Wie die Anonymen Alkoholiker Heilbronn Betroffenen helfen, im Leben zu bestehen
Betroffene stabilisieren sich gegenseitig mit ihren Treffen am Wollhaus 18 und einer Offenheit ohne Tabus. Über Kontrollverluste und die Angst, nicht zu genügen.

Sie erzählen von Geschäftsreisen in die USA, der neuen Arbeitsstelle, dem Festival am Wochenende. Viele sind erfolgreich im Job und strahlen das auch aus. Schon im Frühsommer braungebrannt, wirken sie sportlich und fit. Aber die Zusammenkunft am Wollhaus 18 ist keine Afterwork-Party und kein Ort für Smalltalk. Bei der Geschäftsreise geht es um die Angst, sie nicht durchzustehen, beim neuen Job um die bange Frage: "Genüge ich überhaupt?"
In der Gruppe reden sich Betroffene die Last von der Seele
Sechs Männer und zwei Frauen reden sich an diesem Abend beim Treffen der Anonymen Alkoholiker die Last von der Seele. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und lassen die gesellschaftlichen Masken vor der Tür. Wie gut das tut.
Sie drehen den Tabak im Blättchen, stecken die Zigaretten an. Auch das wie ein Ritual. Der Ventilator verteilt den Rauch in der Wohnung. Alle reden sich mit Vornamen an, und auch dieser soll auf ihren Wunsch hin von der Zeitung geändert werden. Anonym zu bleiben ist, wie der Name der Selbsthilfegruppe schon sagt, das A und O in diesem geschützten Rahmen.
Das Wort Dankbarkeit fällt oft
"Ich bin Fred, und ich bin Alkoholiker", beginnt ein Mann Mitte dreißig, dunkle Haare, Poloshirt, intensiver Blick. "Ich bin froh, heute hier zu sein." Für alle sind die Treffen ein Anker, der ihnen hilft, im Alltag, im Job und in der Familie zu bestehen. Trocken. "Mein Akku ist jetzt zu 75 Prozent voll. Wenn ich noch etwas zuhören darf, bin ich nachher bei 100 Prozent", wird Kevin später sagen, wenn er seine Geschichte erzählt hat. "Ich hab' inzwischen ein tolles Leben. Ich hätte es nicht geschafft ohne die Gruppe." Das Wort Dankbarkeit fällt oft an diesem Abend.
Fred hatte anfangs wie viele hier eine große Hemmschwelle, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. Aber "man trifft Väter, junge Männer, Mütter, alles gemischt, das war gleich cool." Sieben Jahre hat der Geschäftsführer eines großen Unternehmens nicht getrunken, aber als er jüngst schwer erkrankte, wurde er rückfällig. In den Keller, in dem noch das Tilidin steht, traut er sich kaum hinunter. Fred fühlt sich unter Druck, "ich muss unbedingt die Bremse reinhauen". Er will besser auf sich achten, um wieder ganz gesund zu werden.
Er fürchtet, dass ihn eine Geschäftsreise aus dem Gleichgewicht bringen könnte
Wegen einer Geschäftsreise in die USA kann er einige Zeit nicht zu den Treffen kommen, und er weiß schon jetzt, wie sehr das sein Gleichgewicht bedroht. "Ich werd' meine Frau vermissen, meine Kinder. Wenn ich daheim bin, red' ich nicht viel, aber ich bin einfach glücklich, wenn sie um mich rum sind." Kommt in Amerika mit dem "Überstressen", mit der Einsamkeit der "Saufdruck" zurück, wie Fred es nennt? "Davor hab ich Schiss."
Oder Andre. Zopf, Vollbart, groß und drahtig, der gut in ein Wildwasserkajak passen würde, und der seinem Vorredner mit geschlossenen Augen zugehört hat. Andre, der heute in Begleitung seines 18-jährigen Sohnes gekommen ist. "Ich bin ein offener Mensch", sagt er. "Ich habe trotz der Hilfe durch die Anonymen Alkoholiker viel falsch gemacht in der Erziehung. Aber ich rede viel mit meinem Sohn." Der 50-Jährige hatte mit "12, 13 Jahren" das erste Mal Kontakt mit Alkohol. Bei der anschließenden Lehre ist trinken am Arbeitsplatz "vollkommen normal". Später betreibt er Discos, ist im Nachtleben eine Nummer, wird "zum stadtbekannter Säufer".
Der Vater erzählt von den Kontrollverlusten, bei denen alles hätte passieren können,
Andres Sohn schaut vor sich hin, als der Vater von den Filmrissen, den Kontrollverlusten erzählt. "Alles hätte passieren können. Vergewaltigung. Raub. Brandschatzen." Die anderen schockt das nicht. Manche sind in ihrer nassen Zeit, wie sie die Periode nennen, in der sie viel konsumiert haben, kein einziges Mal nüchtern hinterm Steuer gesessen. "Mit den eigenen Kindern und deren Freunden im Auto", wie Barbara beschreibt. "Ich hatte tausend Schutzengel."
Auch für Andre bieten die Anonymen Alkoholiker Halt, seit 28 Jahren inzwischen. "Beim ersten Meeting ist der Knoten geplatzt. Die ganze Schuld war weg. Alkohol war eine Krankheit und ich nicht mehr dieses willenlose Schwein." Dass er seinen Willen nicht erfolgreich dazu nutzen konnte, kontrolliert zu trinken, das hat ihn lange umgetrieben.
Auch Barbara kennt diesen inneren Zwang. "Heute bin ich frei", sagt sie. "Früher war mein Leben eine einzige Schlacht." Ihr Sitznachbar Kevin, der mit "elf, zwölf" bei zahllosen Familienfeiern mit süßen Likören angefangen hat, ist noch auf dem Weg der Genesung. "Ich wollte zu den Coolen gehören. Aber ich hatte so viele Ängste, ich war so verklemmt." In Discos ist er mit Älteren unterwegs, die über Sex schwadronieren, "von Beziehungen war nie die Rede".
Schüchternheit zieht sich als roter Faden durch manche Lebensgeschichte
Später, als bauleitender Monteur, liegt die Tagesration bei einem Kasten Bier, mehreren Jägermeistern, und und. In Therapie sagt er der Psychologin, dass er nur am Wochenende trinke. "Ich konnte ja schlecht zugeben, dass ich nur funktioniere mit Alkohol rund um die Uhr." Er ist froh, "dass die Meetings jeden Tag stattfinden". Schüchternheit, in jungen Jahren, aber auch später, das zieht sich als roter Faden durch manche Lebensgeschichte. Johannes, 65, etwa, der trotz Alkohol immer "sehr gute Leistungen im Beruf brachte, immer den Umsatz steigerte", bezeichnet sich als "früher ziemlich verklemmt".
Oder Marc, der Grübchen hat, wenn er lächelt, und einen Selbstmordversuch hinter sich, und der sagt: "Ich habe nie gelernt, mich nüchtern meinen Ängsten zu stellen." Er hat den Weg der Freunde erlebt. Knast, Krankheit, Tod. "Ich war nur weiter hinten auf der Straße."
Marc wird von der Angst beherrscht, nicht zu genügen
Der neue Job bedrückt ihn, das Open-Air, an dem er nichts trinken will, aber Angst vor der Reaktion der Kollegen hat. Generell beherrscht ihn die Angst, nicht zu genügen. "Ich möchte von allen geliebt werden. Aber entweder ich explodiere, dann sauf' ich, oder ich implodiere und erstarre in Depression."
Kommentare öffnen



Stimme.de
Kommentare