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100 Jahre Elektro-Krauss: Das Erfolgsgeheimnis eines Heilbronner Kult-Geschäfts

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Etwa 10.000 Artikel hat Elektro-Krauss im Sortiment. Trotz Onlinehandel ist das Heilbronner Kult-Geschäft noch immer bei Kunden beliebt – und das schon seit fast 100 Jahren.


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Manchmal, wenn Martin Krauss in seinem Büro im ersten Stock sitzt und das Fenster gekippt ist, hört er von unten von der Straße, wie jemand verwundert fragt: „Was, den Krauss gibt’s noch?“ Diese kleine Anekdote erzählt der 58-Jährige in eben jenem Büro. Wahrlich, beim Sortiment, das der gebürtige Heilbronner in seinem Laden in der Turmstraße anbietet, reibt man sich verwundert die Augen, wie es sein kann, dass nicht eine imaginäre Riesenwalze aus China das Traditionsgeschäft wirtschaftlich längst dem Boden gleichgemacht hat.


Doch das Geschäft steht, die Neon-Röhren-Reklame mit dem Schriftzug „Radio Krauss“ am Altbau leuchtet jeden Abend, als ob sie sagen wollte: Ja, uns gibt es noch, wir sind noch da.

Elektro Krauss feiert 100-jähriges Jubiläum: 1925 ging es in Heilbronn los

Also folgt man Krauss vom Büro durch die Gänge seines Geschäfts. Krokodilklemmen, Gleichrichter, Kohleschichtwiderstände, Spannungsprüfer, Stromzangen, Energiesparlampen hängen in den Regalen. Etwa 10.000 unterschiedliche Artikel führt er in seinem Betrieb. Einen davon braucht Gabriel Gabor. Der Thermostat seines Grills ist kaputtgegangen. 320 Grad. „Haben wir leider nicht“, sagt Krauss. „Nur einen für 300 Grad.“ Kurzes Gespräch. Gabriel nimmt den Thermostat für 300 Grad mit und bezahlt dafür sechs Euro. „Dass es solche Geschäfte noch gibt, ist sehr gut. Es ist doch alles da, und das Beratungspersonal ist klasse“, sagt der 67-Jährige.

Oma Florentine und Vater Oskar 1933 im Geschäft in der Roßkampffstraße. Damals verkaufte Krauss Radios und Haushaltsartikel.
Oma Florentine und Vater Oskar 1933 im Geschäft in der Roßkampffstraße. Damals verkaufte Krauss Radios und Haushaltsartikel.  Foto: Archiv

Seit 30 Jahren sei er Stammkunde. Damals wurde Martin Krauss noch von seinem Vater Oskar unterstützt. Und der hat sein Handwerk bei dessen Vater Adolf gelernt. Adolf Krauss startete am 7. November 1925 mit einem kleinen Geschäft in der Mönchseestraße in Heilbronn.

Herausforderungen für lokalen Händler Krauss: Neue Konkurrenz aus Fernost 

100 Jahre Krauss – da ist einiges passiert. Krauss befindet sich gerade in einer Art dritten Welle, gegen die sich das Geschäft behaupten muss. Die erste mag die Eröffnung großer Elektromärkte wie Flachsmann, Media-Markt oder Saturn gewesen sein. „War gut“, sagt Krauss. Es galt die alte Unternehmerweisheit, wonach Konkurrenz das Geschäft belebe. Durch die räumliche Nähe zu Flachsmann beim Europaplatz habe sich eine gute Symbiose ergeben, erklärt er.

Historie

1925 beginnt in der Mönchseestraße 49 in Heilbronn die Geschichte von Radio Krauss. Gründer Adolf Krauss versorgte die ersten Haushalte mit Lampen und Leuchtmitteln. In den Wirtshäusern des Landkreises Heilbronn präsentierte er Radios der Marke Lumophon. 1929 zieht das Geschäft in die innere Rosenbergstraße um, die heute Rollwagstraße heißt. Von 1931 bis 1944 befand sich das Ladengeschäft in der Roßkampffstraße 25. Nach dem zweiten Weltkrieg zieht Krauss an die jetzige Adresse in der Turmstraße 20.

Martin Krauss hat in Heilbronn Elektronik studiert. Dass er das Geschäft mal von seinem Vater übernimmt, war nicht von vornherein klar.

Zukunft

Krauss hat vier Kinder. Ob eins davon das Geschäft übernehmen wird, ist ungewiss. Sohn Louis hat gerade sein Abitur hinter sich gebracht und hilft ab und zu aus. Larissa macht die Buchhaltung, Linda lebt in Berlin und kümmert sich um die Werbung, Julia Krauss studiert BWL.

Das Internet bescherte die zweite Welle. Überstanden. Derzeit bricht die dritte Welle über Einzel- und – man staune – etablierte Onlinehändler herein. Chinesische Internet-Portale bieten nahezu alles zum Schnäppchenpreis an. „Da stimmt was nicht mit der EU. Wie können die chinesischen Anbieter so günstige Produkte bei uns anbieten?“ Das System von China sei, zuerst den Handel zerstören und danach die Preise deutlich anheben. Die USA hätten dem einen Riegel vorgeschoben, erklärt der vierfache Vater. Dort zahle der Kunde 20 Dollar extra für Bestellungen aus Fernost. „Jetzt fluten sie Europa.“

Von Billiganbietern aus China halten die Kunden bei Krauss nicht viel. Otto Schmidt braucht ein Leergehäuse für Schaltgeräte. Einkaufen im Internet? „Die Info, die ich hier bekomme, hätte ich in fünf Stunden im Internet nicht gefunden. Dort kann ich keine Frage stellen“, sagt der 71-Jährige aus Gemmingen.

Erfolgsgeschichte in Heilbronn: Martin Krauss ist freundlich und Kunden zugewandt

Martin Krauss ist das Idealbild eines Kaufmanns. Er berät, statt zu überreden, spricht nicht zu laut, ist überaus freundlich, er lächelt und ist den Kunden zugewandt. Seinen Mitarbeitern begegnet er auf Augenhöhe. Die gute Stimmung und Krauss’ sympathische Art übertragen sich auf die neun Mitarbeiter, das Geschäft und die Kundschaft. Sie fühlen sich wohl. Krauss spricht selbst von einem Helfer-Syndrom, das er hat.

Martin Krauss leitet seit 1996 das Geschäft in der Turmstraße in Heilbronn.
Martin Krauss leitet seit 1996 das Geschäft in der Turmstraße in Heilbronn.  Foto: Berger, Mario

Immer noch kommen Kunden mit defekten Geräten. Oft verweist er in solchen Fällen an Reparatur-Cafés. „Bei uns würde sich das nicht lohnen.“ Machen sich seine Mitarbeiter doch an ein Gerät, kann er die Kosten dafür kaum verlangen. Im Moment sei er dabei, das Kostenmodell anzupassen. Er arbeitet mit Fraunhofer in Heilbronn zusammen. Sie sollen gemeinsam mit ihm das Geschäft für die Zukunft aufstellen.

Erfolg trotz Internet: Ein Drittel des Umsatzes macht Krauss mit Amazon

In der Gegenwart möchte Kunde Thomas Heldt seine Lampe mit einem modernen LED-Leuchtmittel ausrüsten. Krauss nimmt sich Zeit für ihn. „Die Mitarbeiter hier wissen, von was sie sprechen. Im Internet bekommt man nur Schrott“, sagt der 66-Jährige aus Auenstein. Krauss möchte das Internet nicht grundsätzlich verteufeln. „Nur mit unserem Online-Handel können wir das Ladengeschäft überhaupt halten.“ Ein Drittel seines Umsatzes mache er mit Amazon. Der Internet-Gigant rühmt sich, unübertroffen günstig zu sein. Stimmt nicht, beweist Krauss. Lötfett der Eigenmarke kostet bei ihm 2,95 Euro, bei Amazon und anderen Online-Händlern sind 6,75 Euro fällig.

Die Mitarbeiter von Martin Krauss loben ihren Chef. Wobei er das gar nicht so sehr schätzt, verrät Silke Weilbacher. „Ich liebe meinen Beruf, und ich liebe diesen Laden, unsere Kunden und unsere Chefetage.“ Seit 38 Jahren arbeite sie bei Krauss. „Das ist so ein toller Chef, den gibt’s kein zweites Mal. Wo gibt’s denn so was, dass ein Chef seine Mitarbeiter als seine Kollegen bezeichnet?“, fragt die 57-jährige Kirchardterin. Sozial und fachlich kompetent sei er. „Sich hier nicht wohlzufühlen, geht nicht.“

Zufriedene Mitarbeiter bei Elektro-Krauss in Heilbronn

Zufriedene Mitarbeiter, zufriedene Kunden. Das Untergeschoss des Hauses ist das Reich von Jochen Werner. Der Mann ist zuständig für guten Klang im Auto. „Mir macht das Elends-Spaß hier“, sagt der 52-jährige Böckinger. „Ich kann Probleme lösen und den Kunden helfen.“ Das mache ihn zufrieden.

Mitarbeiter Ralf Wenzel wechselt den Akku einer Fernsteuerung eines Modellfahrzeugs.
Mitarbeiter Ralf Wenzel wechselt den Akku einer Fernsteuerung eines Modellfahrzeugs.  Foto: Berger, Mario

Vielleicht sind auch deshalb viele Kunden zu Stammkunden geworden. Krauss erzählt von einem Heilbronner aus Australien, der bei ihm vorbeischaut, wenn er in der alten Heimat ist. Oder von einem Kunden aus dem Ruhrgebiet, der bei seiner Fahrt in den Süden bei Krauss haltmacht. „Ein Mann aus Sindelfingen kommt mit dem Rad her und kauft ein.“ Dann lächelt er und macht sich wieder an die Arbeit. Kümmert sich um seine Kunden, die schätzen und wissen, dass es Krauss gibt.




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