Barrieren in Heilbronn: Rollstuhlfahrer berichtet offen über Hürden im Alltag
Thuan Nguyen aus Heilbronn sitzt im Rollstuhl und spricht offen über fehlende Barrierefreiheit, verletzende Begegnungen – und die Momente, die ihm trotzdem Hoffnung geben.
Vom Heilbronner Atoll, einer Einrichtung für ambulantes, betreutes Wohnen in der Bahnhofstraße, aus sind es nur ein paar hundert Meter bis zur Experimenta. Für Thuan Nguyen, der dort arbeitet, ist dieser kurze Weg dennoch jeden Tag eine kleine Herausforderung. Sobald er seinen Rollstuhl auf den Gehweg lenkt, ist klar: Nichts an diesem Weg ist selbstverständlich. „Ich bin an den S-Bahnschienen schon mal hängen geblieben“, erzählt er. Für viele ein unbeachteter Spalt im Asphalt, für ihn eine echte Gefahr.
Thuan Nguyen ist mit drei Jahren an Kinderlähmung erkrankt. Seitdem ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Geboren wurde er in Vietnam, mit 19 Jahren kam er nach Deutschland – ohne Schulbildung, ohne lesen und schreiben zu können. Alles hat er sich selbst beigebracht.
Heilbronner Rollstuhlfahrer: „Ich will immer das Beste daraus machen, sonst wird man depressiv“
Aber zurück zu seinem Arbeitsweg. Die Straße, die der 54-Jährige überqueren muss, ist steiler, als sie aussieht. Und die Ampelschaltung so kurz, dass er kaum die Mitte erreicht, wenn sie schon wieder umspringt. „Ich bin erst auf der Hälfte, da wird sie schon rot und die Autofahrer haben wieder grün.“ Ein Moment, der ihn jedes Mal stresst. Spontane Wege in die Stadt? Für Thuan Nguyen unvorstellbar. „Alles muss doppelt geplant und durchdacht sein“, sagt er. Jeder kleine Ausflug wird zu einer Frage der Infrastruktur.

Was ihn besonders frustriert: Die Stadtverwaltung Heilbronn habe ihm mitgeteilt, dass sie an der Ampelschaltung nichts ändern könne, weil sie kein Geld habe. Nguyen aber will nicht lockerlassen. „Mein Ziel ist, zu jammern, bis was geändert wird“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Nicht nur er kämpft mit solchen Hindernissen, auch ältere Menschen im Rollstuhl, Menschen mit Rollator oder Eltern mit Kinderwagen, sagt er.
Ein weiteres Beispiel ist der Sperrmüll. Wenn der auf dem Gehweg liegt, wird der Weg für ihn schwer passierbar. „Ich komme da kaum vorbei.“ Spricht er Menschen darauf an, heißt es manchmal, er sei übersensibel. Trotzdem verliert er den Humor nicht. „Im nächsten Leben werde ich Boxer“, sagt er und lacht. „Ich will immer das Beste daraus machen, sonst wird man depressiv.“
Wunsch beim Shoppen: Als vollwertiger Gesprächspartner gesehen zu werden
In seinem Alltag erlebt der der 54-Jährige immer wieder Situationen, die ihn verletzen. Zum Beispiel dann, wenn er mit einer Begleitperson in ein Geschäft geht und der Verkäufer das Gespräch nicht mit ihm, sondern über ihn hinweg führt. Dabei wünsche er sich nur, dass Menschen ihn ansehen, ihm antworten und ihn als vollwertigen Gesprächspartner wahrnehmen. „Damit es eine lebenswerte Stadt für alle ist.“
Trotz all dieser Hürden macht er das Beste aus seinem Leben. Er will „Potenziale in den Fokus setzen“. Seit einem Praktikum im August 2024 ist der 54-Jährige mit der Experimenta verbunden, im Juli 2025 wurde er eingestellt. Dort hilft er bei Evaluationen, arbeitet an der Bilderdatenbank, insbesondere an deren Verschlagwortung, und unterstützt das Inklusionsteam.
Sein Job in Deutschlands größtem Science-Center bedeutet ihm viel. „Mit mir wird umgegangen wie mit einem normalen Menschen, auf Augenhöhe.“ Er spricht von einer inneren Blockade, die sich löste, muss auch ein paar Tränen der Dankbarkeit verdrücken, als er darüber spricht. Kleine Momente wie diese geben ihm Kraft. „Sonst ist man wie im mentalen Gefängnis“, sagt er über die Vorurteile, denen er im Alltag begegnet.
Rollstuhlfahrer aus Heilbronn: Karaoke und Lesen als Gegenentwurf zum stressigen Alltag
Digitale Teilhabe ist für den Rollstuhlfahrer aus Heilbronn ein Schlüssel zur sozialen Teilhabe. „Ich lerne jeden Tag“, sagt er – und meint es genau so. Vor allem Sachbücher über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz oder persönliche Weiterentwicklung liest er gern. „Wissen ist wertvoll.“ Ansonsten liebt er Karaoke – Stevie-Wonder-Songs haben es ihm besonders angetan.
Dass er überhaupt ein selbstbestimmtes Leben führen kann, verdankt er auch dem Atoll, einem Ort mit Fahrdienst, Pflege und einem herzlichen Miteinander, wie er sagt. Er spricht mit sichtbarer Dankbarkeit darüber. „Ohne die Mitarbeiter wäre das alles nicht möglich.“
Heilbronner Rollstuhlfahrer hält Vorträge am Gymnasium
Thuan Nguyen möchte anderen Mut machen, die ähnliche Barrieren erleben. Beispielsweise durfte er schon einen Vortrag vor Neuntklässlern am Robert-Mayer-Gymnasium in Heilbronn halten, um ihnen Inklusion näherzubringen. Zuhause, sagt er, versucht er seine Mitbewohner zu unterstützen, ihnen Mut zu machen. Es geht ihm um Miteinander, Menschlichkeit und die Frage: Was macht Menschen glücklich? „Ich verdiene dabei nichts, aber ich gewinne trotzdem jede Menge.“
Seine wichtigsten Begleiter sind Empathie, Kreativität und Frustrationstoleranz – Fähigkeiten, die man, wie er sagt, brauche, um mit mit den Herausforderungen im Alltag umzugehen. Und Humor. Am besten ganz viel davon.
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