EnBW: Gaskrise gefährdet Ausstieg aus Kohle nicht
Die EnBW will ihr Kohlekraftwerk in Heilbronn bereits 2026 auf Gas umstellen und in gut zehn Jahren komplett auf Grünen Wasserstoff. Kann das gutgehen, klappt die Klimawende? Ein EnBW-Experte steht Stadträten Rede und Antwort.
Die EnBW will bereits 2026 aus der Kohle aussteigen, nicht wie gesetzlich vorgeschrieben erst 2038. Sie plant dazu, ihr Kraftwerk in Heilbronn durch ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) zu ersetzen, Experten reden von Fuel-Switch. Der CO2-Ausstoß soll sich dadurch zunächst um 60 Prozent reduzieren, in gut zehn Jahren wäre mit der zunächst teilweisen, dann kompletten Umstellung auf Grünen Wasserstoff sogar die Klimaneutralität erreicht.
Über neue Wege genügend Brennstoff
Ausgerechnet Gas? Diese Frage brennt aktuell nicht nur Stadträten auf den Nägeln. EnBW-Projektleiter Michael Class stand dazu, aber auch zu dem Gesamtprojekt, im Gemeinderat Rede und Antwort. Die EnBW bezog zuletzt aus Russland 55 Prozent ihres Gases, Steinkohle zu 50 Prozent, Rohöl zu 35. „Die Diskussion um Erdgas dreht sich weniger um Knappheit“, so Class, sondern um den Ersatz durch Flüssiggas, etwa aus den USA, Australien und dem Nahen Osten. Die notwendige Infrastruktur in den Häfen stünde wohl ab Mitte 2024 bereit, also zwei Jahre vor Inbetriebnahme des GuD.
Erneuerbare nicht vergessen
Gleichzeitig wolle die EnBW den Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE) vorantreiben, betonte Class. So seien Wind- On- und Offshore sowie Photovoltaik mit 75 Prozent in der Erzeugung und fünf Milliarden Euro Schwerpunkt ihrer Investitionen bis 2025. „Aber allein mit deren Ausbau wird sich die Energiewende nicht vollenden lassen.“ Außerdem brauche man zum Ausgleich von Schwankungen „einen regelbaren Kraftwerkspark“, der quasi auf Knopfdruck die Versorgung der Verbraucher garantiere. Statt Kohle und Gas soll hier in etwa zehn Jahren zu 100 Prozent Grüner Wasserstoff verwendet werden, wobei es zu dessen ausreichender Erzeugung „zusätzlicher Anstrengungen“ bedarf, sprich: Ausbau der EE.
Fernwärme als gewünschter Nebeneffekt
Auch die Frage der Fernwärme stand im Raum, da sie in Heilbronn zur Deckung des Gesamtbedarfs unverzichtbar sei. Gerade in Ballungszentren berge sie ein „riesiges Potenzial“ für eine schnelle und volkswirtschaftlich günstige Dekarbonisierung im Wärmesektor, der übrigens einen höheren Energiebedarf als Stromerzeugung und Verkehr zusammen habe. Mit der Stromgewinnung entstehe in dem Kraftwerk Fernwärme als Koppelprodukt, ohne dass dadurch zusätzliche Emissionen entstünden. Für Alternativen wie Wärmepumpen oder Solarthermieanlagen sei es in der Stadt meist zu eng. Solarthermie stehe zudem überwiegend nur im Sommer zur Verfügung.
Baulich füge sich das Projekt mit einem neuen Schornstein von 150 Metern Höhe und niedrigeren Gebäuden gut in den Bestand ein, erklärte Tilmann von Frantzius vom Stadtplanungsamt. Er legte den Räten ein dickes Bündel mit zehn Gutachten zu Umwelt- und Artenschutzaspekten vor, wobei sich der Schadstoffausstoß reduziere und Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen seien, aber an anderen Standorten.
Rege Debatte um Wracking-Gas
Am Ende stimmten nur drei Räte gegen den entsprechenden Bebauungsplan. Konrad Wanner (Linke) scheiterte mit dem Antrag, der EnBW vorzuschreiben, kein „schmutziges“ Fracking-Gas aus den USA zu verwenden. Ähnliches forderte in Anlehnung an eine Stellungnahme von Umweltverbänden Eva Luderer (Grüne), die zudem beklagte, dass erst durch den Ukraine-Krieg Erneubare Energien Aufwind bekämen. Wegen der unsicheren Versorgungslage wäre das Fracking-Gas-Verbot „Harakiri“, meinte Uwe Mettendorf (CDU). Gleichzeitig sah er in dem Projekt „Ökonomie und Ökologie gut kombiniert“.
Windräder für Heilbronn?
Auf Nachhaken von Marianne Kugler-Wendt (SPD) versprach Baubürgermeister Andreas Ringle, dass er die Themen Windräder und Wärmeplanung für Heilbronn bald in den Rat einbringe. Zudem würden ihre und andere Detailforderungen in Verhandlungen über einen Generalvertrag zwischen Stadt und EnBW einfließen.
Auch in zehn Jahren gäbe es noch nicht genügend Grünen Wasserstoff, meinte Raphael Benner (AfD) und prophezeihte: Auch danach sind wir noch auf Gas angewiesen. Gottfried Friz (FDP) und Herbert Burkhardt (FWV) wollten sich nicht wie manche Vorredner in „ideologische oder technische Details verrennen“. Dass der Strom weiterhin „von hier und nicht von irgendwoher kommt“, war Marion Rathgeber-Roth (FW) wichtig.
Gigantisches Projekt: Schlote überflüssig
Das auf 500 Millionen Euro geschätzte Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) mit Nebenanlagen soll auf einer derzeit baumbestandenen Grünfläche an der Lichtenbergerstraße im nordöstlichen Teil des Heilbronner EnBW-Kraftwerks errichtet werden. Der höchste Anlagenteil ist laut Bebauungsplan der 150 Meter hohe Schornstein. Das Kesselhaus wird 45 Meter hoch.
Zwischen den Hauptanlagen und dem Kühlturm befinden sich kleinere ergänzende Anlagen, darunter ein Notstromaggregat mit einem 25 bis 47,8 Meter hohen Schornstein. Südlich davon werden ein bis zu 90 Meter hoher Strommast mit Nebenanlagen sowie ein zylinderförmiger, 60 Meter hoher Fernwärmespeicher errichtet. Ein nördlich gelegener Strommast wird zurückgebaut. Der 140 Meter hohe bestehende Kühlturm bleibt, die beiden 250 Meter hohen Schornsteine werden wohl nicht mehr benötigt.
Mit dem Bebauungsplan hat der Gemeinderat noch kein endgültiges grünes Licht für das Projekt gegeben. Dies soll erst im Frühjahr nach einem Generalvertrag zwischen Stadt und EnBW folgen.
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