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Nach Merz-Kritik: Ärzteverband hält telefonische Krankschreibung für unverzichtbar

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Bundeskanzler Friedrich Merz stellt die telefonische Krankschreibung infrage und verweist auf steigende Krankheitstage. Hausärzte in Baden-Württemberg kontern und warnen vor falschen Schlüssen zulasten der Versorgung.


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Friedrich Merz und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken wollen die telefonische Krankschreibung überprüfen lassen. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau hatte der Bundeskanzler behauptet, der Anstieg der durchschnittlichen Krankheitstage pro Jahr stehe in Zusammenhang mit der Möglichkeit, sich nach einen Telefonat mit einem Arzt von der Arbeit befreien zu lassen. „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“, fragt Merz mit Blick auf den seiner Meinung nach mit 14,5 Tagen hohen jährlichen Ausfall der Arbeitskräfte.

Nach Angaben des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung machen telefonische Krankschreibungen bundesweit und mit Stichtag im Herbst des vergangenen Jahres allerdings lediglich 0,9 Prozent aller Fälle aus. 

Ärzteverband: Telefonische Krankschreibung entlastet die Praxen

Die Vorstandsvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg, Dr. Susanne Bublitz, sieht in der Möglichkeit, sich telefonisch krankschreiben zu lassen, hingegen eine „medizinisch wie versorgungspolitisch absolut sinnvolle Lösung“. Sie entlaste die ohnehin stark beanspruchten Hausarztpraxen und verhindere, dass Patienten mit leichten Infekten unnötig in die Praxis kommen müssen – „insbesondere in Zeiten hoher Infektlagen“.

Friedrich Merz macht die telefonische Krankschreibung für den in seinen Augen hohen Krankheitsstand verantwortlich. Dem widersprechen zahlreiche Mediziner.
Friedrich Merz macht die telefonische Krankschreibung für den in seinen Augen hohen Krankheitsstand verantwortlich. Dem widersprechen zahlreiche Mediziner.  Foto: Hannes P Albert

„Die häufig geäußerte Befürchtung, die Telefon-AU lade zu Missbrauch ein“, so Bublitz, „spiegelt weder die alltägliche Erfahrung in unseren Praxen wider noch wird sie durch die Datenlage der Krankenkassen bestätigt, die seit Jahrzehnten die Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitszahlen beobachten.“  

Die Möglichkeit, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach telefonischer Anamnese zu erhalten, wurde im März 2020 und damit zu Beginn der Corona-Pandemie zunächst befristet eingeführt, um Infektionsrisiken zu minimieren. Patienten mussten damals nicht persönlich vorstellig werden. Zwischenzeitlich lief die Sonderregelung aus, wurde dann aber wieder eingeführt. 

Maximal fünf Tage: Das gilt bei der telefonischen Krankschreibung

Um Missbrauch zu vermeiden, können die Mediziner trotzdem eine persönliche Vorstellung verlangen. Die Diskussion blende diesen Punkt häufig aus und unterstelle damit der Ärzteschaft eine fehlende Fähigkeit zur Differenzierung, sagt Susanne Bublitz. Das Gegenteil sei der Fall: „Wir kennen unsere Patienten in aller Regel seit vielen Jahren – und wir können sie einschätzen.“ Infrage kommt die telefonische Krankschreibung etwa bei grippalen Infekten, leichten Magen-Darm-Erkrankungen oder Atemwegsinfekten, bei denen eine körperliche Untersuchung medizinisch nicht zwingend notwendig sei. Länger als fünf Tage dürfen die Patienten auf diesem Weg nicht von der Arbeit befreit werden.  

Die Telefon-AU sorge für spürbare Entlastung im Versorgungsalltag und habe sich als eine der wenigen tatsächlich wirksamen Entbürokratisierungsmaßnahmen der vergangenen Jahre erwiesen. „Die erneuten Forderungen nach ihrer Abschaffung halten wir angesichts der eindeutigen Faktenlage für kurzsichtig und versorgungspolitisch nicht nachvollziehbar“, so die Vorstandsvorsitzende.

Die Krankheitsausfälle bei der Arbeit sind nach einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg etwas gesunken. Im Schnitt waren Beschäftigte 16,6 Kalendertage krankgeschrieben – annähernd so lange wie 2024 mit 17 Fehltagen, wie die Kasse nach eigenen Versichertendaten ermittelte.

Baden-Württemberg weist unter den Bundesländern den geringsten Arbeitsausfall durch Krankheit aus. An erster Stelle der Ursachen für Krankschreibungen im Südwesten standen Atemwegserkrankungen wie Bronchitis mit 336 Fehltagen je 100 Versicherte nach 355 Fehltagen 2024. Auf Platz zwei kamen psychische Erkrankungen wie Depressionen. Sie lagen mit 296 Fehltagen je 100 Versicherte leicht über Vorjahresniveau. Es folgten Muskel-Skelett-Probleme wie Rückenprobleme, die mit 273 Tagen je 100 Versicherte im Vergleich zu 2024 leicht zurückgingen, wie die DAK in Stuttgart mitteilte. dpa

Arzt aus Neckarsulm spricht sich klar für Fortführung aus

Der Allgemeinmediziner Dr. Tobias Neuwirth aus Neckarsulm sieht das ähnlich: „Ich sehe keinen Missbrauch, denn ich kenne meine Patienten.“ Er spricht sich klar für eine Fortführung aus. Kritisch steht er hingegen Online-Plattformen gegenüber, die eine digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung anbieten. 

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