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Heilbronn 

Abrisspläne in Böckingen: Historisches Pfadfinderhaus vor dem Aus?

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Aus Kostengründen soll das 125 Jahre alte Pfadfinderhaus in Heilbronn-Böckingen samt zweier Linden der neuen Diakoniestation mit Tiefgarage weichen.


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Im Schatten der zwei großen Linden wirkt das schmucke Fachwerkhaus in der Klingenberger Straße in Böckingen beinahe verloren. Erbaut im Jahr 1901 diente es lange den Pfadfindern als Heimstatt.

Nachdem es noch zeitweise von Vereinen genutzt wurde, steht es inzwischen leer. Und womöglich verschwindet es bald ganz aus dem Stadtbild.

Diakoniestation in Heilbronn-Böckingen geplant – muss das Pfadfinderhaus weichen?

Denn die Evangelische Kirche möchte auf dem dahinterliegenden Gelände des Petrus Gemeindehauses eine neue Diakoniestation mit Kindergarten und Tiefgarage errichten. Diesen Plänen steht das Pfadfinderhaus im Weg. 

Pfarrer Jochen Rexer will sich als Vorsitzender der Diakoniestation Heilbronn-West auf Stimme-Anfrage derzeit nicht zu dem Thema äußern, zunächst sind ohnehin die weltlichen Gremien gefragt, sprich der Gemeinderat und seine Ausschüsse.

Erhaltungssatz soll die historische Bebauung schützen

Denn in dem Gebiet gilt die 2009 beschlossene Erhaltungssatzung der Stadt Heilbronn, die das Ziel verfolgt, die um 1900 entstandene Bebauung mit ihren prägenden Ziegelgebäuden zu erhalten. 

Das ehemalige Pfadfinderhaus steht leer und soll auf Wunsch der Evangelischen Kirche abgerissen, und die beiden Linden sollen gefällt werden.
Das ehemalige Pfadfinderhaus steht leer und soll auf Wunsch der Evangelischen Kirche abgerissen, und die beiden Linden sollen gefällt werden.  Foto: Kilian Heyd

An deren Einhaltung appelliert Holger Kimmerle in einer Pressemitteilung. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat findet: „Wenn eine Erhaltungssatzung nur gilt, solange sie niemanden einschränkt, wird sie ihrem Zweck nicht gerecht.“ Dass es einen steigenden Bedarf für ambulante Pflege und eine Weiterentwicklung der Kindertagesstätte brauche, stellt Kimmerle nicht in Frage. Wohl aber, ob dafür das historische Gebäude samt der beiden Bäume weichen müsse. „Eine Integration des Gebäudes in das Gesamtkonzept“ sei grundsätzlich möglich, wie ein entsprechendes Gutachten zeige. 

Aufgrund explodierender Kosten plädiert die Kirche für den Abriss 

Tatsächlich war das Pfadfinderhaus in den ursprünglichen Bauplänen erhalten geblieben. Allerdings stellte sich inzwischen heraus, dass dies die Gesamtkosten für die Kirche in unbezahlbare Höhe treibe. „In der Oktober-Sitzung des Kirchengemeinderats zeigte sich, dass die Kosten für das Bauprojekt weit über unseren beschlossenen Finanzierungsplan hinausgehen und nicht mehr finanziert werden können“, schreibt Rexer im aktuellen Gemeindebrief. 

Mit Verweis auf die zunehmend klammen Kirchenkassen sei es nicht möglich gewesen, beim zuständigen Architekturbüro die weiteren „Leistungsphasen“ zu beauftragen. „Von daher mussten in der Planung dringend Einsparpotenziale ausgelotet werden“, so Rexer. Das Ergebnis: Wenn das Pfadfinderhaus samt der beiden Linden weicht, dann ließe sich der Kostenrahmen einhalten.  

Ausnahmen von der Erhaltungssatzung hat es schon einige gegeben 

Voraussetzung dafür ist allerdings eine Aufhebung der Erhaltungssatzung, die den Abriss des Gebäudes ermöglichen würde. Es wäre kein Präzedenzfall. Denn Ausnahmen gab es in der Vergangenheit schon einige. Die Stadtsiedlung erhielt 2016 die Erlaubnis für eine Neubebauung im Quartier Stockheimer Straße und Bruckner Straße. In der Klingenberger Straße 48 durfte ein Eigentümer 2020 abreißen und zweigeschossig neu bauen.

Mit dem Projekt der evangelischen Gemeinde Böckingen-Klingenberg am ehesten vergleichbar war der 2015 zugelassene Abriss und 2017 fertiggestellte Neubau des katholischen Gemeindezentrums St. Kilian. 5,5 Millionen Euro hatte das zweigeschossige Gebäude mit integrierter Kindertagesstätte gekostet. Auch hierfür war eine Ausnahme von der Erhaltungssatzung bewilligt worden. 

Was besagt die Erhaltungssatzung?

Im Jahr 2009 hatte der Gemeinderat die Erhaltungssatzung für Alt-Böckingen beschlossen. „Damit werden auch Sanierungsmaßnahmen wie zum Beispiel eine Fassadenerneuerung genehmigungspflichtig. Der Grund dafür war ein schleichender Verlust historischer Gebäude und Fassaden durch Abbrüche und durch gestalterisch unpassende Maßnahmen“, erklärte der damalige Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach. Die Erhaltungssatzung sei allerdings nicht „als Einschränkung, sondern als  große Chance für Böckingen“ zu betrachten. Bei einer Gebäudesanierung erhalten die Eigentümer von der Stadt Heilbronn eine kostenlose Vorberatung durch einen Experten. Bei Verstößen können Bußgelder bis zu 25.000 Euro verhängt werden.

Die Grünen-Fraktion fordert in ihrer Mitteilung die Verwaltung dazu auf, für solche Ausnahmen „nachvollziehbare Kriterien sicherzustellen und eine Gleichbehandlung vergleichbarer Fälle zu gewährleisten“. „Oft wird jedes einzelne Gebäude für sich als verzichtbar betrachtet. In der Summe verlieren unsere Stadtteile so aber ihr Gesicht“, wird Stadträtin Ulrike Morschheuser zitiert.

Stimme-Userin hätte schon eine Idee für eine künftige Nutzung

Während Rexer das Pfadfinderhaus in seinem Gemeindebrief als „baufällig“ bezeichnet, betonen die Grünen, dass ein entsprechendes Gutachten „keine relevanten Schäden“ festgestellt habe und es daher „aus baulicher Sicht erhaltbar“ sei.

Im Gespräch mit der Stimme wird Fraktionschef Kimmerle konkreter: „Ich wünsche mir, dass die Stadt zumindest prüft, ob sie das Gebäude erwerben möchte, um es einer neuen Nutzung zuzuführen.“ Stimme-Userin Dorothee Wöhrle aus Böckingen hat bereits einen konkreten Vorschlag: „Wie schön wäre ein Oma Café unter den Linden, als Ort der Begegnung von Jung und Alt.“




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