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Heilbronn

Warum sich das Jobcenter immer großzügiger aus dem falschen Topf bedient

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Teile des Heilbronner Sozialausschusses halten den Jahresbericht des Jobcenters für schwer verständlich. Das neue Bürgergeld lässt die Behörde bange in die Zukunft blicken. 


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Recht ernüchtert verließ Aufbaugilde-Geschäftsführer Gerald Bürkert den Jugendhilfe und Sozialausschuss nach der öffentlichen Sitzung. Denn: Für Langzeitarbeitslose, wie sie das Secondhand-Kaufhaus der Aufbaugilde beschäftigt, wird die Luft noch dünner. Immer seltener werden Maßnahmen angewandt, mit denen Menschen, die lange weg vom Arbeitsmarkt sind, in Lohn und Brot kommen.

Dass der Arbeitsmarkt gar nicht mehr leicht zugänglich sei, vor allem für Langzeitarbeitslose, hatte zuvor Rainer Hinderer (SPD) im Ausschuss gesagt und nach arbeitspolitischen Maßnahmen gefragt.

Arbeitgeber im Raum Heilbronn stellen kaum Menschen mit Handicap ein

Es gebe zwar theoretisch Möglichkeiten. „In der Praxis stellen wir aber fest, dass Arbeitgeber sich schwertun, Menschen mit Handicap einzustellen“, so Jobcenter-Chef Wolfgang Söhner. Auch dass die Verwaltungskosten des Jobcenters teils aus einem fachfremden Topf kamen, bemängelte Hinderer. Die Verwaltungskosten sind nämlich jedes Jahr so hoch, dass das zur Verfügung stehende Budget nicht reicht.

Die gängige Handhabe ist deswegen: Für den Fehlbetrag wird ins Geld für die Eingliederungshilfe gegriffen. 7,2 Millionen Euro für die Eingliederungshilfe, 8,7 Millionen Euro für die Verwaltung in 2025. Das heißt unter dem Strich: Die Kosten für die Verwaltung sind höher als die Summe, die für Maßnahmen zur Verfügung stehen.

Im vergangenen Jahr hatte das Jobcenter für seine Verwaltung tief in den Topf für Arbeitslose gegriffen

Dieser Topf ist aber eigentlich dafür gedacht, Menschen, auch Langzeitarbeitslose, mit speziellen Maßnahmen, wieder in Arbeit zu bringen. Im vergangenen Jahr war der Griff in die Eingliederungshilfe besonders tief. Er hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Waren es 2024 noch 1,4 Millionen Euro, ist der Betrag in 2025 auf 2,8 Millionen Euro hochgeschossen.

Jobcenter betreuen erwerbsfähige arbeitslose Menschen. Ziel ist die Integration in Arbeit. Das wird immer schwieriger, vor allem für Langzeitarbeitslose, auch in Heilbronn.
Jobcenter betreuen erwerbsfähige arbeitslose Menschen. Ziel ist die Integration in Arbeit. Das wird immer schwieriger, vor allem für Langzeitarbeitslose, auch in Heilbronn.  Foto: Gleichauf, Christian

Insgesamt stiegen eben die Kosten, sagte Söhner, auch für Gas und Heizung. Spitzenverbände hätten bundesweit schon moniert, dass das Geld einmal mehr nicht reichen werde. Groß Thema bei der Vorstellung des Jahresberichts des Heilbronner Jobcenters war das aber nicht. 

Mitglieder bemängeln, der Jobcenter-Bericht sei schwer verständlich

Überhaupt hatte Ferdi Filiz (Grüne) angemerkt, dass der Jobcenter-Jahresbericht schwer verständlich sei. „Wie viele Menschen, die nicht arbeiten, Angehörige pflegen oder sich als Alleinerziehende um kleine Kinder kümmern, das war für mich schwer zu erkennen“, sagte er. 

Drei Nachrichten hatte Wolfgang Söhner im Ausschuss verkündet. Die Entwicklung der Jobcenter-Zahlen 2025 ist positiv - im Vergleich zum Vorjahr. Mit 5048 Arbeitslosen ist deren Zahl zwar um sieben Prozent gestiegen. Weniger im Bereich der Bürgergeldbezieher mit einem Plus von 1,6 Prozent als im Bereich der Personen, die zeitlich befristet Arbeitslosengeld beziehen.  Die wirtschaftliche Entwicklung bleibe eher schlecht. Aber: „Der Jobturbo hat gezündet“, sagt er mit Blick auf die Integration Geflüchteter.

2023 waren 119 Ukrainer steuerpflichtig beschäftigt, 2025 waren es 837. Die Zahl der Geflüchteten aus den acht Hauptherkunftsländern von Eritrea bis Syrien stieg nicht so eklatant, aber auch von 1216 in 2023 auf 1619 in 2025. Deutlich mehr Geflüchtete, vor allem aus der Ukraine, hatten zudem im vergangenen Jahr im Vergleich zum Jahr 2023 überhaupt eine Beschäftigung aufgenommen.  

Und: Die Umstellung vom Bürgergeld zum Grundsicherungsgeld, die 2026 erfolgt, sei aus seiner Sicht aufwändig für die Jobcenter. Fachleute monierten, dass sich im Bericht Selbstverständlichkeiten befänden. Der Vermittlungsvorrang etwa und dass Termine eingehalten werden müssten. Einen hohen Schulungsaufwand für die Mitarbeitenden, mehr Verwaltungsbürokratie und „unübersichtliche überkomplexe Regelungen“ befürchten dagegen die Jobcenter-Chefs. Dazu komme „mehr Aufklärungsarbeit bei den Kunden“, damit diese die gesetzlichen Neuregelungen akzeptierten.   




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