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Heilbronn

Verbot für Tattoofarben wird nochmals verschärft: Wie eine Heilbronner Tätowiererin dazu steht

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Vor einem Jahr trat der erste Teil der Reach-Verordnung für Tattoofarben in Kraft, jetzt folgt das Verbot für zwei wichtige Pigmente. Einige Stoffe darin könnten krebserregend sein.

Sandra Magriplis betreibt in Neckargartach das Tattoo-Studio Pandaeffekt. Die reachkonformen blauen und grünen Farben hat sie bereits vorrätig.
Sandra Magriplis betreibt in Neckargartach das Tattoo-Studio Pandaeffekt. Die reachkonformen blauen und grünen Farben hat sie bereits vorrätig.  Foto: Hofmann, Elfi

Die Begriffe Phthaloblau und Phthalogrün lesen sich wie Stoffe aus einem Chemiebaukasten für aufstrebende Jungwissenschaftler, haben damit aber wenig zu tun. Denn bei den Zungenbrechern handelt es sich um die Farbpigmente königsblau und blaugrün, die Tätowierer seit Jahren bei ihren Kunden einsetzen. Und die ab dem 4. Januar offiziell verboten sind - zumindest innerhalb der EU.

Situation nicht mit 2022 vergleichbar

Zwei Farbpigmente hört sich im Vergleich zur Regulierung, die vor einem Jahr in Kraft trat, harmlos an. Damals standen viele der Künstler vor fast leeren Regalen, denn auch wenn alle wussten, was durch die sogenannte Reach-Verordnung auf sie zukommt: Die Hersteller boten nur nach und nach neue Farben an. Weit ins Jahr hinein waren vielerorts nur sogenannte Black-and-Grey-Tätowierungen möglich.

Begründet wird das Verbot von bestimmten Konservierungs- und Bindemitteln mit ihrer gesundheitsschädlichen Wirkung. Fest steht bisher allerdings lediglich, dass sich die Farben in den Lymphknoten ablagern - wahrscheinlich das ganze Leben lang. "Solche Dinge sind den meisten Kunden auch bewusst", sagt Sandra Magriplis.


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Die 37-Jährige ist Tätowiererin, hat ein eigenes Studio im Heilbronner Stadtteil Neckargartach. Und sie kann nachvollziehen, dass die Gesundheit an oberster Stelle steht. "Aber der Endverbraucher hat keine Wahl, er kann sich nicht selbst entscheiden, welche Farben er letztendlich im Körper hat." Magriplis vergleicht die Situation mit dem Konsum von Zigaretten, von denen man seit Jahrzehnten wisse, wie gefährlich sie sind. Ein Verbot gibt es in der EU bisher allerdings nicht, jedem steht es frei, zu rauchen und sich den damit verbundenen Gefahren auszusetzen.

Neue Farben sind verfügbar, aber wesentlich teurer

Im Gegensatz zu 2022 hat die Heilbronnerin bereits Ende Dezember einen Vorrat neuer, erlaubter Farben in ihrem Studio vorrätig. Die seien doppelt so teuer wie die bald nicht mehr konformen. "Und waren sofort vergriffen."

Die alten Fläschchen wird sie, egal wie voll sie noch sind, entsorgen müssen. Denn das Gesundheitsamt kontrolliert die Studios. Wer sich nicht an das Verbot hält und erwischt wird, der kann strafrechtlich oder wegen einer Ordnungswidrigkeit belangt werden. Im Detail heißt das eine Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren. Es reicht, die Flaschen im Studio zu lagern.

Grün und Blau sind auch in anderen Farben enthalten

Doch bei Sandra Magriplis und anderen Tätowierern landen nicht nur grüne und blaue Pigmente im Müll, auch viele andere Farben sind betroffen. "Grün und Blau sind auch in Braun, Violett oder Rot enthalten", erklärt die 37-Jährige. Sie geht davon aus, dass rund 70 Prozent der Palette entsorgt werden müssen. Je nach Größe kostet ein Fläschchen mindestens 20 Euro.

Für die Branche sind das nach den coronabedingten Schließungen weitere finanzielle Einschnitte. Denn nicht nur die Farben sind in den vergangenen Jahren teurer geworden, auch die Preise für die benötigten Hygieneartikel wie Handschuhe oder Desinfektionsmittel sind in die Höhe gegangen. Dazu kommt der Verdienstausfall. "Wir hatten insgesamt fast ein Jahr geschlossen", sagt Sandra Magriplis, die gemeinsam mit ihrem Mann in dem Studio arbeitet.

Entwickeln in der Haut ist noch nicht absehbar

Wie sich die neuen, vor einem Jahr auf den Markt gekommenen Farben in der Haut entwickeln, kann die Künstlerin noch nicht beurteilen. Im abgeheilten Zustand sehe das Ergebnis gut aus, sagt sie. "Das ist allerdings ein Prozess über Jahre." Für viele Künstler war genau das ein weiterer Stein des Anstoßes, denn sie bleiben ihren Marken meistens treu und wissen, wie sich die jeweiligen Farben in der Haut verändern.


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Einen Ansturm auf ihr Studio wie Ende 2021 habe es in diesem Jahr nicht gegeben. Damals wusste niemand, wie sich die Regulierung auswirkt und wann wieder bunt gestochen werden kann. "Wir haben in drei Schichten gearbeitet", erinnert sich Sandra Magriplis. Sie versucht positiv auf die Veränderungen zu schauen, denkt aber auch an ihre Kollegen: "Einige haben ihr Studio aufgegeben. Und das lag nicht nur an den vielen Lockdowns."

Pigmente finden sich in zwei Drittel aller Farben

Die EU-Regulierung trat Anfang 2022 in Kraft. Sie verbietet mehr als 4000 Substanzen in Tattoofarben. Ab dem 4. Januar sind nun die Pigmente PB15:3 sowie PG 7 verboten, die in zwei Dritteln aller Farben enthalten sind. Der Grund für das Verbot: Die enthaltenen Konservierungs- und Bindemittel könnten krebserregend sein. Außerdem reagieren einige Personen allergisch auf die Tätowierung. Auch die Farbablagerung in den Lymphknoten, die Schadstoffe aus dem Körper transportieren, wird kritisiert. Ihre Funktion soll allerdings nicht eingeschränkt sein.

 
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