Heilbronner Professorin Finkbeiner: "Bildung und Erziehung der Jüngsten ist die wichtigste Phase"
Professorin Claudia Finkbeiner spricht im Stimme-Interview über den Lehrermangel und Probleme an den Schulen. Sie sagt: "Wir haben die größte Bildungskrise seit langem" – und nennt Lösungsvorschläge.

Die Heilbronnerin Claudia Finkbeiner ist Professorin an der Universität Kassel. Als Leiterin der Fremdsprachenlehr- und Lernforschung und interkulturellen Kommunikation bildet sie dort am Institut für Anglistik und Amerikanistik Lehrer aus. Sie hat jahrelang an Realschulen in der Region unterrichtet.
Über die ihrer Meinung nach "größte Bildungskrise seit langem" und was dagegen helfen würde, spricht sie im Stimme-Interview.
Verhaltensauffälligkeiten, mehr psychisch kranke Kinder, Flüchtlinge ohne Sprachkenntnisse: Sind Sie froh, nicht mehr zu unterrichten?
Claudia Finkbeiner: Gar nicht! Ich hab nie einen Praxisschock erlitten, war 14 Jahre Lehrerin und habe meinen Beruf geliebt. Jetzt habe ich jedoch eine viel höhere Multiplikation, und darüber bin ich froh, weil ich so mehr erreiche. Ich habe bis zu 1000 künftige Lehrer in meiner Fachabteilung. In Hessen gibt es fast keine Englischlehrkraft, die nicht bei mir studiert hat.
Aber klar, an der Schule zu unterrichten, reizt mich noch. Ich habe das Gefühl, ich könnte hier einen großen Beitrag leisten, eher beim Oberschulamt, über Lehrerfortbildungen, Beratungen, um meine Expertise einzubringen. Besonders, weil ich auch sehr viel Auslandserfahrung habe.
"Wir haben die größte Bildungskrise seit langem", sagen Sie. Warum?
Finkbeiner: Wir haben eine veränderte Gesellschaft - aber komplett veraltete Strukturen. Wir reagieren nicht auf die veränderten Lebensbedingungen in den Familiengefügen mit vielen Alleinerziehenden oder auf soziokulturelle Veränderungen durch die hohe Zuwanderung.
Was würde helfen?
Finkbeiner: Eine Verbesserung wäre der verpflichtende Kindergartenbesuch ab vier Jahren oder möglichst noch früher. Dadurch könnten Kinder die Sprache besser lernen, was nicht nur Zugewanderte betrifft, sondern auch solche, die nicht genug Ansprache daheim haben. Vielen Eltern ist nicht bewusst, wie wichtig es ist, Kindern jeden Tag vorzulesen. Es wird zu wenig gesprochen, gelesen, gespielt. Sprach- und Lesekompetenz, das ist der Schlüssel für den Schulerfolg.
Was sind weitere Probleme?
Finkbeiner: Schulen müssen permanent Kinder integrieren, nicht nur am Schuljahresbeginn. Eine weitere Herausforderung: Kinder bewegen sich zu wenig. Wir haben ein Riesenproblem mit Übergewicht und Kindern, die nur noch sitzen und zu wenig Anreize haben. Wir dürfen keine Schwimmbäder und Sporthallen schließen, wir müssten mehr öffnen.
Darüber hinaus brauchen wir Ganztagesstrukturen, nicht nur im Primarbereich, auch bei den weiterführenden Schulen. Und zwar mit einem fundierten Bildungsangebot, welches Förder- und Forderangebote umfasst und somit zum Kompetenzerwerb und Kompetenzerleben aller Kinder und Jugendlichen beiträgt.
Was ist mit den Lehrern?
Finkbeiner: Es müssten weit mehr qualifiziert und eingestellt werden. Als ich 1981 mein Referendariat gemacht habe, musste ich erstmal mit Teilzeit anfangen. Ich hatte fünf Jahre eine 75-Prozent-Stelle.
Sie wollten aber eine ganze?
Finkbeiner: Ja natürlich! Ich habe damals schon Lehrer ausgebildet. Ich war voller Energie. Viele junge Kolleginnen, die ich kenne, haben auch nicht sofort eine Stelle gekriegt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch.
Ein riesen Problem ist derzeit der Lehrermangel. Wie kriegt man mehr Pädagogen an die Schulen?
Finkbeiner: Der Beruf ist hier im internationalen Vergleich zwar gut bezahlt. Trotzdem ist er für viele nicht mehr attraktiv. Das liegt zum einen daran, dass die Reputation besser sein könnte.
Zudem sind die Bedingungen schwieriger geworden, weil Lehrer sich zunehmend fremdbestimmt fühlen. Es kommen ständig neue Forderungen, mehr Aufgaben. Eltern greifen heute mehr in Bildungsprozesse ein, was sehr anstrengend werden kann, denn Lehrer kommen in einen größeren Rechtfertigungszwang als früher.
Das Chaos der Pandemie hat sicher zusätzlich dazu beigetragen, dass wir derzeit ein Rekrutierungsproblem haben.
Auch der psychosoziale Faktor spielt bei der Berufswahl eine Rolle. Wir haben eine starke Zunahme von psychosozialer Belastung, auch unter Studierenden. Und die bleibt im Lehrerberuf ja weiterhin hoch. Deshalb gibt es einen hohen Prozentsatz derer, die bereits vor Erreichen des Pensionsalters aus dem Beruf ausscheiden.
Haben Sie weitere Ideen für mehr Lehrer?
Finkbeiner: Ich finde, dass das Referendariat abgeschafft werden kann. Denkbar wäre es stattdessen, eine Probezeit einzuführen. In Deutschland gibt es durch die zweite Ausbildungsphase eine Verlängerung der Ausbildungszeit um zwei Jahre. Aber immer mehr angehende Lehrer wandern in die Schweiz oder in andere Länder aus, weil sie dort direkt nach dem Studium eingestellt werden. Dadurch verlieren wir viele gute Leute.
Darüber hinaus gibt es ein weiteres Problem: Eine Studierende kehrte zum Beispiel aus dem Auslandsstudienjahr in den USA zurück, und sie bekam erstmal einen Kulturschock. Unterstützt und gelobt zu werden, was sie in Amerika so genossen hat, diese Kultur ist uns in Deutschland fremd.
Können Quereinsteiger die Lücken schließen?
Finkbeiner: Ich sehe das kritisch. Wir dürfen nicht Parallelstrukturen aufbauen, die den Lehrerberuf unterminieren. Aber genau das tun wir gerade. Wir brauchen aber unbedingt eine qualifizierte Lehrerausbildung. Ehrlich gesagt ist mir eine qualifizierte Lehrkraft mit der Note ausreichend lieber als ein Quereinsteiger. Ich habe jetzt einen jungen Mann mit Migrationshintergrund zum Lehrerberuf motiviert. Er ist ein wichtiges Rollenmodell für die Jungen. Eine multikulturelle Gesellschaft braucht auch eine multikulturelle Lehrerschaft.
Wie können Kinder, die nicht Deutsch als Erstsprache haben, besser integriert werden?
Finkbeiner: Mehrsprachigkeitserziehung muss stärker in die Erzieher- und Lehrerausbildung integriert werden. Die Erzieherinnenausbildung sollte mit der Grundschullehrerausbildung gekoppelt sein. Ich finde es fantastisch, was Erzieherinnen leisten, und es wird Zeit, dass die Politik erkennt, dass die Bildung und Erziehung bei den Jüngsten die wichtigste Phase ist. Das Motto, je höher die Schulart, desto höher das Gehalt und desto geringer das Deputat, ist falsch.
Was ist mit den Deputaten? Als Ministerpräsident Winfried Kretschmann 2022 thematisierte, dass Lehrer eine Stunde mehr arbeiten sollten, gab es einen großen Aufschrei.
Finkbeiner: Die Strukturdebatte muss geführt werden, aber das kann man nicht von oben herab verordnen. Wenn die Lehrer mitgenommen werden, dann kann sehr viel erreicht werden.
Der Beruf geht ja weit über das Deputat hinaus. Lehrer werden eingebunden in Klassenfahrten, Schulfeste, Beratungsgespräche und Korrekturen.
Zudem finde ich, dass der Beamtenstatus überdacht werden sollte. Ich bin vielmehr für die Flexibilisierung der Altersgrenze, was Ein- und Ausstieg angeht.
Sie haben viel im Ausland gelehrt. Was könnten wir von anderen Bildungssystemen lernen?
Finkbeiner: In Singapur, Spanien oder Skandinavien investiert die Politik weit mehr massiv in frühkindliche Bildung spätestens ab drei Jahren. Ausbildung und Gehalt der Erzieherinnen sind angeglichen an das der Lehrer. Leistung ist unheimlich positiv belegt, während es bei uns eher sozial sanktioniert wird. Aber jedes Kind braucht Kompetenzerleben, sonst läuft etwas falsch.
Zur Person
Professorin Claudia Finkbeiner war 14 Jahre Lehrerin für Englisch und Sport etwa in Lauffen und an der Heilbronner Dammrealschule, Referendars-Mentorin und Ausbildungsbeauftragte am Staatlichen Seminar. Die Promotion, für die die heute 66-Jährige Stipendien erhielt, schloss sie mit Summa cum laude ab, erhielt weitere als Habilitandin am Graduiertenkolleg. Virtuelle Realität und KI sind Schwerpunkte ihrer Arbeit, oft in internationalen Kooperationen. Privat liebt sie Reisen und Sport.
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