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Versuchter Ehrenmord in Heilbronn? Opferfamilie spricht vor Gericht über Angriff

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Sieben junge Männer stehen unter anderem wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes vor dem Heilbronner Landgericht. Ihr Motiv soll die Familienehre gewesen sein. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen hat am Mittwoch, 18. Juni, die mutmaßliche Opferfamilie ausgesagt.


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„Ich habe Scheiße gebaut“, sagte der Zeuge beim vierten Verhandlungstag im Prozess gegen sieben Angeklagte, denen die Staatsanwaltschaft unter anderem gemeinsamen versuchten Mord vorwirft. Das Motiv soll die Ehre der Familie gewesen sein. Der Zeuge saß nicht auf der Anklagebank. Er ist das Opfer mehrerer mutmaßlicher Gewalttaten am 9. September vergangenen Jahres in Heilbronn.

Familienehre als Motiv: Sieben Männer wegen versuchten Mordes in Heilbronn angeklagt

Ein Kurzvideo, das die zweite Große Jugendkammer des Heilbronner Landgerichts am Mittwoch vorführte, zeigt den Sohn der Familie Erg. Kniend auf dem Asphalt am Heilbronner Silcherplatz. Eine Stimme aus dem Off sagt ihm den Text vor, den er stammelnd und leise nachspricht: „Es tut mir leid. Ich bin der größte Hurensohn, der je auf die Welt gekommen ist.“

Zuvor sei der Geschädigte vom Hauptangeklagten E. geschlagen, getreten, beleidigt, mit dem Tod und mit dem Tod seiner gesamten Familie bedroht worden. Was er denn für Scheiße gebaut habe, wollte der Vorsitzende Richter Alexander Lobmüller wissen. „Ich hätte die Nachrichten nicht beantworten und sie ignorieren sollen“, so der Kurde.

Mutmaßliches Opfer im Heilbronner Ehrenmordprozess: Hätte ihre Nachrichten ignorieren sollen

Sie – das ist die kleine Schwester des Hauptangeklagten E. in diesem Prozess, der ebenfalls Kurde ist. Anstatt die Chat-Nachrichten der damals 15-Jährigen zu ignorieren, habe sich der Geschädigte an jenem 9. September mit ihr getroffen, um gemeinsam auf einem Feldweg spazieren zu gehen. Dass sie etwas von ihm gewollt hätte, sei ihm klar gewesen. „Wir haben aber ganz normal geredet. Dies und das“, sagte das mutmaßliche Opfer.

Dem Gericht schilderte der 19-Jährige nicht nur von dem Spaziergang. Beim Kaufland in der Stuttgarter Straße hätten sich ihre Wege getrennt. Kurz darauf sei er von einem Bekannten, dem Angeklagten T., angesprochen worden. Er habe Dummes gemacht, soll T. gesagt haben. Und er, T., könne das nicht ignorieren.

Geschädigter spricht über Erlebnisse: „Ich habe sofort Fäuste bekommen“

T. habe ihn aufgefordert, in dessen Auto einzusteigen. Gemeinsam seien sie zum Silcherplatz gefahren, wo der Hauptangeklagte E. offenbar schon wartete. Die Beifahrertür sei von außen aufgerissen worden. „Ich habe sofort Fäuste bekommen“, so der Sohn der Familie Erg. In der Folge sei er geschlagen, gekickt und beleidigt worden. Der Angeklagte habe außerdem damit gedroht, ihn, seine Eltern, seine Schwestern und seine Großeltern umzubringen.

E. habe Erg. außerdem sein Handy abgenommen, den Chatverlauf zwischen ihm und der Schwester des Angeklagten kontrolliert, die Telefonnummer seines Vater abfotografiert und schließlich das Video gedreht. Danach sei er davongefahren. T. gab Erg. sein Handy zurück.

Die Sache war damit aber offenbar noch nicht erledigt. Wenige Stunden nach dem mutmaßlichen Übergriff auf dem Silcherplatz versuchte eine Gruppe maskierter Männer, in die Wohnung der Familie Erg. einzudringen. Zunächst hätten sie an der Haustüre geklingelt. „Dann ging alles ganz schnell“, sagte der Zeuge.

Vater getreten und Reizgas versprüht: Familie sagt im Zeugenstand aus

Der Vater öffnete offenbar einen Spalt weit die Türe. Der Sohn will sechs maskierte Männer im Treppenhaus gesehen haben, die schnell die Treppe hinaufliefen. Rechtsanwältin Anke Stiefel-Bechdolf bezweifelte zwar, dass er durch den Türspalt und das verwinkelte Treppenhaus überhaupt jemanden habe sehen können. Was ihm passiert sei, täte ihr aber leid.

Als die Männer die Tür erreichten, habe einer von ihnen dem Vater einen Tritt verpasst. Ein anderer habe Reizgas durch den Spalt gesprüht. Schnell hätten er, sein Vater und seine Mutter die Türe zugedrückt. Die Angreifer hätten von außen dagegen geschlagen. Womit könne er nicht sagen.

Die 27 Jahre alte Tochter der Familie Erg. kämpfte im Zeugenstand zwischenzeitlich mit den Tränen. „Ich stand unter Schock. Sie wollten die Türe kaputtschlagen.“ Mit Metallstangen, so die Tochter. Wegen des Reizgases habe es Probleme mit der Atmung gegeben. Ihre kleine Schwester habe sich übergeben. Einer der Angreifer habe auf kurdisch geschrien, „Mach’ die Türe auf, du Hurensohn. Ich fick’ deine Mutter und bringe dich um“.

Angreifer sollen Fensterscheibe in Scherben geschlagen haben – Schwester verletzt sich am Fuß

Inzwischen sei eine Nachbarin aufmerksam geworden und habe geschrien. Vermutlich seine Mutter habe die Polizei gerufen. Die Angreifer seien daraufhin davon gerannt. Vor dem Haus hätten sie noch die Scheibe des Schlafzimmers der Erdgeschosswohnung eingeschlagen. Die 27-Jahre alte Schwestern habe sich an den Scherben am Fuß verletzt. „Ich komme wieder“, soll einer der Flüchtenden gerufen haben, so die Schwester.

Nein. Angst habe er heute vor dem Hauptangeklagten E. nicht mehr, sagt der Sohn der Familie Erg. Den Gerichtssaal betrat er dennoch ebenso wie seine Familienmitglieder gemeinsam mit drei Sicherheitsbeamten, die sie vor befürchteten Angriffen schützen sollten. 

Noch bevor der 19-Jährige seine Aussage machte, baten ihn die Angeklagten E. und T. um Entschuldigung. Er habe nichts mehr zu befürchten. Auch der Angeklagte H., der zugab, das Reizgas in die Wohnung gesprüht zu haben, bat die Familie Erg. um Verzeihung. Alle drei hofften, dass sie die Entschuldigung annimmt. „Gött mögen Ihnen verzeihen“, sagte der Vater.




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