“, lautete das Statement Niedernhalls. Und auch in Forchtenberg war man „nicht traurig“. Lediglich die Kreisstadt schien damals an einer großen Lösung interessiert. 

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