Heilbronner Prozess um Führerscheinbetrug: Dunkelziffer ist vermutlich hoch
Im Heilbronner Prozess gegen einen mutmaßlichen Betrüger bei theoretischen Führerscheinprüfungen im großen Stil haben am Dienstag weitere Zeugen ausgesagt.
Im Prozess gegen einen 29 Jahre alten Angeklagten vor der neunten Großen Strafkammer des Heilbronner Landgerichts wegen Betrügereien bei theoretischen Fahrerlaubnisprüfungen wird das Ausmaß der Masche immer deutlicher.
Der Syrer mit deutschem Pass aus Gütersloh soll als sogenannter Stellvertreter bundesweit im Zeitraum vom Februar 2024 bis Juni 2025 theoretische Fahrprüfungen für Dritte absolviert haben. Unter anderem auch im Raum Heilbronn.
Prozess in Heilbronn: Betrug bei theoretischer Führerscheinprüfung im großen Stil
Außerdem hat er mutmaßlich als Organisator weitere Ghostwriter aus einem Pool damit beauftragt, theoretische Prüfungen anstelle der Fahrschüler zu absolvieren.
Als Stellvertreter hat er offenbar für die Dauer der Prüfungen die Identität der jeweiligen Fahrerlaubnisbewerber angenommen und sich mit deren Ausweispapieren bei der jeweiligen Prüfstelle legitimiert. Eine Heilbronner Ermittlerin geht davon aus, dass er mit der Betrugsmasche seinen Lebensunterhalt verdient hat. Mehrmals pro Woche habe der Gütersloher regelrechte Touren durch die Republik gemacht.
Tüv-Mitarbeiter: Hinweise auf Betrügereien hat es schon lange gegeben
„Hinweise auf Betrügereien bei theoretischen Fahrerlaubnisprüfungen hat es schon lange gegeben“, sagte der verantwortliche Leiter des Bereichs Fahrerlaubnis beim Tüv Baden-Württemberg Nord im Zeugenstand. Seit 2024 hätten sich die Fälle aber signifikant gehäuft. Der 38-Jährige erinnerte sich an eine Prüfung im Sommer 2025 bei der Prüfstelle in Eppingen. Von zwölf Prüflingen seien sieben Stellvertreter und einer ein Technikbetrüger gewesen. Technikbetrüger seien oft mit kleinen Kameras und kleinen Lautsprechern im Ohr ausgestattet und kommunizierten mit einem Helfer außerhalb des Prüfungsraums.

Dass sich die Fälle seit 2024 gehäuft haben, führt der Leiter des Bereichs Fahrerlaubnis darauf zurück, dass die Polizei seitdem intensiv ermittelt. Die Dunkelziffer im Zeitraum vorher sei wahrscheinlich sehr groß.
Anonymer Anruf brachte in diesem Verfahren den Stein ins Rollen
Den Stein ins Rollen gebracht hat in diesem Verfahren ein anonymer Anruf einer Fahrerschülerin aus Neckarsulm im Januar 2024 bei der Polizei. Demnach habe man ihr gegen eine Zahlung einer größeren Summe Hilfe bei der theoretischen Prüfung angeboten. Tatsächlich meldete sich später auch der Leiter der Neckarsulmer Fahrschule bei dem leitenden Tüv-Mitarbeiter.
Demnach habe der Inhaber selbst ein Angebot bekommen, mit den Betrügern zu kooperieren. Das habe er abgelehnt. Stattdessen soll er beobachtet haben, wie in einem benachbarten Dönerladen Ausweispapiere ausgetauscht wurden. Außerdem hätten sich Fahrschüler für die theoretische Prüfung angemeldet, obwohl sie noch nicht so weit gewesen wären.
1800 Euro soll laut einer Ermittlerin der Heilbronner Polizei ein Fahrerlaubnisanwärter für den Betrug bei der theoretischen Prüfung in der Regel bezahlt haben. Laut der anonymen Anruferin sollen in ihrem Umfeld Personen plötzlich einen Führerschein gehabt haben, ohne über entsprechende Kenntnisse zu verfügen.
Polizeibeamtin: Heilbronn galt bei den Betrügern als gefährlich
Die Betrüger gingen offenbar dreist vor. So sollen etwa Prüfungen in arabischer Sprache absolviert worden sein, ohne dass der angemeldete Fahrschüler dieser Sprache mächtig war. Verdächtig erschien den Ermittlern auch, wenn sich etwa Anwärter aus Heilbronn für eine Prüfung nicht im Stadtgebiet, sondern in den Außenstellen Öhringen oder Eppingen angemeldet haben. „Heilbronn galt als gefährlich“, sagte eine Polizeibeamtin im Zeugenstand.
Insgesamt 32 Fälle wirft der Staatsanwalt dem Angeklagten vor. Wobei in einem Fall eine Auftraggeberin offenbar zurückgezogen hat. Der Angeklagte legte bereits zum Prozessauftakt Mitte Februar ein vollumfängliches Geständnis ab. Das Urteil könnte bereits am 5. März fallen.
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