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„Tal der Anschlusslosen“

Funkloch in Eberbach: Ärger bei Gewerbetreibenden, Skepsis bei Bevölkerung

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Vodafone hat einen Funkmast für Eberbach versprochen. Gewerbetreibende wie Elektroniker und Versicherungsvertreter müssen sich weiter behelfen. Wie die Bevölkerung mit dem Funkloch umgeht und was sie nun erwarten.

Jürgen Prümmer hat schon vor vielen Jahren dieses Schild zum 1. Mai an das Ortsschild gehängt. Viel getan hat sich - zumindest in Sachen Handyempfang - nichts. Festnetz und Internet ist besser als an vielen anderen Orten. Mit Ortsvorsteherin Monika Baumann hält er das Schild hoch
Jürgen Prümmer hat schon vor vielen Jahren dieses Schild zum 1. Mai an das Ortsschild gehängt. Viel getan hat sich - zumindest in Sachen Handyempfang - nichts. Festnetz und Internet ist besser als an vielen anderen Orten. Mit Ortsvorsteherin Monika Baumann hält er das Schild hoch  Foto: Götz Greiner

Marianne Koch hat keinen Festnetzanschluss. Eigentlich ist das nichts Besonderes heutzutage, da alle Kommunikation über das Smartphone möglich ist. Allerdings gibt es wo sie wohnt keinen Handyempfang: In Eberbach. „Wenn es gutes Wetter ist, kann ich im oberen Geschoss in meinem Haus telefonieren“, sagt Koch. Sie hat sich ihre Orte außerhalb des Dorfs gesucht, an denen sie mit ihrem Handy telefonieren kann. 

Wenn die Eberbacher ihre Nachbarin Marianne Koch also kurz vor Buchenbach mit ihrem Auto stehen sehen, ist das für sie ein gewohnter Anblick – sie ist zum Telefonieren gefahren. Überhaupt haben sich die Bewohner des Mulfinger Teilorts mit dem Funkloch zwischen ihren Ortsschildern arrangiert. Immerhin gibt es inzwischen in der Ortsmitte ein freies WLAN, das eine Stuttgarter Familie in ihrem Wochenendhaus eingerichtet hat – so ist zumindest ein Hauch der Mobilität zu spüren, die Mobilfunk mit sich bringt. 

Funkloch in Eberbach: Für Gewerbetreibende ärgerlich

Für Gewerbetreibende ist der schlechte Empfang ärgerlich. „Du kriegst halt immer wieder Ärger mit den Kunden“, sagt Bernd Rappold. Er und seine Mitarbeiter schalten eine Rufumleitung ein, damit das Telefon in der Werkstatt klingelt, wenn ihre Handys nicht zu erreichen sind. „Aber wenn da keiner da ist, klingelt es durch.“ Die Firma Rappold betreut zum Beispiel mehrere Aldi-Filialen. „Wenn da ein Stromausfall ist, ist das schlecht, wenn ich keinen Empfang habe.“ Rappold hat sich damit abgefunden und sieht es mit leicht verzweifeltem Humor: „Man hat dann halt auch seine Ruhe. Das ist auch nicht schlecht.“

Uli Marquardt ist ein weiterer Elektrotechniker im knapp 190-Einwohner-Ort. „Wenn ich bei einem Kunden im Ort bin, kann ich halt nicht schnell etwas nachbestellen“, sagt er. Das verschiebe sich in den Abend – und müsse per Mail passieren, weil bei den Großhändlern um 16 Uhr Feierabend sei. „Das ist ein Wettbewerbsnachteil.“

Skepsis, ob angekündigter Funkmast tatsächlich in zwei bis drei Jahren kommt

In zwei bis drei Jahren könnte der versprochene Funkmast stehen, „wenn alles glatt geht“, sagt ein Sprecher von Vodafone. „Das ist höchste Zeit“, sagt Jürgen Prümmer, der eine Versicherungsagentur und einen Getränkehandel betreibt. Er traut dem Ganzen aber nicht. Im Regal in seinem Büro liegt ein Stapel mit Zeitungsartikeln bereit, der die lange Geschichte des mangelnden Fest- und Mobilnetzes in Eberbach dokumentiert. Angefangen habe das mit einem Schild, das er einmal zum 1. Mai an das Eberbacher Ortsschild gehängt habe: „Sie möchten Ruhe?“, steht dort die Frage. Eberbach biete weder Festnetzanschlüsse, Mobilfunk noch Internet. „Hier ist es ruhig!“ Dass Vodafone jetzt den Bau beschlossen habe, liege an der Berichterstattung, schätzt er. „Die wollen, dass es ruhig wird.“ 

Früher: Nur eine begrenzte Zahl an Festnetzanschlüssen

Die Möglichkeiten zur Telekommunikation waren aber auch schon schlimmer: Es ist noch keine zehn Jahre her, da war in Eberbach das Kontingent an Festnetzanschlüssen erschöpft. Jeder neue Einwohner musste abwarten, bis in einem anderen Haus ein Anschluss abgemeldet wurde. Seit dieser Zeit bezeichnen die Eberbacher ihr Fleckchen Erde als „Tal der Anschlusslosen“. Damals hat zum Beispiel die Tochter einer Eberbacher Familie neu gebaut. „Sie hat dann das Telefon ihrer Eltern genutzt“, erzählt Ortsvorsteherin Monika Baumann. „Sonst wäre sie nicht hergezogen.“

Glasfaser-Kabel haben die Situation etwas entspannt

„Dadurch, dass jetzt das Breitband da ist, ist die Situation entspannter“, sagt Baumann. Lange gab es in Eberbach nur Kupferkabel, die kein schnelles Internet zuließen. Dann hat Mulfingen als erste Gemeinde im Hohenlohekreis den Glasfaserausbau abgeschlossen: Jeder Eigentümer hatte die Möglichkeit, sein Haus kostenlos ans Glasfasernetz anzuschließen. Allerdings, in einer Flüchtlingsunterkunft der Gemeinde im Ort scheint es kein Internet zu geben. Dort wohnt eine Familie, die aus Afghanistan stammt. „Die Kinder sitzen bis in der Nacht in der Ortsmitte und machen ihre Hausaufgaben“, erzählt Uli Marquardt, dessen Werkstatt direkt in der Nähe. Die Jugendlichen bräuchten Internet für die Schularbeit. „Auch in der Kälte.“

Marianne Koch hat sich schon vor langer Zeit gegen den Festnetzanschluss entschieden. „Ich habe halt gedacht, das geht schneller mit dem Handyempfang.“ Weil sie viel unterwegs sei, hält sie ihn auch weiterhin nicht für nötig. Sie hat sich mit ihren Fahrten zum Telefonieren abgefunden. Zwei bis drei Jahre lang wird sie die auf jeden Fall noch unternehmen müssen.

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