Innovation statt Resignation - Wie Heilbronner Händler ihre Geschäfte zukunftsfähig machen
„Wenn sich alles ins Internet verlagert, sind wir weg“ – mit dieser Sorge sind Heilbronner Einzelhändler nicht allein. Doch sie geben nicht auf: Workshops, Social Media und kreative Ideen sollen das Geschäft voranbringen. Das sind zwei Beispiele.

Steigende Online-Konkurrenz, weniger Laufkundschaft, Parkplatzsorgen: Innenstädte stehen vor großen Herausforderungen. Doch für Heilbronner Einzelhändler kommt es nicht infrage, den Kopf in den Sand zu stecken.
Das zeigt sich auch an der Resonanz, die das Urban Innovation Hub (UIH) in der Sülmerstraße erhält. Dort werden Workshops zur Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle angeboten – mit nachhaltigem Erfolg.
Social Media, neue Services und stärkere Vernetzung: Heilbronner Händler setzen auf kreative Ansätze
Als eine Art Vorzeigebeispiel für die Verbindung von Bildungscampus und Innenstadt nennen die Verantwortlichen unter anderem das Messerfachgeschäft Maurer, das das Integrationsseminar des Handelsstudiengangs an der DHBW Heilbronn nutzte, um seine Social-Media-Strategie zu optimieren.

Studierende entwickelten ein Konzept, erstellten Accounts auf Instagram und TikTok und überreichten dem Unternehmen eine Art Leitfaden. „Eine tolle Zusammenarbeit. Die Studierenden haben professionelle Arbeit geleistet“, lobt Jürgen Maurer, der die Messerschmiede Messer Maurer in der Heilbronner Fleiner Straße in dritter Generation führt.
Social Media als Unterstützung, nicht als Lösung aller Probleme
Social-Media-Kanäle zu bespielen sei ein erheblicher Aufwand neben dem eigentlichen Geschäft, sagt Jürgen Maurer. Sein Sohn übernimmt derzeit diesen Part. Unmittelbare Erfolge seien zwar nicht sofort sichtbar, doch für Maurer steht fest: Es geht darum, die eigenen Scheuklappen abzulegen, das Geschäft zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Social Media sieht er dabei als Unterstützung, nicht als Lösung aller Probleme.
Zudem begrüßt er, dass durch solche Kooperationen der Campus stärker in die Innenstadt eingebunden wird. „Es ist wichtig, Studierende als Kunden zu gewinnen oder sie zumindest in die Stadt zu holen.“
Viele wüssten wenig über Heilbronn. Mehr Angebote wie Infoabende für Erstsemester oder Events wie die „City Dinner Tour“ der IHK Heilbronn-Franken, bei dem 100 Besucher aufgeteilt an einem Abend und in mehreren Geschäften Einblicke erhalten, seien daher notwendig.
Umsatzrückgang wegen wegfallender Parkplätze?
Der Austausch mit anderen Einzelhändlern während der UIH-Workshops sei sehr motivierend gewesen. „Händler müssen ihre Hausaufgaben machen“, sagt Maurer. „Wenn sich alles ins Internet verlagert, sind wir weg.“ Allerdings sei der Online-Handel nicht allein für den Umsatzrückgang verantwortlich. Seitdem die Stadt immer mehr Parkplätze entferne und begrüne, verzeichnet er bis zu 30 Prozent weniger Umsatz. „Kunden, die Geld ausgeben, kommen nicht mit dem Fahrrad oder dem Bus. Sie wollen nah parken.“ Maurer kritisiert, dass Autofahrer in Heilbronn regelrecht diskriminiert würden.
Dennoch bleibt Jürgen Maurer optimistisch. Er schwärmt von Heilbronn – so sehr, dass er sogar eine Kundin aus Darmstadt für einen Kurztrip in die Stadt begeistern konnte, als sie ihm ein Messer zum Schleifen brachte. „Heilbronn hat viel zu bieten und ist immer eine Reise wert“, sagt er mit Blick auf die umliegenden Weinberge.
„Viel Beratung, aber wenig Brot“ - Herausforderungen im Handel
Auch Krauss Elektronik GmbH setzte die Arbeit nach der UIH-Workshop-Reihe fort und kooperiert nun mit dem Fraunhofer IAO Kodis, um ihr Dienstleistungsangebot weiterzuentwickeln. Geschäftsführer Martin Krauss kennt die Herausforderungen des stationären Handels: „Viel Beratung, aber wenig Brot.“

Ein erstes Ergebnis der Workshops ist bereits sichtbar: Im Laden gibt es nun einen Service-Point für kleinere Reparaturen, etwa den Wechsel der Batterie im Autoschlüssel. Zudem wird der Webshop für Balkonkraftwerke ausgebaut und eine Plattform entwickelt, die mittels einer Umfrage Kundenbedarfe besser erfassen soll.
Einzelhändler sind motiviert - „Privilegiert, dass Heilbronn ein Urban Innovation Hub hat“
Auch in den sozialen Medien will Krauss aktiver werden. „Ich will in die Puschen kommen“, sagt er und lacht. Einen UIH-Kurs zu Social Media hat er bereits zweimal besucht. Facebook und Instagram regelmäßig zu bespielen sei zeitintensiv, weiß er, aber essenziell, um die Bindung zu Kunden zu halten. „Unsere langjährigen Kunden sollen spüren, dass wir sie wertschätzen.“ Seine vier Kinder helfen ihm im Geschäft – ob bei der Buchhaltung oder an der Kasse.
Die Workshops haben ihn angespornt, weiterzudenken. „Ich fühle mich privilegiert, dass Heilbronn ein Urban Innovation Hub hat.“
Heilbronn muss attraktiver werden für Ipai und Bildungscampus
Glücklich ist Krauss auch über die derzeitige Parksituation vor seinem Laden: Kurzzeitparkplätze ermöglichen 30 Minuten kostenloses Parken. Doch der geplante Umbau der Turmstraße macht ihm Sorgen. „Dann sehe ich schwarz.“ Die Vorstellung, dass Kunden keine Parkmöglichkeiten mehr hätten, bereite ihm Existenzängste.
Trotz aller Herausforderungen blickt er in die Zukunft: „Heilbronn muss attraktiver werden für den KI-Park Ipai und den wachsenden Bildungscampus.“ Ob es in fünf bis sechs Jahren noch viele der heutigen Geschäfte geben werde, bleibe abzuwarten. „Ich hoffe es.“ Die Neckarmeile zeige, dass Menschen weiterhin gern in die Stadt kommen – diese Entwicklung müsse nun auf die gesamte Innenstadt übertragen werden.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare