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Heilbronner Richter spricht im Interview über schwindenden Respekt in der Gesellschaft

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Beim Billard in der 2. Bundesliga respektiert Frank Haberzettl jeden seiner Gegner. Respekt in der Gesellschaft und gegenüber dem Staat sieht er als Vorsitzender Richter am Landgericht Heilbronn hingegen zunehmend schwinden.

Für Frank Haberzettl ist Billard ein Sport, bei dem er vom Alltag abschalten kann.
Für Frank Haberzettl ist Billard ein Sport, bei dem er vom Alltag abschalten kann.  Foto: Berger, Mario

 

Frank Haberzettl wirkt. Der Zwei-Meter-Mann ist Abteilungsleiter Billard bei der TSG Heilbronn. Er spielt die Variante Dreiband in der 2. Bundesliga. Beim Billard respektiere er jeden seiner Gegner. Respekt in der Gesellschaft und gegenüber dem Staat sieht er hingegen zunehmend schwinden. Das erlebt er bei Prozessen, die er als Vorsitzende Richter am Landgericht Heilbronn leitet.

Sie waren Rechtsanwalt und sind Richter. Auf welcher Seite des Gerichtssaals fühlen Sie sich wohler?

Frank Haberzettl: Als Rechtsanwalt ist man Dienstleister. Es geht nicht darum, objektiv die richtige Seite zu vertreten. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich objektiv gemäß dem Recht entscheiden möchte, dem, der Recht hat, auch Recht geben zu wollen.

 

Ist Richter der beste Beruf der Welt?

Haberzettl: Das kann ich nicht sagen. Ich mache den Beruf mit Herzblut. Und ich kann ihn gut. Es steckt in meinem Wesen, die Wahrheit zu erforschen.

 


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Haben Sie Respekt vor der Aufgabe?

Haberzettl: Ich mache das fast 30 Jahren. Da stellen sich bestimmte Automatismen ein. Von daher würde ich Respekt so nicht mehr formulieren wollen. Gleichwohl ist mir die Bedeutung des Ganzen bewusst. Für die Betroffenen geht es um langjährige Freiheitsstrafen. Ob man das Respekt vor der Aufgabe nennt, kann ich nicht mehr sagen. Die Verantwortung ist mir klar.

 

 

Angenommen Sie wären derjenige, der auf der Anklagebank sitzt. Hätten Sie sich gerne als Richter?

Haberzettl: Das ist eine schwierige Frage. Ich will's mal so formulieren. Wenn ich tatsächlich unschuldig bin und es scheint so, dass alles gegen mich spricht, würde ich mir mich als Richter wünschen.

 

Und wenn Sie der Täter gewesen wären?

Haberzettl: Wenn ich mir erhoffe, eine möglichst geringe Strafe zu erhalten, dann bin ich eher der Falsche. Gerade bei Gewaltstraftaten finde ich nicht, dass der Staat mit moderaten Strafen reagieren sollte. Aus Sicht des Angeklagten bin ich - ich möchte nicht sagen ein Hardliner - aber jemand, der ein deutliches Urteil fällt.

 


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In einem Ihrer Prozesse ging es um einen Polizisten, der den Ausweis kontrollieren wollte und verletzt wurde. Lässt der Respekt nach?

Haberzettl: Der Respekt gegenüber staatlichen Organen geht zunehmend verloren, das hat der Fall gezeigt. Ein Polizeibeamter, der die simple Aufforderung stellt, den Ausweis zu zeigen, wird verletzt. Meine Reaktion als Staatsbürger wäre ein simples Zücken meines Ausweises gewesen.

 

Was sind die Gründe?

Haberzettl: Die Leute machen sich nicht klar, dass unsere Gesellschaft wir alle zusammen sind. Der Staat ist nichts Fremdes. Ein Funktionsträger, der eine Aufforderung an sie stellt, ist kein Fremder. Das ist die Gesellschaft, die möchte, dass sie sich ausweisen.

 

Und der Respekt innerhalb der Gesellschaft?

Haberzettl: Unsere Gesellschaft hat sich verändert, das hängt auch mit Migration zusammen. Das muss man ganz klar so sagen. Das Gewaltelement ist deutlich stärker in die Gesellschaft eingeflossen.

 

Stellen Sie das bei Ihren Prozessen fest?

Haberzettl: Ganz eindeutig. Natürlich, dieses Thema ist heikel. Die Herkunft eines Menschen darf keine Rolle spielen. Gleichwohl ist es so, dass wir mit vielen Menschen mit Migrationshintergrund zu tun haben. Deren Gewalterfahrungen und die Art, wie sie Gewalt selbst leben, unterscheidet sich deutlich von dem, was ich aus meiner Jugend in Deutschland kenne.

 

Lässt der Respekt im Gerichtssaal nach?

Haberzettl: Ich kann nur für mich sprechen. Vielleicht flöße ich aufgrund meiner Erscheinung und meines Alters mehr Respekt ein und man tritt mir nicht respektlos gegenüber. Beim Landgericht, wo ich arbeite, arbeiten durchweg erfahrene Vorsitzende, denen es wahrscheinlich ähnlich geht wie mir. Man billigt ihnen einen relativ großen Vorschuss an Respekt zu. Wie das bei jungen Kollegen beim Amtsgericht sein mag, das weiß ich nicht.

 

Sie leiten die Abteilung Billard der TSG Heilbronn. Ist Leiten eine Rolle, die Ihnen gefällt?

Haberzettl: Das unterscheidet sich völlig. Die polizeiliche Gewalt bei Gericht, die benötige ich, um meinen Beruf überhaupt ausüben zu können. Die Rolle als Abteilungsleiter gibt mir die Möglichkeit, Dinge in eine bestimmte positive Richtung zu bewegen. Das lohnt sich. Während wir hier sprechen, trainieren zwei der Topspieler Europas neben uns. Das ist einfach eine Entwicklung, die finde ich großartig und die unterstütze ich gerne im Rahmen meiner Tätigkeit.

 

Wie gelingt es Ihnen, Talente zu rekrutieren?

Haberzettl: Vor allem durch die Schaffung einer sportlich hochwertigen Atmosphäre. Das ist ein ganz entscheidender Faktor. Das gibt es nirgends in Deutschland. Die Snookerarena ist einmalig und auch der Grund, warum wir mittlerweile die größten Turniere in Heilbronn haben.

 

Was macht diese Snookerarena so einzigartig?

Haberzettl: Die vier Tische sind die besten Tische der Welt. Da kostet einer 13.000 Euro. Hinzu kommt das Ambiente, die Möglichkeit, sich entsprechend zu konzentrieren. Das Drumherum passt für Sportler. Wer hochklassig Billard spielen will, der ist hier richtig.

 

Wo gefällt es Ihnen besser: Als Vorsitzender Richter bei Gericht oder als Abteilungsleiter beim Billard?

Haberzettl: Billard ist für mich ein Ausgleich. Wenn ich den Stress, den ich beruflich habe, hier vorfinden würde, das würde ich nicht aushalten. Die Möglichkeit mit jungen Leuten was zu Gestalten und diese Art von Sport gleichen das aus.

 

Sie sagen, Billard hat ein bisschen ein ausgleichendes Element. Was gibt Ihnen der Sport denn noch?

Haberzettl: Ich bin ein ehrgeiziger Mensch und habe 25 Jahre lang Handball gespielt. Mit Mitte 30 ist da Schluss. Dann habe ich mich erinnert, dass ich früher gerne Billard gespielt habe. Und jetzt übe ich es ehrgeizig aus. Solange das eben noch geht. Ich spiele 2. Bundesliga. Das ist hochklassig, ich spiele auch Weltcupturniere. Und das ist eine gewisse Befriedigung nach wie vor, im Sport erfolgreich zu sein.

 

Wie ist es mit Respekt beim Billard?

Haberzettl: Ich habe vor jedem Gegner Respekt. Bei den Weltcup-Turnieren treffe ich in den Vorrunden nicht auf die Allerbesten der Welt. Bevor die an den Tisch treten, bin ich schon ausgeschieden. Gleichwohl treffe ich auf Spieler, die deutlich besser sind als ich. Selbstverständlich bringe ich denen Respekt entgegen. Was die können, kann ich nicht.

 

Was empfinden Sie beim Billard, abgesehen von Ehrgeiz und Ausgleich?

Haberzettl: Den Kopf frei bekommen. Sie müssen sich so extrem konzentrieren, dass jeder Gedanke an den letzten Fall oder irgendein Ärger mit einem Anwalt oder wem auch immer weg ist. Der ist gelöscht. Sie müssen sich auf den nächsten Ball konzentrieren. Das ist das Befreiende.

 

Sie planen demnächst eine Alpenüberquerung mit dem Fahrrad. Haben Sie Respekt vor der Tour?

Haberzettl: Ich habe damit vor fünf Jahren mit einer Radsportgruppe begonnen. Wir machen das fast jedes Jahr. Diesen Sommer fahren wir von München über die Dolomiten nach Venedig. Die Tour ist etwas, was sich völlig unterscheidet von meinem Beruf oder einem normalen Urlaub. Es ist ein Naturerlebnis, eine Erfahrung, die großartig ist. Stand heute würde ich es jedoch nicht machen. Ich bin nicht fit genug. Die Anstiege sind herausfordernd. Da muss man sich vorbereiten, um für die Tour fit genug zu sein.

Zur Person

Frank Haberzettl ist Vorsitzender Richter am Landgericht Heilbronn. Er hat Jura in Heidelberg und Lausanne studiert. Zuerst war er ein Jahr als Rechtsanwalt tätig. Nach einigen Jahren als Richter beim Amtsgericht Heilbronn wechselte er an das Oberlandesgericht Stuttgart und das Landgericht Stuttgart. Anschließend ging er ans Landgericht Heilbronn. Haberzettl ist Abteilungsleiter Billard bei der TSG Heilbronn und spielt die Variante Dreiband in der 2. Bundesliga. In seiner Freizeit fährt er Rad und joggt. Er ist in Flein aufgewachsen und lebt dort. Der 57-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder.

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