"Ins Kistle"-Wirtin Doris Carle mit Leidensgeschichte – und einer Botschaft an die Gäste
Mit einem Aufsteller vor dem Heilbronner Lokal "Ins Kistle" trägt Doris Carle zur Diskussion um die 19-Prozent-Besteuerung von Speisen im Restaurant bei. Dabei hatte sie zuletzt ganz andere Sorgen.

Gastronomen sind verärgert. Seit Jahresanfang sind auf Speisen im Restaurant wieder 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig. Im Zuge der Corona- und Energiekrisen hatte die Bundespolitik die Besteuerung auf sieben Prozent gesenkt, diese Regelung ist nun vorbei. Wirte ärgern sich vor allem darüber, dass für Essen zum Mitnehmen weiterhin die sieben Prozent gelten. Eine Ungleichbehandlung aus ihrer Sicht, die auch Doris Carle missfällt. Die Wirtin vom Heilbronner "Ins Kistle" hat mit einem Aufsteller vor ihrem Lokal darauf reagiert – aber seit Monaten eigentlich ganz andere Sorgen.
"Einmal Hölle hin und zurück." So beschreibt die 64-Jährige die vergangenen Monate gegenüber der Heilbronner Stimme. Sie schildert ihre Leidenszeit: Anfang August 2023 kommt sie in die Notaufnahme, ein Darmverschluss. Die Ärzte entdecken auch eine Fistel am Dünndarm. "Innerhalb von 14 Tagen wurde ich fünfmal operiert." Fünf Monate verbringt Carle im SLK-Klinikum in Heilbronn. "Sie haben dort schon überlegt, ob sie mir ein Namensschild machen", scherzt die Gastronomin.
"Ins Kistle"-Wirtin monatelang nicht im Lokal: "Ich war fertig ohne Ende"
Carle befindet sich gerade im Waldachtal im Schwarzwald zur Anschlussheilbehandlung. "Jetzt geht es aufwärts." In den vergangenen neun Monaten war sie kaum im "Kistle", allenfalls um Kleinigkeiten zu erledigen. "Ich war fertig ohne Ende." Gästekontakt hatte sie bis auf einmal bei einer Geburtstagsfeier nicht. Vor allem Bedienung Heike Beil schmeißt den Laden, Carles Partner Alfred Häberlein kauft ein und unterstützt.
Zum Thema Mehrwertsteuer in der Gastronomie steuert die Wirtin trotzdem einen Beitrag bei. "Geteiltes Leid ist halbes Leid", steht auf einem Aufsteller vor dem "Kistle" in Großbuchstaben. Und weiter: "Und somit haben wir unsere Speisen um sechs Prozent erhöht." Also die Preise der Speisen, wohlgemerkt. Und nicht um mehr, wozu sich manch andere Gastronomen gezwungen sehen. Das Vorgehen sei gut angekommen bei der Kundschaft. "Dass man etwas aufschlägt, war allen klar. Die Gäste sagen: 'Gut, dass ihr es so gemacht habt'." Man müsse aufpassen, es mit Preiserhöhungen nicht zu übertreiben, findet Carle.
Die Wirtin stört vor allem, dass für Essen außer Haus weiterhin sieben Prozent Mehrwertsteuer anfallen. "Eigentlich müsste es andersherum sein." Denn im Restaurant gelte es, einen Raum und Personal zu Verfügung zu stellen und zu heizen. Nimmt man Speisen mit, entstehe zudem Verpackungsmüll. Auch das steht alles auf dem Aufsteller.
"Ins Kistle"-Wirtin Doris Carle will nach langer Krankheitspause wieder einsteigen
In den ersten drei Juni-Wochen ist im "Kistle" Sommerpause. Danach will Carle wieder einsteigen. Aktuell ist von Donnerstag bis Samstag geöffnet, vielleicht kommt dann wieder der Mittwoch hinzu. So viel schaffen wie vorher sei für die Gastronomin aber nicht mehr drin.
Ohnehin hatte ihr ihre Tochter geraten, den Pachtvertrag zu kündigen. Hätte sie das im Dezember gemacht, wäre er im Mai ausgelaufen. "Wenn es keinen Spaß mehr macht, muss man in der Gastronomie aufhören. Uns macht es aber Spaß." Ein Leben ohne "Kistle"? Doris Carle schiebt eine kleine Liebeserklärung an ihre Wirtschaft hinterher, die mit den regionaltypischen Speisen und dem urigen Ambiente fast schon Alleinstellungsmerkmal in der Heilbronner Innenstadt hat. "Wenn ich's Kistle in der Krankenzeit aufgeschlossen habe, ist mir das Herz so aufgegangen – ich kann noch nicht aufhören."
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